Sendedatum: 03.06.2013 22:45 Uhr  | Archiv

Wie Kennedys Besuch Geschichte schrieb

von Tom Fugmann
John F. Kennedy auf Staatsbesuch in Deutschland, 1963 © picture-alliance/ dpa Foto: UPI
John F. Kennedy war nur acht Stunden in Berlin, doch der Besuch des US-Präsidenten war 1963 ein Triumph.

Es ist beinahe so, als sei der Erlöser gekommen: Tausende Berliner bejubeln den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auf seiner Fahrt durch Berlin - am 26. Juni 1963. Er fährt in einer offenen Limousine, neben sich Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister. Dessen Pressesprecher, Egon Bahr, hat diese Euphorie - und noch viel mehr - damals miterlebt: "Kennedy kam ins Rathaus, ging ins Zimmer des Regierenden. Und als Erstes hat er nach den sanitären Anlagen gefragt. Selbst ein Präsident muss, wenn er muss. Und Adenauer hat auf dem Stuhl des Regierenden gesessen und hat das 'Neue Deutschland' [Anm.d.Red.: Zeitung, das Zentralorgan der SED] studiert, was auch nicht so üblich war. Der Kennedy ist dann auf und ab gegangen und hat mit dem Dolmetscher einen Satz, den wir nicht verstanden haben, geübt. Den haben wir dann auch erst draußen gehört."

John F. Kennedy bei seiner berühmten Rede in Berlin 1963. © dpa picture alliance

AUDIO: "Ich bin ein Berliner" (3 Min)

Egon Bahr meint den berühmten Satz Kennedys: "Ish bin ein Bearleener." Für ihn war das ein Zeichen für eine geniale Fähigkeit des US-Präsidenten. "Er hatte ein Gefühl für das, was die Menschen erhofften in West-Berlin, was sie erwarteten und was sie beruhigt und begeistert hat."

Brandt schreibt Kennedy einen alarmierten Brief

Willy Brandt und Egon Bahr, 1972 © picture-alliance / Sven Simon Foto: SVEN SIMON
Egon Bahr war engster Vertrauter und guter Freund von Willy Brandt.

Egon Bahr ist der engste Vertraute von Willy Brandt. 1961 erlebt er, wie die Mauer gebaut wird. Die Berliner müssen hinnehmen, wie Familien und Freunde über Nacht getrennt werden, die Grenze später zur Todesfalle wird. Mauer ist besser als Krieg, so wird den Berlinern aus Washington bedeutet. Doch damit wollen sie und ihr Regierender Bürgermeister sich nicht abfinden. Brandt schreibt Kennedy einen alarmierten Brief. "Der Kennedy war natürlich nicht erfreut, in diesem Ton und in diesem Stil von so einem kleinen Bürgermeister einer nichtsouveränen Stadt vorgeführt oder angeredet zu werden", erinnert sich Bahr. "Er hat aber die Sache erfasst und sofort reagiert, indem er eine Kampfgruppe von 1.500 Mann nach Berlin in Marsch gesetzt hatte. Und da waren die Berliner begeistert und haben die begrüßt wie die heimkehrenden eigenen Soldaten aus einem siegreichen Krieg. Und wenn sie sich daran erinnern, ist natürlich der Besuch des Präsidenten persönlich wie ein Siegel und wie der Stempel: Ihr braucht keine Sorge mehr zu haben."

Kennedy fordert einen Wind der Veränderung

US-Präsident John F. Kennedy 1963 in Berlin bejubelt © picture-alliance / dpa Foto: Alfred Hennig
Am Schöneberger Rathaus hatte John F.Kennedy 1963 seine legendäre Rede gehalten.

In Berlin steht John F. Kennedy zum ersten Mal an der Mauer, erlebt die Teilung hautnah und spricht am Nachmittag schon über deren Überwindung, von den Möglichkeiten der Verständigung zwischen den Machtblöcken. Er fordert einen "Wind of Change", den Wind der Veränderung, der über den Eisernen Vorhang wehen soll. Der Gedanke der Entspannungspolitik wird geboren und später von Brandt und Bahr aufgegriffen und weiterentwickelt.

"Das Erste ist, man musste mit der anderen Seite reden. Man durfte nicht DDR sagen", erzählt Egon Bahr. "Das bedeutete aber den Beginn einer erbitterten Auseinandersetzung. Die CDU in Berlin hat gesagt, mit Gefängniswärtern verhandele man nicht. Brandt hat gesagt, kleine Schritte seien besser als große Worte. Die CDU hat gesagt, die Wunde müsse offen bleiben. Wie lange eigentlich? Brandt hat gesagt, die Politik solle sich zum Teufel scheren, wenn sie nicht den Menschen helfe."

Für Bahr war Kennedys Besuch vor 50 Jahren ausschlaggebend

Brandt, Bahr und Kennedy werden recht behalten. Am Ende ist es diese Politik der Annäherung und menschlichen Erleichterungen zwischen Ost und West, die den Kalten Krieg beenden wird. Für Egon Bahr war der Moment, von dem alles ausging, jener Besuch des amerikanischen Präsidenten in Berlin. Aber spürte man damals den Mantel der Geschichte wehen? "Nein", sagt Bahr heute. "Das Rüstzeug, unter dem man Entscheidungen trifft, besteht immer in den Kenntnissen des Tages. Die versucht man, in irgendeine Kombination zu bringen mit den eigenen Wünschen, den eigenen Hoffnungen, im besten Fall mit einer eigenen Vision. Das ist immer noch so. Hoffentlich haben wir künftig so viel Glück, wie wir damals Glück gehabt haben."

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 03.06.2013 | 22:45 Uhr

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