Stand: 25.10.2019 18:06 Uhr  | Archiv

30 Jahre Mauerfall: Im Kollektiv begraben

von Katja Oskamp
Katja Oskamp © picture alliance Foto: Günther Pichlkostner
Katja Oskamp hat zunächst als Dramaturgin am Volkstheater Rostock gearbeitet.

Mit ihrer Debüt-Erzählungssammlung "Halbschwimmer" von 2003 beschreibt die 1970 in Leipzig geborene Schriftstellerin Katja Oskamp Innenansichten einer Jugend in der DDR. Zuletzt, in diesem Jahr, erschien von ihr das Buch "Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin". Katja Oskamp, denkt sie an den 9. November 1989, weiß auch um die einsamen Schattenseiten der letzten drei Jahrzehnte.

Im Sommer 1988 war ich 18 Jahre alt, hatte eben das Abitur abgelegt und bezog meine erste eigene Wohnung in einer ausgestorbenen Gegend nahe der Berliner Mauer. Mein neues Zuhause war ein kaltes, zugiges Erdgeschossloch von 35 Quadratmetern mit Kohleofen. Ich liebte es trotzdem, denn endlich war ich dem Plattenbau meiner Eltern entflohen, einem Elfgeschosser, in dem sich für mein jugendliches Gefühl die Spießer im Kollektiv stapelten.

Ein träger Frieden

Meine Straße ging von der Chausseestraße rechts ab; sie war kurz, grau und baumlos, die letzte Straße vor dem Grenzübergang. Spazierte man an ihr Ende, landete man in einer Sackgasse. Dort begann der Friedhof.

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Zwei Engel aus Stein knieten mit gesenkten Häuptern und wunderschönen Flügeln nebeneinander. Ich streifte durch hohes, knisterndes Gras, entlang an Grabstätten reicher Urahnen, überwucherten Säulen, zerfallenden Namenszügen. Sandwege, morsches Holz, eine Kiefernallee. Der Duft des Sommers in den Ästen. Eine kleine Kapelle aus rotem Backstein, von Brettern notdürftig zusammengehalten.

Hier, am äußersten Ende des Friedhofs, breitete ich die Decke auf der Wiese aus. In der Stille des Nachmittags las, rauchte, träumte ich. Hinter der Vormauer ragte der Wachturm auf, und die Grenzsoldaten, zwei Kerle, jung wie ich, die sich in zähen Stunden bei der Verteidigung des antifaschistischen Schutzwalls langweilten, richteten ihre Ferngläser auf mich. Ich grinste über die Stielaugen. Während ich im Bikini faulenzte, schwitzen sie in ihren Uniformen. Die Maschinengewehre hatten sie abgelegt. Was wir teilten, war ein träger Frieden. Schmetterlinge umtaumelten einander in mattem Flug. Abends, wenn die Sonne sank, hoppelten Feldhasen durchs Gestrüpp.

Sonnenbad im Grenzgebiet

Ich lernte den Friedhofsgärtner kennen, einen Mann mit wachen braunen Augen, kurzrasiertem Schädel und schönen Falten. Sein muskulöser Oberkörper war braungebrannt. Nein, Beisetzungen fänden hier kaum noch statt, erklärte er, manchmal beseitige er aufgelassene Gräber. Früher war er Tänzer an der Komischen Oper gewesen, hatte dann den Aussteiger-Job gefunden. Er zeigte mir das Grab des Mannes, der die Stenographie erfunden hatte, und jenes von Theodor Fontane.

In jenem stillgelegten Zwischenreich, das die Natur sich zurückholte, habe ich mich oft in die Sonne gelegt. Einmal verschlief ich die Schließzeit, stand bei einbrechender Dämmerung vor dem verschlossenen Friedhofstor und kletterte in einer waghalsigen Unternehmung aus dem Grenzgebiet in den Osten zurück. Auch im Sommer darauf, der der Sommer 1989 war, sonnte ich mich im Dornröschenland, doch dann kam der Herbst, die Mauer fiel und ich zog fort in andere Straßen, andere Städte, andere Länder und vergaß den Friedhof.

Im Kollektiv begraben

30 Jahre später, an einem verregneten Herbsttag im Jahr 2019, besuchte ich den Friedhof wieder. Er sah genauso aus wie früher, was mich beruhigte, und lag noch immer tief im Dornröschenschlaf. Nur die beiden Engel hatten den Platz gewechselt und knieten am neuen Haupteingang. Neben dem Grab von Theodor Fontane und dem Grab des Erfinders der Stenographie entdeckte ich das Grab von Peter Hacks. Jemand hatte die rote Backsteinkapelle sanft restauriert. Dort, wo früher der Wachturm über die Vormauer geragt hatte, versperrte nun ehrgeizige Kastenarchitektur den Blick.

Ich schlenderte im Nieselregen durch hohes, nasses Gras und traf auf die Friedhofsgärtnerin, eine junge Frau in grüner Arbeitskleidung, die meine Tochter hätte sein können. Sie hatte ein schönes Gesicht und trug hinter dem rechten Ohr ein Hörgerät. Ich fragte sie nach den viereckigen Flächen, die von Efeu überrankt waren und die es vor 30 Jahren hier nicht gegeben hatte. Das sind Armengräber, sagte sie, für Leute, die keine Angehörigen haben und kein Geld. Die Kosten übernehme das Sozialamt.

Ich ging zu jenem Viereck, das noch ohne Efeu war. Im feuchten, sandigen Boden steckten an Stielen ovale Schildchen, von Hand beschriftet: Datum, Uhrzeit, Nachname. Ich zählte zehn Urnenbeisetzungen pro Tag, im Abstand von 45 Minuten und 25 Zentimetern.

Früher, zu DDR-Zeiten, hatte der Mensch im Kollektiv gelebt. Jetzt wurde er, einsam, arm und alt, im Kollektiv begraben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.10.2019 | 19:00 Uhr

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