Stand: 06.12.2016 12:23 Uhr  | Archiv

"Den Schwachen hilf!": Geschichte der Hospize

Kranke und helfende Nonnen helfen in einem Hospital in Paris. Holzstich nach einem Gemälde von 1482. © dpa / picture alliance / Everett Collection
Im Mittelalter gründen sich mehrere Krankenpflege-Orden, die teilweise eigene Hospitäler betreiben.

Der Gedanke, den Alten und Kranken beizustehen und sie in einer sicheren und ruhigen Umgebung zu pflegen und zu versorgen, ist sehr alt. Bereits im frühen Mittelalter ab dem 6. Jahrhundert betreiben Kirchen und Klöster sogenannte Hospize und Hospitäler - Begriffe, die sich aus dem lateinischen "hospitium" für Herberge ableiten. Dort nehmen sie hilfsbedürftige Menschen auf und kümmern sich um sie, wie es das christliche Gebot der tätigen Nächstenliebe fordert.

Pflege als christliche Pflicht

Die Hospize stehen auch Fremden und Reisenden offen, die ebenfalls Schutz und Unterkunft benötigen. Vor allem Pilger nutzen sie auf ihrer Reise. So übernehmen die Hospize schon bald eine doppelte Aufgabe als Pilgerherberge und als soziale Einrichtung für Arme, Alte und Kranke.

Hospitäler: Krankenstationen und Altenheime

Das alte Hospital zum Heiligen Geist in Lübeck © fotolia Foto: aro49
Das 1286 erbaute Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck ist bis heute teilweise ein Alten- und Pflegeheim.

Etwa ab dem 11. Jahrhundert versteht man unter Hospizen nur noch die Beherbungsstätten an den Pilgerwegen. Einrichtungen, die sich um Arme, Alte, Kranke oder Waisenkinder kümmern, nennt man dagegen Hospitäler. Sie entstehen vor allem in den Städten. Eigene christliche Orden bilden sich aus, die sich speziell der Kranken- und Altenpflege sowie der Aufnahme der Armen und Obdachlosen widmen, darunter etwa die Johanniter. "Den Schwachen hilf!" besagt eine ihrer Ordensregeln.

Auch in norddeutschen Städten entstehen etliche Hospitäler, einige von ihnen bestehen bis heute. Das wohl bekannteste Hospital im Norden ist das Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck. Gestiftet von reichen Kaufleuten, ist es bereits im 13. Jahrhundert ein Heim für Alte und Kranke.

19. Jahrhundert: Beistand auf dem "Leidensweg"

Die Idee, ein eigenes Haus für Sterbende zu schaffen, ist jüngeren Datums. 1842 gründet die Französin Jeanne Garnier in Lyon ein Haus für Sterbende, das sie Calvaire (französisch für Leidensweg) nennt. Dort sollen Menschen Beistand und Beherbergung für ihren letzten Weg erhalten. Jeanne Garnier soll auch den Begriff "Hospiz" erstmals im Zusammenhang mit der Betreuung Sterbender verwendet haben. Ein ähnliches Haus gründen 1879 irische Nonnen, 1899 eröffnet in New York das "Calvary Hospital", das mittellosen Menschen mit unheilbaren Krankheiten hilft.

Moderne Medizin und anonymes Sterben im Krankenhaus

Mit dem Fortschreiten der Medizin verlagert sich im 20. Jahrhundert das Sterben zunehmend in die Krankenhäuser. Statt im Kreis der Familie und Freunde sterben viele Menschen im Verborgenen, manchmal einsam und anonym. Sterben wird zunehmend nicht als Teil des Lebens, sondern als eine Art Krankheit wahrgenommen.

"Den Tagen mehr Leben geben"

Ein älteres Paar sitzt auf einer Bank im Park © dpa / picture alliance Foto: Rainer Hackenberg
Eine letzte Lebensphase im Einklang mit den Wünschen und Bedürfnissen der Sterbenden ist das Ziel der Hospizbewegung.

Als Begründerin der modernen Hospizidee gilt die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders. Während ihrer Arbeit mit unheilbar an Krebs erkrankten Menschen gelangt sie zu der Überzeugung, dass Sterbende eine ganzheitliche Betreuung benötigen, zu der seelischer Beistand ebenso gehört wie medizinische Hilfe, um die Schmerzen zu lindern.

Von ihr stammt der viel zitierte Leitsatz der Hospizbewegung: "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben." 1967 gründet Saunders bei London das erste stationäre Hospiz. Zwei Jahre später setzt die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross mit ihrem Buch "Interviews mit Sterbenden" eine gesellschaftliche Debatte in Gang. Das Sterben als letzte Phase des Lebens rückt wieder in das Bewusstsein der Menschen.

Hospiz-Bewegung stößt zunächst auf Skepsis

Ein Angehöriger hält dem Sterbenden seine Hand. © epd
Von ihren Anfängen in Deutschland bis heute sind Ehrenamtliche für die Hospizarbeit unersetzlich.

Doch die Idee, Sterbende in speziellen Häusern unterzubringen, ist zunächst umstritten. Viele befürchten, dass Schwerkranke dorthin abgeschoben würden und allein schon durch die Einlieferung Hoffnung und Würde verlieren könnten. Auch gibt es Bedenken, dass der Alltag im Hospiz die Pflegenden überfordern könnte.

So entstehen in Deutschland zunächst ambulante Hospizdienste, meist getragen von Ehrenamtlichen statt von offiziellen Organisationen. Sie pflegen und betreuen die Todkranken zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung. 1986 eröffnet in Aachen das erste stationäre Hospiz in Deutschland, in den 1990er-Jahren entstehen auch in Norddeutschland die ersten Einrichtungen, darunter etwa 1994 in Hannover Kirchrode und 1997 in Hamburg. Heute existieren bundesweit mehr als 200 stationäre Hospize, hinzu kommen weit über 1.000 ambulante Hospizdienste.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hallo Niedersachsen | 01.11.2015 | 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.12.2016 | 07:38 Uhr

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