Vier Länder, ein Sender: Wie Mecklenburg-Vorpommern zum NDR kam

Stand: 27.12.2021 07:28 Uhr

Am 9. November 1989 fällt die Mauer nach rund 40 Jahren deutsch-deutscher Trennung. Schon drei Monate später steht fest: Sollte es zur Wiedervereinigung kommen, will der NDR sein Sendegebiet um Mecklenburg-Vorpommern erweitern. Doch bis das passieren kann, ist es ein weiter Weg.

An ein gemeinsames Fernsehprogramm für Ost- und Westdeutschland war lange Zeit nicht zu denken. Am 17. Februar 1990 jedoch passiert zum ersten Mal das bis dato Unvorstellbare: Live aus Wismar senden das NDR Fernsehen N3 und das staatliche Fernsehen DDR2 zusammen ein abendfüllendes Programm. Knapp acht Monate später, am 3. Oktober 1990, folgt die Wiedervereinigung von Ost- und West- zu einem gemeinsamen Deutschland. Damit nimmt auch die Diskussionen um die Aufteilung der Rundfunkanstalten Fahrt auf.

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Im Januar 1991 entsteht der erste Entwurf für einen Vier-Länder-Staatsvertrag des NDR - die Voraussetzung dafür, dass Mecklenburg-Vorpommern ein Teil des Norddeutschen Rundfunks wird. Der neu gewählte NDR Intendant Jobst Plog legt dafür ein Grundsatzpapier vor. Doch schon einen Monat später scheint sich alles in eine andere Richtung zu entwickeln. Im Zentrum steht die Frage: Ist Mecklenburg-Vorpommern norddeutsch - oder nicht vielmehr nordostdeutsch? Soll Mecklenburg-Vorpommern zum NDR gehören oder lieber gemeinsam mit Brandenburg und Berlin eine nordostdeutsche Rundfunkanstalt (NORA) gründen? Die CDU-Fraktion im Schweriner Landtag setzt sich einstimmig für die Gründung der NORA ein. Ihr Koalitionspartner hingegen, die FDP, befürwortet die Vier-Länder-Lösung gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunk. Nach Monaten des Verhandelns scheitert die NORA schließlich an der fehlenden Zustimmung der Liberalen. Die Koalition droht zu zerbrechen.

Einigung auf Vier-Länder-Rundfunkanstalt

Im August 1991 zeichnet sich schließlich eine Einigung ab. Die Ebene der Staatssekretäre verständigt sich über einen Vier-Länder-Staatsvertrag mit dem NDR - und wenige Tage später folgt das erste Treffen von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Alfred Gomolka (CDU) und NDR Intendant Jobst Plog. Im Oktober desselben Jahres stimmen auch die Ministerpräsidenten auf ihrer Jahreskonferenz in Neu-Isenburg zu. Daraufhin wird im Dezember schließlich der Vier-Länder-Staatsvertrag unterzeichnet.

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Rund 300 Mitarbeitende für den NDR MV

Gerd Schneider, Hörfunk-Chef und stellvertretender Direktor des NDR Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, wird zum kommissarischen Direktor für den weiteren Aufbau eines Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern berufen. Etwa 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zuvor bei den Sendern Schwerin, Rostock und Neubrandenburg sowie im Fernsehstudio Rostock angestellt waren, gehören nun zum NDR. Aus Radio Mecklenburg-Vorpommern (RMV) wird NDR 1 Radio MV, aus dem Nordreport das Nordmagazin. Die neuen Mitarbeitenden werden zunächst von der sogenannten Gauck-Behörde auf eine mögliche Stasi-Vergangenheit überprüft. "Übrigens eine Entscheidung, die von Mitarbeitern getragen wurde", betont Schneider. In einer Abstimmung hätten sie sich mehrheitlich dafür ausgesprochen. "Und ich glaube, das hat zu einer Sicherheit und Klarheit, auch im Hause, beigetragen", so Schneider.

Landesfunkhaus-Direktor Schneider: "Uns allen standen die Schweißperlen auf der Stirn"

Am 1. Januar 1992 gehen schließlich die NDR Programme in Mecklenburg-Vorpommern auf Sendung. "Ich stand mit Jürgen Hingst im Schweriner Schaltraum",erinnert sich Gerd Schneider. Hingst war bis 1990 Reisekorrespondent des NDR in der DDR. "Um null Uhr sollte NDR 1 Radio MV auf ein neu sortiertes Sendenetz geschickt werden. Uns allen standen die Schweißperlen auf der Stirn, so neu war die Technik ja nicht. Aber es klappte wunderbar. Das neue Programm mit der NDR Kennung war on air."

AUDIO: "Vier Länder, ein Sender" (11 Min)

"Anfangs gab es unzählige Pannen"

Die darauffolgenden Wochen und Monate waren geprägt von Premieren, Spontaneität und Improvisation. "Anfangs gab es unzählige Pannen", sagt Schneider rückblickend. Allein im Jahr 1992 habe es 500 Sendeausfälle gegeben. "Es gibt Pannen, die mich bis heute noch gelegentlich in meinen Träumen verfolgen", so Schneider lachend. Dabei denkt er an einen Fernsehbeitrag über die Werften-Krise, den das Landesfunkhaus für das ARD Fernsehen zuliefern sollte. "Die ganze Mannschaft versammelte sich dann in meinem Büro. Es sollte live zugespielt werden, der Beitrag wurde anmoderiert, die Bilder liefen – aber es kam kein Ton", erinnert sich Schneider. "Da bin ich tief in mich zusammengesunken." Heute kann er über die Geschichte lachen.

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Hohe Zustimmungswerte im Land

Von 1994 bis 1997 entsteht schließlich der Neubau des Landesfunkhauses Schwerin in der Schlossgartenallee, der bis heute genutzt wird. Der NDR in Mecklenburg-Vorpommern mittlerweile fest verankert, die Zustimmungswerte beim Publikum sind konstant hoch. "Gemessen am Marktanteil im eigenen Sendegebiet ist das 'Nordmagazin‘ die Nummer 1 unter den deutschen Fernseh-Regionalprogrammen", so der ehemalige NDR Intendant Lutz Marmor. "Der NDR gehört zu Mecklenburg-Vorpommern."

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