Sendedatum: 19.12.2016 19:30 Uhr  | Archiv

Mode in der DDR

"Präsent 20" - Sinnbild wirtschaftlicher Unabhängigkeit

Für den kleineren Geldbeutel wurde 1969/70 "anlässlich des 20. Jahrestages der DDR" ein Produkt geschaffen, das die "konsumbedürftige" Bevölkerung befriedigen sollte: die Stoffneuentwicklung "Präsent 20". Die neue Textilie wurde nach dem Großrundstrickverfahren hergestellt und verkörpert wie kein anderes Produkt den Traum der DDR nach wirtschaftlicher Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Überlegenheit. Das anfangs wegen seinen Pflegeeigenschaften beliebte Rundstrick aus 100 Prozent Polyester geriet aber bald schon in die Kritik der Verbraucher.

Das Straßenbild der DDR war geprägt durch die dunkelblauen und dunkelbraunen Kostüme und Anzüge "aus dem Stoff, aus dem die Alpträume sind", wie manch Unzufriedener monierte. Zudem standen die Kleidungsstücke immer etwas steif ab und trugen durch ihre erhöhte Wärmeentwicklung zu unangenehmen Gerüchen bei. Die Kleidung neigte zu elektrischer Aufladung, was besonders bei langen Röcken problematisch war: Der Stoff blieb am Bein haften.

Dennoch wurde das im VEB Textilkombinat Cottbus 1969 erstmals hergestellte Produkt in der Betriebschronik wegen der neuen Herstellungstechnik, der Geschwindigkeit der Produktion und der Qualität des Erzeugnisses als "Weltspitzenerzeugnis" gefeiert. Was in der Chronik verschwiegen wurde und öffentlich nicht bekannt werden durfte: Die Großrundstrickmaschinen waren aus der Bundesrepublik importiert worden.

Selbst ist die Frau

Der Mangel an Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und Individualität in der käuflichen DDR-Mode konnte nur über Eigeninitiative ausgeglichen werden. So waren in der vierteljährlich erscheinenden DDR-Zeitschrift "Guter Rat" immer wieder Anleitungen zum "Stoffreste-Verwerten, Färben und Wenden" zu finden. Die Nähmaschine gehörte schließlich zum Inventar eines jeden DDR-Haushalts. Mangels hochwertiger Stoffe griff man oftmals zu (frischen) Baumwollwindeln und Bettlaken und nähte sich Kleider oder Hosen nach, auf die man in Zeitschriften oder Filmen aufmerksam geworden war. Schließlich entstanden in den 80er-Jahren Wochenmärkte, auf denen Laiengestalter unaufwendig genähte Kleidung verkauften.

Quelle: www.mdr.de/damals

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Nordmagazin | 19.12.2016 | 19:30 Uhr

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