Stand: 13.03.2005 15:35 Uhr  | Archiv

1945: Deutsches Rotes Kreuz richtet Suchdienst ein

von Imke Andersen

Der Zweite Weltkrieg reißt Hunderttausende Familien auseinander: Frauen vermissen ihre Männer, Kinder haben ihre Eltern verloren, Geschwister hoffen auf ein Wiedersehen, Mütter trauern um den Verlust ihrer Kinder. Das Chaos nach Flucht, Vertreibung und den Bombenangriffen ist unüberschaubar. An Litfasssäulen, Hausmauern, Straßenschildern hängen handgeschriebene Zettel, manchmal mit Foto: "Gesucht wird" oder "Familie lebt".

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Ehemalige Soldaten werden anhand der Bildlisten nach dem Schicksal ihrer Kameraden befragt.

Im Oktober 1945 gründet das Deutsche Rote Kreuz einen Suchdienst. Ehrenamtliche Helfer sammeln Daten, befragen Heimkehrer, drucken Anzeigen. Im Februar 1950 erlässt die Bundesregierung den "Aufruf zur Registrierung der Kriegsgefangenen und Vermissten". In wenigen Tagen werden 69.000 Kriegsgefangene, über 1,1 Millionen Wehrmachtsverschollene und fast 200.000 Zivilverschollene gemeldet. Im April 1950 entsteht eine zentrale Namenskartei. Im Dezember geht die Vermisstenliste in 38 Bänden in Druck. Im Dezember 1957 wird mit dem Druck einer Vermisstenbildliste begonnen. In knapp 200 Einzelbänden sind rund 900.000 Lichtbilder enthalten. Heimkehrerbefragungen und die Suche über das Radio sind wichtige Hilfsmittel des Suchdienstes.

Eine Narbe kann entscheidend sein

Zwei Männer und eine Frau sitzen in einem Radiostudo an einem Tisch vor Mikrofonen.

Suchdienstmeldung von 1947

Das Deutsche Rote Kreuz sucht auch über das Radio nach Vermissten.

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Eine besondere Erfolgsgeschichte ist der Kindersuchdienst in Hamburg. Hier türmen sich die Anfragen. Manchmal melden sich auf einen Aufruf im Radio mehr als 15 Mütter oder Väter. Oft entscheidet ein Leberfleck, eine Narbe, ein verschlissenes Spielzeug über ein mögliches Wiedersehen. Bei älteren Kindern gibt es Erinnerungen an die Namen der Geschwister, die Eltern, den Namen des Heimatdorfes. In behutsamen Gesprächen sammeln die Helfer sorgsam die Informationen und notieren sie. Ebenso akribisch verzeichnen sie die Angaben der suchenden Eltern oder Angehörigen. Stimmen die Angaben miteinander überein, wird ein "Begegnungsverfahren" eingeleitet.

"Es hing von einem Namen, von einer Identität ab. Das ist für einen Menschen so wichtig, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist so schlimm, nicht zu wissen, wer man ist. Wenn man dann gesagt bekommt: Ach, dich hat ja der Esel im Galopp verloren! Wer bist du schon? Oder es hieß: irgendein Bastard von irgendeinem Soldaten. Damit fast so lange zu leben, das ist sehr schwer und schmerzlich." (Heidemarie [Nachname unbekannt], ehemaliges Suchkind)

Der Kindersuchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hat großen Erfolg: Von den rund 300.000 registrierten Kinder-Kriegsschicksalen klärt der DRK-Suchdienst fast alle auf.

Gefallen oder in Kriegsgefangenschaft?

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Insgesamt 53 Millionen Suchkarten sind in der zentralen Namenskartei des DRK in München archiviert.

In München kümmern sich die Helfer vor allem um vermisste Soldaten. Sie sammeln die Suchanträge in Verschollenen-Bildlisten. Das DRK holt sich weitere Informationen bei der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht und aus den Heimatortskarteien.

