Sendedatum: 08.03.1998 19:00 Uhr  | Archiv

"Ich weiß auch nicht, warum man so am Leben hängt"

Im Februar 1945, auf der Konferenz in Jalta, versprechen die westlichen Alliierten Stalin als Reparationen zwei bis drei Millionen deutsche Arbeitskräfte für die nächsten zehn Jahre. Von Männern zwischen 17 und 50 Jahren ist die Rede - doch die sind in Deutschland kaum noch zu finden. Als Ersatz müssen Frauen und Mädchen herhalten.

Im Mai 1945 rückt die Rote Armee in den hinterpommerschen Kreis Pyritz (heute Pyrzyce) ein. Hunderte Frauen und Mädchen werden verhaftet und in Lkws abtransportiert, auch die 19-jährige Frieda Helinski aus Dölitz. Sie werden nach Schwiebus (heute Świebodzin) in ein Sammellager gebracht und von dort aus in überfüllten Viehwaggons Richtung Osten deportiert.

Zum Arbeitseinsatz nach Archangelsk

Ehemaliges stalinistisches Arbeitslager. © dpa - Bildarchiv
In ein stalinistisches Arbeitslager wird Frieda Helinski verschleppt.

Drei Wochen ist Frieda Helinski unterwegs. Je weiter es nach Osten geht, um so kälter wird es. Zu essen gibt es trockenes Brot. "Wenn der Zug mal auf der Strecke gehalten hat, dann konnten wir sehen: Sie haben Leichen aus den Waggons gezogen", erinnert sich Frieda Helinski. In Archangelsk, am Polarkreis, werden sie ausgeladen. "Da standen wir nun mit unseren leichten Schuhen und unseren dünnen Sachen in diesem vielen Schnee."

Im Arbeitslager in der nordrussischen Hafenstadt Archangelsk hausen die Frauen in Holzbaracken. "Erst haben wir am Bahndamm gearbeitet", erzählt Frieda Helinski. "Zehn Frauen und zwei Wachtposten. Ein Wachtposten vorneweg und ein Wachtposten hinterher, wie die Schwerverbrecher. Wir mussten acht, neun Stunden arbeiten, ohne zwischendurch etwas zu essen." Täglich werden sie gezählt. "Es fehlten immer welche", sagt Frieda Helinski. "Entweder lagen die auf ihren Pritschen und waren schon zu schwach, oder sie sind gar nicht mehr hochgekommen und mussten rausgetragen werden."

Schuften in der Kolchose

Futtersilos einer Rinderkolchose. © dpa - Bildarchiv
Auch in Kolchosen werden nach Kriegsende Zwangsarbeiterinnen eingesetzt.

Irgendwann wird Frieda Helinski mit hundert weiteren Kriegsgefangenen wieder auf Lkws verladen. Sie werden in eine Kolchose gebracht. Je nach Körperkraft müssen die Frauen Waldarbeiten erledigen, Bäume fällen oder Trockenholz spalten. Sie versuchen, sich den Lageralltag erträglicher zu machen und organisieren kleine Feiern. "Das hat mehr, viel, viel mehr geholfen, als nur dazusitzen und Trübsal zu blasen", sagt Frieda Helinski.

1947 kommt Frieda Helinski in ein Steinkohlenbergwerk an der russisch-ukrainischen Grenze. Danach wird sie in eine Bentonit-Fabrik verlegt, in der Gestein für Bauarbeiten gewonnen wird. Dort müssen die Frauen von morgens bis abends zehn Kilogramm schwere Steine schleppen.

Zu ihrer Familie hat Frieda Helinski vier Jahre lang keinen Kontakt. Die Karten, die sie nach Deutschland schreibt, werden abgefangen. 1949 gelingt es ihr, über das Rote Kreuz an ihre Familie zu schreiben. Im Januar 1949 bekommt sie die erste Karte zurück. "Und auf der stand alles das, was ich geträumt hatte", sagt sie: dass ihre Schwester eine Tochter bekommen hat und ihre Brüder am Leben sind.

Rückkehr nach Deutschland und Zusammenbruch

Freilassung deutscher Zwangsarbeiterinnen aus sowjetischer Gefangenschaft 1955. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Erst Jahre nach Kriegsende kamen deutsche Zwangsarbeiterinnen aus sowjetischer Gefangenschaft frei.

Bis 1947 dürfen lediglich einzelne schwerkranke, arbeitsunfähige Frauen nach Hause. Die Konflikte zwischen den Siegermächten in Deutschland führen im Frühjahr 1949 dazu, dass die von Stalin bereits beschlossene Entlassung der Zwangsarbeiterinnen rückgängig gemacht und auf Herbst 1949 verschoben wird. Ende 1949 kommt Frieda Helinski endlich frei. "Wir kamen wieder in Waggons. Und wir sind wieder ewig gefahren. Als es durch Polen ging, da sah alles so aus, als sei noch Krieg; da lagen die abgeschossenen Flugzeuge, die kaputten Panzer", erzählt sie.

Schließlich erreichen sie Frankfurt an der Oder. "Wir haben wie die Strauchdiebe ausgesehen", erinnert sich Frieda Helinski. Die Frauen haben für die Reise eine Pelzmütze und einen knielangen Rock bekommen. In Frankfurt erhalten sie einen Entlassungsschein und 50 Mark. Doch zuvor müssen sie eine Schweigeverpflichtung unterschreiben. Bei Nichteinhaltung wird ihnen mit 20 Jahren Sibirien gedroht. Frieda Helinski macht sich auf nach Stralsund. Dort lebt inzwischen ihre Familie. Am 29. November 1949 steht sie bei ihrer Schwester vor der Tür. Die Geschwister fallen ihr um den Hals. "Dass du das überlebst, das haben wir gewusst!", sagt der Bruder.

