Stand: 13.11.2019 11:14 Uhr

Erster Weltkrieg: Vom Kriegsrausch zum Massensterben

von Andrej Reisin
Zehntausende Menschen feiern am 1. August 1914 auf dem Hamburger Rathausmarkt die Mobilmachung in Deutschland.

Hamburg, Rathausmarkt, am späten Nachmittag des 31. Juli 1914: Infanterie-Soldaten des Regiments Hamburg marschieren durch die Alster-Metropole. An ihrer Spitze: ein Offizier zu Pferde, der auf allen öffentlichen Plätzen haltmachen lässt und die Verhängung des sogenannten Belagerungszustandes verkündet, die letzte Vorstufe zum Krieg.

Erster Weltkrieg: Die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts"

Bereits drei Tage zuvor ist Österreich-Ungarn gegen Serbien in den Krieg gezogen, ein inoffiziell und unter größter Geheimhaltung mit Berlin abgestimmtes Vorgehen. Serbiens größter Verbündeter, Russland, soll zur Mobilmachung gezwungen werden, was, wie vorhergesehen, auch geschieht. Öffentlichkeitswirksam scheint sich damit zu bestätigen, dass ein Angriff Russlands unmittelbar bevorstehe. Die Deutschen glauben, in einen gerechten Verteidigungskrieg zu ziehen. Am Morgen des 1. August beginnt um sechs Uhr früh in ganz Deutschland die General-Mobilmachung. Russland wird offiziell der Krieg erklärt. Der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", hat begonnen.

Ausmarsch des ungarischen Landsturms im Jahr 1914. © picture-alliance / dpa

Der Erste Weltkrieg im Norden

NDR 1 Niedersachsen -

Im August 1914 bejubeln in Norddeutschland viele Menschen den Kriegsbeginn. Bald entstehen erste Gefangenenlager. Wenig später ist der Krieg im ganzen Norden allgegenwärtig.

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Kollektiver Kriegsrausch: Das "Augusterlebnis"

In den Sommertagen im Juli und August 1914 macht sich zunächst Kriegsbegeisterung breit. Ein rauschhafter, kollektiver Nationalismus, der später als "Augusterlebnis" mystifiziert wird, erfasst weite Teile der Bevölkerung. So auch die Hamburger Bürger, die im vornehmen "Alsterpavillon" am Jungfernstieg zusammenkommen. Wie die "Hamburger Nachrichten" berichten, muss "die Kapelle ohne Unterlass spielen, und dann drangen die Töne von 'Deutschland, Deutschland über alles' wie Donnerhall und Donnerbrausen an das Ohr derer, die draußen warten mussten, weil drinnen auch nicht für einen Menschen mehr Platz gewesen wäre". In fast allen norddeutschen Städten spielen sich derartige Szenen spontaner Kriegseuphorie ab.

Dossier

Der Erste Weltkrieg

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"Schlacht am Jungfernstieg": Euphorie schlägt um in Gewalt

Zur nationalistischen Begeisterung gehören von Anfang an auch karnevaleske Szenen, Rowdytum und brutale Gewalt. Selbst der Wirt des "Alsterpavillons" bleibt davon nicht verschont: Als er das bereits mehrfach wiederholte laute Vorlesen eines Extrablattes durch einen Gast unterbinden will, wird er von der aufgebrachten Menge krankenhausreif geschlagen, während sich das Café in einen Scherbenhaufen verwandelt. Die anrückende Polizei musste die Säbel ziehen, um die "Schlacht am Jungfernstieg" zu unterbinden. Ähnliches wiederholt sich in Kiel: Als dort am 28. Juli die Kaiserhymne erklingt, verprügeln Studenten andere Café-Gäste, die nicht spontan aufstehen, mitsingen und "Hurra!" brüllen.

"Spionitis" und Massenhysterie breiten sich aus

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Der Spionage verdächtigt, nur wegen seines Bartes: der hannoversche Philosophie Professor Theodor Lessing.

Eine Art Massenhysterie erfasst die Menschen: Am Bremer Hauptbahnhof reicht am 4. August 1914 das Rufen der Parole "Haltet den Spion!", um eine Massenpsychose auszulösen, in deren Folge ein Mann von einem fanatisierten Mob fast zu Tode getreten wird. Als die Polizei das Opfer schließlich schwer verletzt befreien kann, stellt sich heraus, dass er ein deutscher Soldat auf dem Weg zu seiner Einheit ist. Den hannoverschen Philosophie-Professor Theodor Lessing, der am gleichen Tag wegen seines langen Bartes auf einem Bahnsteig als "russischer Spion" verhaftet wird, rettet schließlich nur ein preußischer Offizier, der sich als sein ehemaliger Student entpuppt. "Wie viel Missbrauch, wie viele Bosheiten, Racheakte, Bestialitäten wurden in diesen grässlichen Tagen geübt", notiert Lessing später, "keiner war seines Lebens sicher."

