Stand: 11.10.2017 17:41 Uhr  | Archiv

Schweizer National-Artefakt kommt aus Schwerin

von Axel Seitz, NDR 1 Radio MV
Der St. Galler Globus © Schweizerisches Nationalmuseum
2,30 Meter hoch, 1,20 Meter breit: Der St.Galler Globus.

Er ist 2,30 Meter hoch - seine Kugel hat einen Durchmesser von rund 1,20 Meter. Und in der Schweiz kennen ihn ziemlich viele - den St. Galler Globus. Bereits seit 1595 befindet er sich bei den Eidgenossen, doch erst jetzt konnte die entscheidende Frage nach seiner Herkunft endgültig beantwortet werden.

Nordische Namen auf einem Globus aus Augsburg?

Jost Schmid leitet die Kartensammlung der Zentralbibliothek Zürich, er kennt den Globus bestens und wusste seit Langem von den Ungereimtheiten, denn bislang wurde angenommen, das Artefakt stamme aus Augsburg. "Bereits vor zehn Jahren haben wir nordische Namen aus Norddeutschland und den Niederlanden an dem Globus festgestellt", erzählt der Geograf im Gespräch mit NDR 1 Radio MV, "doch damals wurde das so interpretiert, dass in Augsburg wohl ein niederländischer Kalender zur Herstellung verwendet wurde, weil offenbar kein anderer vorhanden war." Durch Zufall gelangte Jost Schmid dann vor zwei Jahren an ein Schriftstück, das auf einen Verkauf des Globus vor 1595 zwischen dem Mecklenburger Herzogshof und der Fürstabtei St. Gallen hinwies.

Mehr und mehr Indizien deuten auf Mecklenburg-Vorpommern

Zudem fand Jost Schmid auf dem Meridianring die Klima-Bezeichnungen Wittenberg und Rostock, die Beschriftung der Stadt Rostock und weitere Indizien, die auf Mecklenburg deuteten: "Es kam eigentlich nur noch Tilemann Stella infrage, denn er war der erste Globenbauer in Mecklenburg." Tilemann Stella, geboren 1525 in Siegen, stand von 1552 an im Dienst von Herzog Johann Albrecht I. in Mecklenburg.

Schwerins heutiger Stadtarchivar Bernd Kasten nennt Stella so etwas wie einen Universalgelehrten: "Heute würden wir ihn als Geografen bezeichnen. Damals leitete er auch die fürstliche Bibliothek, war zuständig für Astronomie und der Herzog ruderte mit ihm auf dem Schweriner See und ließ sich vom ihm den Sternenhimmel erklären."

Stella ist eher bekannt für den Wallensteingraben

Zudem plante Tilemann Stella über mehrere Jahre einen Wasserweg zwischen dem Schweriner See und Wismar, heute bekannt als Wallensteingraben. Und er baute Globen - mindestens zwei, von dem der erste von 1552 nicht mehr vorhanden ist. Den zweiten, so Bernd Kasten, fertigte er für den Kurfürsten von Sachsen an. Dieser Globus steht heute in der Ratsbibliothek in Weißenburg in Bayern.

Herzoghaus verkauft den Globus aus Geldmangel

Nun ist klar, ein dritter von Tilemann Stella gebauter Globus befindet sich in der Schweiz. Das Mecklenburger Herzogshaus verkaufte ihn vor 1595 aus Geldmangel. Warum der St. Galler Globus in der Alpenrepublik so bekannt ist, hat mit einem Kantonstreit zwischen Zürich und St. Gallen zu tun, berichtet Jost Schmid: "Dieser Globus wurde 1712 im Villmergerkrieg von den Züricher Truppen aus dem Kloster St. Gallen erbeutet. Seither fordern die St. Galler den Globus zurück. Und erst der Bund konnte als Mediator den Streit schlichten."

Einer von vier Großgloben

Der St. Galler Globus ist einer von insgesamt vier Großgloben aus dem 16. Jahrhundert, die es heute noch in Europa gibt. Und ein Unikat, denn nur er ist ein kombinierter Erd- und Himmelsglobus. Das Original steht im Landesmuseum Zürich, eine 1:1-Nachbildung in der St. Galler Stiftsbibliothek.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.10.2017 | 19:00 Uhr

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