Sendedatum: 06.02.2012 08:00 Uhr  | Archiv

Zeit für Gefühle mitten im Chaos

Immer mehr Menschen, die oft nichts außer ihren nassen Schlafanzügen anhaben, kommen, werden ärztlich und mit einer heißen Suppe versorgt. Ihnen werden Strohlager, die jetzt auch in den Klassenräumen aufgeschlagen werden, zugewiesen, auf denen sie mit Rotkreuzdecken zugedeckt erstmal schlafen können. Auch Lehrer unserer Schule sind dort, helfen bei der Organisation und sagen, dass wohl die nächsten Wochen kein Unterricht sein wird. Und hier höre ich auch, dass der Vater meines Klassenkameraden Rolf aus Moorburg, der bei der Feuerwehr und beim DRK im Einsatz war, in dieser Nacht ums Leben gekommen sei. Später erfahre ich im Radio von über Hundert Toten, wie sich nach einer Woche herausstellt, eine viel zu niedrige Zahl, tatsächlich sollen es 317 gewesen sein. Wir alle sind getroffen von dem Ausmaß der Verwüstung, die die Sturmflut hinterlassen hat.

Als Helfer an der Schule im Einsatz

Sturmflut 1962: Soldaten tragen Menschen von der Schule in der Fährstraße in Hamburg-Wilhelmsburg durchs Wasser zu einem Fahrzeug. © NDR Foto: Peter Sander
In zahlreichen Schulen werden Notunterkünfte für die Flutopfer eingerichtet.

Am Montag melde ich mich in meiner Schule als Helfer. Wir werden dazu aufgefordert, viele kommen. Wir teilen Decken aus, helfen Älteren beim Weg zum Klo, verteilen Essen und leisten Hilfe beim Umräumen der Lager. Waren zuerst alle Flutopfer in einen Raum untergekommen, versuchen die Mitarbeiter des Roten Kreuzes nun, sie nach Familien, Nachbarschaft, Alter und zum Teil nach Geschlecht umzulegen. Natürlich sind die meisten nicht bettlägerig, sondern helfen selbst mit, das Leben so erträglich wie möglich zu machen, unter anderem auch ein 16-jähriges Mädchen mit einem braunen Pferdeschwanz aus Wilhelmsburg, das fröhlich Essen austeilt und vor allem älteren Menschen Trost zuspricht, mit kleineren Kindern spielt und sie aufmuntert.

Irgendwann finden wir uns in den nächsten Tagen immer wieder, nein, wir suchen uns wohl auch. Wenn ich morgens komme, schaue ich nach ihrem roten Pullover, ihrem Pferdeschwanz und versuche ihr fröhliches Lachen wahrzunehmen. Sie heiße Marion, sagt sie mir, sei Lehrling bei einer Bank im ersten Jahr und sie käme aus Kirchdorf, das völlig überflutet sei, sie und ihre Familie seien mit einem Schlauchboot am Morgen nach der Sturmflutnacht gerettet worden, aber sie wüssten nicht, ob sie jemals wieder in ihr Haus zurückkehren könnten. Ich bleibe immer länger als ich es soll, nicht nur weil ich helfen, sondern vor allem, weil ich in der Nähe von Marion sein will. Irgendwann nach einigen Tagen suchen wir dunkle Ecken auf dem Schulflur, gegenseitige Nähe und Berührungen, und irgendwann küssen wir uns, zärtlich und heftig, und das in meiner strengen Jungenschule. Ich wirke verstört und gleichzeitig glücklich, wenn ich nach Hause komme, meine Mutter versteht nicht, was ich in der Schule solange tue, es seien doch genug Helfer dort.  

Aber als ich am Tag 6 nach der Flut wieder in die Schule komme und Marion suche, kann ich sie nicht mehr finden. Sie hätten wie viele andere Familien Notunterkünfte gefunden, sagt man mir auf mein Nachfragen, und ich kenne nur ihren Vornamen. Mich nach ihrem Nachnamen zu erkundigen und wohin sie gekommen seien, traue ich mich nicht. Immer mehr Menschen kommen die nächsten Tage aus dem 'Notaufnahmelager' Schule heraus in menschenwürdigere Quartiere. Helfer werden immer weniger gebraucht, und mein Enthusiasmus ist ohne Marion gebrochen. Nach zwei Wochen ist die Schule bis auf wenige Räume wieder frei, sodass auch der Schulalltag wieder beginnen kann.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die Katastrophe und der Respekt vor der Natur, aber auch die Erinnerung an Marion, die mich erröten und mein Herz wie die Wellen einer Sturmflut hat höher schlagen lassen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 06.02.2012 | 08:00 Uhr

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