Stand: 08.11.2018 18:20 Uhr

Vor 80 Jahren: Terror in der Reichspogromnacht

von Vivienne Schumacher

Verwüstung und Mordkommandos in Schleswig-Holstein

In Kiel nimmt SA-Oberführer Volquardsen am späten Abend des 9. November einen Anruf entgegen: Der Kieler Polizeipräsident und SA-Führer, Joachim Meyer-Quade, der anlässlich der Gedenkfeier zum Hitler-Putsch in München ist, gibt den Befehl durch, gewaltsam gegen jüdische Geschäfte und Gotteshäuser vorzugehen. Früh morgens versammeln sich auf dem Rathausplatz in Kiel SA- und SS-Männer sowie Parteimitglieder der NSDAP.

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In Kiel erinnert heute eine Gedenktafel auf dem Grundstück der damaligen Synagoge an die Pogromnacht.

Auch hier soll die "Aktion" in Zivil durchgeführt werden. In Stoßtrupps ziehen sie durch die Stadt und zur Synagoge in der Goethestraße. Die Männer zünden das Gebäude an und legen einen Sprengsatz. Gleichzeitig sind in der Stadt Mordkommandos unterwegs: Die Juden Lask und Leven, bekannte Geschäftsleute in Kiel, sollen umgebracht werden. Beide werden durch Schüsse schwer verletzt, überleben aber. In der Nacht und in den folgenden Tagen werden zahlreiche Juden verhaftet. Nationalsozialisten bringen die 58 Männer in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau.

Pogrome auch in Kleinstädten

Zu Übergriffen kommt es auch in norddeutschen Kleinstädten. So erinnert sich etwa Otto Heinrich Rühling, der damals 19 Jahre alte Sohn des Bürgermeisters von Friedrichstadt, noch genau an die Reichspogromnacht: "Trotz der Doppelfenster, die wir im Rathaus hatten, hörten wir gegen sechs Uhr einen fürchterlichen Krach. Keine Bombenexplosion, sondern so, als wenn jemand mit einem Beil eine Tür einschlägt oder irgendetwas kaputt macht. Dieser Krach rührte von der Synagoge her, das war unser erster Eindruck. Ich bin dann am Vormittag mit einer netten Freundin aus der Brauerei durch die Straßen gegangen und habe geguckt. Wir kamen zur Synagoge hier an der Ecke Westermarktstraße/Am Binnenhafen und sahen, dass die Tür kaputt war. Wir gingen hinein und es sah richtig aus wie Vandalismus. Es lag alles durcheinander. Die Bänke waren zerbrochen, sämtliches Inventar völlig zertrümmert und auch die Thora-Rollen lagen halb aufgerollt in der Gegend." Nachts waren SA-Männer aus Husum und Schleswig gekommen und hatten das Gebäude im Inneren zerstört.

Von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung

Insgesamt sterben infolge des Novemberpogroms 1938 in Deutschland mehr als 1.300 Menschen, rund 30.000 Jüdinnen und Juden werden verhaftet oder in Konzentrationslager verschleppt. 1.406 Gottes- und Gemeindehäuser werden zerstört, mehrere Tausend Geschäfte verwüstet. Mit dem Novemberpogrom, das als Reaktion auf die Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs Ernst vom Rath in Paris dargestellt wurde, ist das NS-Regime von der Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung zur systematischen Verfolgung übergegangen. Sie mündete später im Holocaust.

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