Stand: 08.05.2017 11:43 Uhr  | Archiv

Die unbekannte Gerechte: Mathilde Böckelmann

Pustow, ein kleines Dorf in Vorpommern. Hier lebt ab 1935 die Familie Böckelmann - Mathilde, genannt Tilly, ihr Mann und die beiden Kinder. Es sind schwierige Zeiten. Die Nationalsozialisten machen aus Deutschland einen Unrechtsstaat, entfesseln den Zweiten Weltkrieg und verfolgen und töten Juden. Mathilde Böckelmann aber beweist Mut. Als sie 1944 ein Freund bittet, ein jüdisches Mädchen auf ihrem Hof zu verstecken, zögert sie nicht und rettet so Mirjam Fernbach vor dem sicheren Tod.

Mirjam Fernbach geht 1948 nach Israel, Mathilde Böckelmann zieht nach Greifswald, wird zu DDR-Zeiten enteignet und eingesperrt und geht später in den Westen. Über die Ereignisse am Ende des Krieges und ihre mutige Tat spricht sie bis zu ihrem Tod 1978 nicht. Selbst ihre Kinder wissen nichts davon.

Rostocker Schüler entdecken die Geschichte

Gedenktafel in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Namen Mathilde Böckelmann. © NDR
In der Gedenkstätte Yad Vashem steht der Name von Mathilde Böckelmann jetzt auf einer Tafel.

2015 stoßen Schülerinnen und Schüler der Europaschule Rövershagen bei Rostock in Berichten über die Shoa auf die Geschichte von Mathilde Böckelmann und forschen nach. Auf Grundlage der Rechercheergebnisse stellt die Lehrerin Petra Klawitter in der zentralen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem den Antrag, Mathilde Böckelmann zu ehren - mit Erfolg. Ihr Name ist dort nun auf der Ehrenmauer für die "Gerechten unter den Völkern" zu lesen. Das sind Menschen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um andere zu retten.

Bis zu diesem Zeitpunkt weiß Mathilde Böckelmanns Tochter Christa Heptner nichts von diesem Kapitel in der Lebensgeschichte ihrer Mutter. Warum schwieg Mathilde Böckelmann, erzählte diese Geschichte nie? Das wollen die Schülerinnen und Schüler aus Rövershagen wissen und gehen auf Spurensuche im vorpommerschen Pustow und in Saarburg in Rheinland-Pfalz. Dort verbrachte Mathilde Böckelmann im Hause ihrer Tochter Christa ihre letzten Lebensjahre. Christa Heptner erklärt sich das Schweigen ihrer Mutter so: "Meine Eltern haben darüber nie gesprochen. Ich war damals erst fünf Jahre alt und hätte mich verplappern können, das wäre viel zu gefährlich gewesen".

Die Gerettete lebt noch - in Israel

Gemeinsam mit den Schülerinnen aus Rövershagen reist Christa Heptner im März 2017 nach Israel - denn dort lebt das von ihrer Mutter einst gerettete jüdische Mädchen heute. Mirjam Brudermann, geborene Fernbach, ist inzwischen 86 Jahre alt. Sie lädt die Tochter ihrer Retterin und die Schülerinnen zu sich nach Kfar Saba unweit von Tel Aviv ein. Gemeinsam pflanzen sie dort einen Baum für Mathilde Böckelmann.

Dokumente
Briefumschlag mit Brief © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra
1 Min

Brief von Max Fernbach an Mathilde Böckelmann

Der Vater von Mirjam Fernbach zeigt sich 1946 verwundert, dass Mathilde Böckelmann nach dem Krieg eine reaktionäre politische Haltung unterstellt wird. 1 Min

Brief von Mathilde Böckelmann an ihren Onkel Alexander aus dem Jahr 1953. © NDR
1 Min

"Mein Leben ist von jeher ein Kampf gewesen"

Brief von Mathilde Böckelmann an ihren Onkel Alexander aus dem Jahr 1953. 1 Min

Weitere Informationen
Gedenkstein an die Opfer des Holocaust auf dem Jüdischen Friedhof in Rostock. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Bernd Wüstneck

Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. Daran erinnert jedes Jahr am 27. Januar ein Gedenktag. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 07.05.2017 | 19:30 Uhr

Mehr Geschichte

Heinz-Friedrich Harre und Reinhard Lüschow küssen sich am 1. August 2001 vor dem Standesamt Hannover, nachdem sie ihre Lebenspartnerschaft haben eintragen lassen. © epd-bild / Dethard Hilbig Foto: Dethard Hilbig

20 Jahre "Homo-Ehe": Heirate mich - zumindest ein bisschen

Am 1. August 2001 schließt das erste schwule Paar in Deutschland den eheähnlichen Bund. Ein Etappensieg auf dem Weg zur "Ehe für alle". mehr

Norddeutsche Geschichte