"Wolken werden für Flieger, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten"

So werden in den ersten Augusttagen allein 28 Zivilisten an wilden Straßensperren erschossen, weil das Gerücht kursiert, französisches Gold würde mit Autos von Frankreich nach Russland geschmuggelt. Ein Polizeipräsident spricht von einem "Narrenhaus", in dem "die Einwohnerschaft" anfange, verrückt zu werden: "Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion und meint die Pflicht zu haben, ihn und den Schutzmann, der sich seiner annimmt, blutig zu schlagen. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten und Spione standrechtlich erschossen. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden."

Kriegsbeginn: Einfache Bevölkerung ist skeptisch

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1916 hat der Hunger die Zivilbevölkerung erreicht: Diese alte Frau bricht in der Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft zusammen.

Entgegen dem Mythos vom "Augusterlebnis", wonach sich alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen für den Krieg begeisterten, betrifft dieses Phänomen vor allem den Adel, das Bürgertum, viele Intellektuelle und natürlich die politische Führung. In den Arbeitervierteln der Großstädte und auf dem Land ist die Stimmung dagegen häufig ganz anders. So notieren die Agenten der Politischen Polizei bei ihren Spitzeltouren durch Hamburger Arbeiterkneipen, dass die Anwesenden laut die Frage stellen, was sie der österreichische Thronfolger angehe und warum sie dafür ihr Leben lassen sollten. In Bremen beobachtet ein Sozialdemokrat bereits am 1. August die "jämmerlichste Stimmung", die er "je erlebt" habe: "Mütter, Frauen und Bräute bringen die jungen Männer zum Zug und weinen. Alle haben das Gefühl: Es geht direkt zur Schlachtbank."

Nicht gerüstet für jahrelangen Weltkrieg

Kaum jemand rechnet allerdings damit, wie schnell die Zeiten schwieriger werden. Die meisten Soldaten glauben, Weihnachten werde man wieder daheim sein, und auch der Staat ist in keiner Weise für einen langen Krieg gerüstet.

Für den Großteil der norddeutschen Zivilbevölkerung ist mit dem Kriegsausbruch zwar keine militärische Bedrohung verbunden, dennoch herrscht in vielen Dörfern nach der Kriegserklärung "jähes Entsetzen", wie ein Zeitzeuge notiert. Viele Bauern fürchten um Ernte und Existenz. Zudem werden Pferde und Wagen häufig vom Militär konfisziert. Siegfried Jacobson, Herausgeber der Zeitschrift "Schaubühne", schreibt während seines Sommerurlaubs an der Nordsee: "Bringt die begeisterten Berliner hierher zwischen unsere 15 Bauernhäuser und sie werden verstummen."

Hunger und Arbeitslosigkeit breiten sich aus

In den norddeutschen Häfen macht sich der Krieg besonders schnell bemerkbar. Durch die britische Seeblockade kommt die Schifffahrt praktisch zum Erliegen. Trotz der General-Mobilmachung herrscht somit bereits im August Massenarbeitslosigkeit. Reeder, Schiffsmakler, Handels- und Hafenbetriebe in Hamburg, Bremerhaven und anderswo entlassen ihre Angestellten. Obwohl die wehrpflichtigen Männer in den Krieg ziehen, werden Anfang September 1914 allein in Hamburg 30.000 Arbeitslose registriert, viele davon Hafenarbeiter. Bereits am 21. August berichtet das "Hamburger Echo", dass in den ärmeren Stadtteilen "die Not unendlich groß ist, ja, dass vielfach schon direkt gehungert wird". Viele Familien können die Miete nicht länger zahlen, die Zahl der Obdachlosen steigt innerhalb eines Monats von 7.000 auf 16.000.

Zehn Millionen Soldaten sterben im Ersten Weltkrieg

Mit den ersten schrecklichen Front-Erlebnissen, der "Feuertaufe", machen sich auch bei den Kriegsfreiwilligen Ernüchterung und Desillusionierung breit. So schreibt Theodor Reil aus Oldenburg seinem Lehrer Ende August aus Belgien: "Nach 33-stündiger Eisenbahnfahrt und siebenstündiger Wartezeit gab’s für unsere Leute einen anstrengenden Marsch. Auf dem Wege sah man die ersten Zerstörungen, die Schreckensfeuer des Krieges, ausgebrannte Häuser, Dörfer völlig zerstört."

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In vielen Städten, wie hier in Rostock, erinnern Soldatengräber an die Opfer des Krieges.

Spätestens mit der Niederlage in der Schlacht an der Marne im September 1914, die einen schnellen Sieg gegen Frankreich unmöglich macht, geht es vielen so wie der Kolonialwaren-Händlerin Johanna Boldt. Sie schreibt ihrem Mann Julius Anfang Oktober an die Ostfront: "Nichts wünschen die Menschen mehr herbei als das Ende dieses unseligen Krieges. Und dabei ist noch keine Aussicht vorhanden." Noch vier lange Jahre dauert es, bis dieser Wunsch im Zuge der Novemberrevolution von 1918, die in Kiel und Wilhelmshaven beginnt, in Erfüllung geht. Bis Kriegsende sterben zehn Millionen Soldaten auf den Schlachtfeldern Europas - darunter auch Julius Boldt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 29.07.2014 | 06:08 Uhr

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