Am 10. Dezember fängt Frieda Helinski bei der Einzelhandelskette HO an. Kurz darauf wird sie vom Betriebsleiter zu einer Schulung nach Kühlungsborn geschickt. "'Gott', habe ich gedacht, 'schon wieder weg, schon wieder weg von der Familie!'", sagt sie. "Ich war aus Russland gekommen, hier gleich ins Weihnachtsgeschäft und nachher zur Schulung - ich kam nicht mehr zurecht: In Kühlungsborn bin ich durchgeknallt. Ich habe mich im Zimmer eingeschlossen. Die sind dann über den Balkon gekommen, haben mich gestreichelt und versucht, mich zu beruhigen, ich habe Medikamente gekriegt - ich war fix und fertig." In Kühlungsborn findet sie Menschen, die sie unterstützen. "Ich wusste doch nichts, mir fehlten doch diese fünf Jahre", sagt sie. "Ich wusste nicht, was die DDR ist. In Russland hatte ich gedacht, ich komme jetzt nach Hause, nach Deutschland."

"Diese Angst, die ist immer im Nacken gewesen"

Nach kurzer Zeit wird Frieda Helinski zur Ersten Verkäuferin befördert. Bald darauf wird sie Schichtleiterin. Viele ihrer Bekannten fliehen in den Westen. Sie selber nicht: "Ich hatte Angst, dass ich an der Grenze geschnappt werde und dann wieder in den hohen Norden komme. Diese Angst, die ist immer im Nacken gewesen", sagt sie. Aus den Lagerjahren erzählt sie fast nichts, nicht einmal ihrer Familie. Es fragt auch kaum einer nach. Mit der Zeit bekommt sie gesundheitliche Probleme, erst mit der Wirbelsäule, dann mit den Knien.

Doch da sie 1949 eine Schweigeverpflichtung unterschrieben hat, ist für sie und alle anderen Frauen, die nach der Zwangsarbeit in die DDR gezogen sind, eine ärztliche Untersuchung auf Haftschäden unmöglich. Anders ist es jenen Frauen ergangen, die nach der Lagerzeit in die BRD gegangen sind. Sie erhielten, bis zum Stichtag 10. August 1955 bei Wohnsitz in der BRD, ärztliche Behandlungen und Kuren sowie eine Kriegsopferrente, Entschädigungen und Eingliederungshilfen.

Das lange Warten auf Entschädigung

1989 fällt die Mauer. Nun können Frauen wie Frieda Helinski endlich über das Erlittene reden. Doch von einer Wiedergutmachung seitens der Bundesrepublik ist auch jetzt nicht die Rede. Nur diejenigen Frauen, die auf DDR-Gebiet von den Sowjets verhaftet wurden, erhalten laut Einigungsvertrag eine Entschädigung. Die, die aus Gebieten jenseits der Oder stammen, werden nicht berücksichtigt.

Am 1. November 1997 schreibt Frieda Helinski, die inzwischen Frieda Meyer heißt, einen Brief an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags. Darin heißt es: "Inzwischen sind wir alle 70 Jahre alt und älter, eine Schicksalsgemeinschaft. Unsere Reihen lichten sich. Es schmerzt uns sehr, dass wir bei der Herstellung der Einheit Deutschlands, als ehemals Verschleppte und Vertriebene, wie Deutsche 2. Klasse behandelt werden. Vor diesem Hintergrund fordern wir Sie auf, 1. endlich dafür zu sorgen, dass uns, die wir erst 50 Jahre nach der Entlassung auf die Folgen der Gefangenschaft untersucht werden konnten, keine Nachteile entstehen bzw. korrigiert werden, 2. dies nicht völlig ahistorisch in die von Ihnen bediente allgemeine kommunistische Unrechtsschublade zu packen, sondern unser Schicksal ganz klar als schweres Kriegsschicksal anzuerkennen und zu werten. Sollte der Gesetzgeber sich weiterhin nicht in der Lage sehen, das an uns begangene Unrecht (auch ohne Bedürftigkeitsprüfung) wiedergutzumachen, wird damit deutlich, dass die Regierung die verfassungsmäßig garantierten Grundrechte für uns nicht garantiert."

2007 beschließt die Bundesregierung, Frieda Helinski und den anderen Frauen eine einmalige Entschädigung auszuzahlen. Je nach Länge ihrer Lagerzeit erhalten sie zwischen 500 und 1.500 Euro. Eine angemessene Summe? "Das muss man allen klarmachen: Wir haben damals die Kriegsschulden für beide Teile Deutschlands abgearbeitet", sagt Frieda Helinski. Trotz der Geschehnisse hat sie ihren Lebensmut nie verloren. Auch damals nicht, im Lager. "Als ich richtig tief im Dreck gesteckt habe, da habe ich immer gesagt: 'Ich muss das überstehen, denn ich muss nach Hause, und ich möchte nach Hause!' Alles hätte ich dafür gegeben", sagt sie. "Ich weiß auch nicht, warum man so am Leben hängt. Das ist komisch, nicht?"

Downloads

"Ich weiß auch nicht, warum man so am Leben hängt" - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (374 KB)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.03.1998 | 19:00 Uhr

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