Sendedatum: 10.06.2013 22:45 Uhr  | Archiv

60 Jahre Aufstand gegen die Diktatur

von Tom Fugmann

Aufruhr in der DDR: Am 17. Juni 1953 erhebt sich das Volk. An diesem Tag entlädt sich die Wut über Bevormundung, Normerhöhungen, Willkür. Eine Wut, die sich lange angestaut hatte und nicht von ungefähr kam. Zuviel Unrecht war zuvor geschehen.

Enteignung und Zuchthaus

Ilse Fridrich
Ilse Fridrich wurde 1953 enteignet. Auch nach der Wende bekam sie ihr Haus nicht zurück.

Ilse Fridrich aus Kühlungsborn bekam den verschärften Klassenkampf in der DDR schon lange vor dem 17. Juni zu spüren. 25 Jahre alt ist sie, als sie Opfer der sogenannten Aktion Rose wird, einer Verhaftungswelle von Hoteliers und Hausbesitzern an der Ostseeküste, denen Wirtschaftskriminalität vorgeworfen wird. Ein Vorwand, um sie zu enteignen. "Vor allem merkten wir sehr bald, dass es nicht darum ging. Es können nicht alle Leute dieselben Verbrechen gemacht haben", sagt sie. "Die ganzen Hoteliers sollten alle dasselbe gemacht haben. Deswegen sind sie geholt worden. Dann haben wir gesagt: Es geht um die Häuser. Die wollen die Häuser haben!"

Ilse Fridrich gehören eine Tischlerei und ein Kinderheim. Zunächst bleibt sie verschont. Doch im Februar kommen die Beamten auch zu ihr und werden fündig: ein Kaufbeleg für einen Pelzmantel, erworben in Westberlin. "Ich habe ja, wie es in meinem Urteil so schön heißt, ein Vergehen gegen das Gesetz zum innerdeutschen Zahlungsverkehr gemacht. Und ich habe Geld nach Westberlin geschafft, wo es Verwendung findet zur Vorbereitung eines Dritten Weltkriegs." Ilse Fridrich wird zu neun Monaten Haft im Zuchthaus Bützow verurteilt.

Aktiv in der Kirche und dadurch Klassenfeind

Gerhard Voß
1953 wurde Gerhard Voß von der Schule verwiesen: "Dass der Kurs schärfer wurde gegen Kirche und Junge Gemeinde, das wussten und spürten wir."

Zu dieser Zeit büffelt Gerhard Voß in Neubrandenburg für sein Abitur. Die schriftlichen Prüfungen hat der 19-Jährige schon absolviert und hofft nun, auch die mündlichen zu schaffen. Doch Voß ist aktiv in der "Jungen Gemeinde" der evangelischen Kirche. Er gilt jetzt als Klassenfeind. "Ich sehe uns noch im Schülerraum sitzen", erinnert er sich. "Um uns herum standen Lehrer, FDJ-Funktionäre, Parteifunktionäre. Und dann musste in unserer Klasse abgestimmt werden, ob wir in der FDJ und in unserer Schule bleiben duften. Alle wollten ihr Abitur retten und stimmten gegen uns ab."

Gerhard Voß sucht nun mit seinem Schulfreund - ebenfalls in der "Jungen Gemeinde" - nach Möglichkeiten, anderswo sein Abitur zu machen. Sie fahren nach Leipzig und Westberlin, wo sie den 17. Juni erleben.

Verhaftung in Teterow

Gerda Riebe
Gerda Riebe hatte 1953 in einer Fabrik in Teterow gearbeitet.

Gerda Riebe ist 1953 im zweiten Lehrjahr in der Sack- und Planfabrik Berger in Teterow. Es ist eine privat geführte Firma und deshalb ein Dorn im Auge der sozialistischen Machthaber. Anfang Juni wird der Firmenchef unter einem Vorwand verhaftet. Der Vorwurf: Er soll Zigtausende Getreidesäcke verschoben haben. "Das war die ganze Jahreskapazität. Wie hätten wir wohl unsere Kunden beliefern sollen, wenn die Säcke verschoben wurden?", sagt sie.

Demonstrationen und Streiks im Norden

17. Juni 1953 - wie überall in der DDR überschlagen sich auch in Mecklenburg-Vorpommern an diesem Tag die Ereignisse. In Teterow und Güstrow ziehen Demonstranten vor die Gefängnisse und fordern die Freilassung der Inhaftierten, freie Wahlen und Wiedervereinigung. In Rostock, Stralsund und Greifswald wird gestreikt. Die Nachrichten über die Unruhen dringen auch bis ins Gefängnis Bützow. "Da bekamen das Gefängnispersonal das Flattern", erinnert sich die damals inhaftierte Ilse Fridrich. "Wir blieben eingesperrt und durften nicht raus. Die Wärter trauten sich nicht in die Zellen. Sie hatten Angst, dass die Inhaftierten auf sie losgehen."

Für Gerhard Voß ist der 17. Juni zwar ein besonderes Erlebnis, jedoch nur ein kleiner Abschnitt. Er holt das Abitur nach und wird Pfarrer in Güstrow. Ilse Fridrich hingegen trifft es härter: Sie wird zwar im Juli 1953 aus der Haft entlassen, ist aber nur noch Angestellte in ihrem Heim. Es bleibt enteignet. Ihr Haus bekommt sie nach der Wende nicht zurück.

Gerda Riebes Chef wird im Zuge des 17. Juni freigelassen. Das Firmengebäude steht noch heute. Sie alle mussten noch 46 Jahre warten, bis der nächste Volksaufstand in der DDR zugleich deren Ende besiegelte.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 10.06.2013 | 22:45 Uhr

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