Stand: 24.11.2016 18:00 Uhr  | Archiv

Kampf um das Kreuz - und gegen die Nazis

von Nils Hartung
Eine historische Fotografie zeigt Dr. Friedrich Castelle und den Gauleiter Carl Röver. © Archiv Cloppenburg
Gauleiter Carl Röver - hier mit Dr. Friedrich Castelle - nimmt im November 1936 den sogenannten Kreuzerlass zurück.

Es war kein Heimspiel für den Gauleiter. Tausende waren in die Münsterlandhalle nach Cloppenburg geströmt, um Carl Röver sprechen zu hören. Der faselte auf der Bühne noch von Kaninchen und Kartoffeln, während der aufgebrachten Menge davor der Geduldsfaden riss. "Zur Sache! Das Kreuz!", schallte es plattdeutsch aus vielen Kehlen. Dann geschah etwas Bemerkenswertes: Röver nahm den umstrittenen Kreuzerlass von Julius Pauly, dem Kultusminister des Freistaates Oldenburg, zurück. Es war der 25. November 1936 - vor beinahe genau 80 Jahren. Und: Es war einer der wenigen Fälle, in dem die Bevölkerung die NS-Regierung dazu brachte, einen ihrer Erlasse zu kippen. Die Episode ist als Oldenburger Kreuzkampf in die Geschichtsbücher eingegangen.

Erster Widerstand regt sich

Der Konflikt beginnt Ende Oktober 1936. Die Nazis wollen auch oder gerade im erzkatholischen Oldenburger Münsterland die Kirche entmachten, um ihre Ideologie zu stärken. In Bösel bei Cloppenburg soll eine neue Schule eingeweiht werden und NS-Minister Pauly legt den Termin gezielt so, dass der Dorfpfarrer nicht teilnehmen kann. Als der Geistliche die Segnung der Schule am nächsten Tag nachholt, ist Pauly so aufgebracht, dass er den berüchtigten Kreuzerlass vornimmt. Dieser sieht vor, dass alle Kruzifixe und Lutherbilder aus den Klassenräumen der Schulen im damaligen Gau Weser-Ems zu entfernen sind. Die Bevölkerung ist empört, der erste Widerstand regt sich in der Region.

"Für das Kreuz in der Schule"

Abordnungen aus verschiedenen Ecken des Münsterlandes machen sich auf den Weg nach Oldenburg, um ihren Protest im Ministerium des Freistaates Oldenburg vorzubringen und Pauly zur Rede zu stellen. Auslöser ist auch der Auftritt von Kaplan Franz Uptmoor: Beim sogenannten Kriegergedächtnistag am 18. November 1936 hält der Geistliche eine flammende Rede vor 3.000 Pilgern in Bethen - 2.000 von ihnen sind Soldaten im Ersten Weltkrieg gewesen. "Wir werden deshalb kämpfen bis zum letzten und äußersten für das Zeichen des Christentums, das Kreuz. Für das Kreuz auf den Gräbern unser Kameraden, für das Kreuz in der Familie, für das Kreuz in der Schule", predigt Uptmoor. Seine Worte machen Eindruck.

Was hat der Gauleiter zu sagen?

Uptmoor vermeidet es geschickt, den Konflikt direkt zu thematisieren. Aber jedermann weiß genau, was gemeint ist. Die Dinge nehmen ihren Lauf: Andere Pfarrer greifen das Thema in ihren Predigten auf; als Zeichen des Protestes werden immer wieder die Glocken der Kirchen geläutet. Dazu die ständigen Aufwartungen von aufgebrachten Münsterländern vor den Ministerien, Hupkonzerte inklusive. Irgendwann reicht es Röver: Er merkt, dass er handeln muss. In der "Oldenburgischen Volkszeitung" vom 24. November 1936 erscheint eine große Anzeige; Plakate werden aufgehängt. "Morgen spricht Gauleiter Carl Röver in der Münsterlandhalle zu Cloppenburg. Was hat der Gauleiter den Münsterländern zu sagen!", schreibt die "OV" und ändert das Fragezeichen auf den Plakaten kurzerhand in ein Ausrufezeichen.

Röver rudert zurück

Dann kommt der große Tag und Röver rudert zurück. Ein Triumph für die Münsterländer, ein Sieg über das Regime. Oder? Wäre vielleicht mehr möglich gewesen? Mehr Auflehnung gegen den Nationalsozialismus? Nein, glaubt Joachim Kuropka, Historiker mit Schwerpunkt Katholizismusforschung an der Universität Vechta. "Es durfte keine politische Bewegung daraus entstehen", sagt er. Denn dann hätten die Nazis wohl mit voller Wucht zurückgeschlagen. "Es lässt sich heute leicht sagen, dass mehr hätte gemacht werden müssen", so der Historiker. Er bezweifelt, dass überhaupt eine Chance dazu bestanden hätte. Was also bleibt von der Erhebung im Münsterland?

"Kein Widerstand - öffentlicher Protest"

"Die Rücknahme des Erlasses ist in ganz Europa bekannt geworden", sagt Kuropka. Über diplomatische Berichte und kircheninterne Kommunikation erreicht die Nachricht aus Cloppenburg etwas verzögert sogar die SoPaDe, den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Prager Exil. Nachahmer finden sich trotzdem keine. Von "Widerstand" will Detlef Schmiechen-Ackermann auch nicht sprechen. Er ist Historiker an der Universität Hannover und sieht den Kreuzkampf eher als "öffentlichen Protest". "Es war ganz konkret auf eine Sache bezogen. Das heißt noch lange nicht, dass dem Regime die Gefolgschaft verweigert wurde", sagt er. Doch sei es ein interessanter Vorgang, an dem zu sehen sei, wie viel öffentlicher Protest möglich war.

Goebbels' Notiz im Tagebuch

Schmiechen-Ackermann verweist auf den Cloppenburger Autor und Historiker Hubert Gelhaus, der im Hinblick auf den Kreuzkampf von einem "moralisch-religiösen Konflikt mit politischen Folgen" spricht. "Es war nicht politisch gemeint, aber es wurde politisch", so Schmiechen-Ackermann weiter. Heute erinnert ein Denkmal auf dem Cloppenburger Marktplatz an die erfolgreiche Auflehnung der Katholiken aus dem Oldenburger Münsterland. In den oberen Etagen von Hitlers Paladinen, dort, wo etwas strategischer gedacht wurde, fand der Vorstoß von Pauly und Röver übrigens nicht besonders viel Anerkennung. "Der Kreuzkampf - ein verrückter Fehler", notierte etwa der damalige Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, in seinem Tagebuch.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 25.11.2016 | 17:00 Uhr

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