Über diese individuellen Ermittlungen hinaus prüfen die Helfer, ob der Verschollene in Kriegsgefangenschaft geraten sein könnte. An welchen Kampfhandlungen hat er zuletzt teilgenommen? Zu welcher Einheit gehörte er? Von wo kam die letzte Nachricht? Oft dauert es Jahrzehnte bis zu einem Gutachten. Und nicht immer kommt es zu einem glücklichen Wiedersehen.

Einer der vielen Hunderttausend Verschollenen nach dem Zweiten Weltkrieg ist Friedrich Andersen. "Das Ergebnis aller Nachforschungen führte zu dem Schluss, dass Friedrich Andersen mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Kämpfen, die im Februar und März 1945 im Raum Danzig-Elbing geführt wurden, gefallen ist. Zur Begründung wird ausgeführt: Viele Soldaten aus den Ersatz-Truppenteilen der Division Feldherrenhalle, darunter auch der Verschollene, werden seit diesen Rückzugsgefechten vermisst. Hinweisen zufolge ist besonders während der Nachtgefechte eine große Anzahl gefallen, ohne dass es von überlebenden Kameraden bemerkt werden konnte. Das Feuer der Artillerie und Panzer sowie Bombenabwürfe der Schlachtflieger erfassten auch Sanitätsfahrzeuge und Verbandsplätze." (Auszug aus einem Gutachten des Deutschen Roten Kreuz vom 15. Oktober 1973)

Neue Hoffnung nach dem Mauerfall

Hoffnung auf neue Erkenntnisse kommt mit dem Ende des Kalten Krieges. Nach dem Fall der Mauer und dem Zugang zu Archiven in Russland und anderen osteuropäischen Ländern stehen dem DRK völlig neue Informationen zur Verfügung. Im Oktober 1992 treffen aus Moskau erste Dateien mit Informationen über verstorbene deutsche Kriegsgefangene ein, später auch Mikroverfilmungen der Unterlagen über die NKWD-Speziallager im Zentralarchiv der Russischen Föderation. Verträge mit zahlreichen russischen Behörden und Archiven über Datentransfers werden geschlossen. Auch in ost- und südosteuropäischen Archiven wird nun ermittelt. Doch nicht alle Schicksale lassen sich klären.

"Trotz Prüfung aller Schreibvariationen und unter Einbeziehung möglicher Übermittlungsfehler fand sich kein Hinweis, dem wir noch nachgehen können. Friedrich Andersen gehört nach wie vor zu jenen Menschen, die verschollen sind, deren Schicksal ungeklärt ist. Grundsätzlich möchten wir nicht nochmals Hoffnungen wecken, doch haben die dramatischen Ereignisse der letzten Jahre nicht nur die genannten Informationsquellen erschlossen, sondern sukzessive auch neue." (Auszug aus einem Gutachten des Deutschen Roten Kreuz vom 27. Februar 1998)

Von den vor 1989 noch 370.000 vorliegenden Suchmeldungen ließen sich immerhin knapp die Hälfte mit Informationen aus Osteuropa klären.

Heute erreichen jährlich immer noch bis zu 4.000 neue Anträge den Suchdienst des DRK. Neben Kriegswaisen sind es nun oft die Enkelkinder, die ihre Familiengeschichte erforschen.

Podcast Info Zeitzeichen Mediathekbild © plainpicture

Als das DRK die Suchdienst-Verbindungsstelle gründete

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 30. Juli 1947 ruft das Deutsche Rote Kreuz in Berlin eine Suchdienst-Verbindungsstelle ins Leben. Sie soll die Suche nach Vermissten innerhalb der besetzten Stadt koordinieren.

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Oktober 1945: Nach dem Krieg werden Millionen Deutsche vermisst. Um sie wiederzufinden, richtet das Deutsche Rote Kreuz 1945 einen Suchdienst ein. Der NWDR unterstützt die Initiative durch Suchmeldungen im Radio. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 30.07.2012 | 20:15 Uhr

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