Stand: 30.10.2019 15:34 Uhr

30 Jahre Mauerfall: Ein Familienbetrieb im Wandel

von Marika Williams

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Gründer Gerhard Frank (l.) mit Sohn und heutigem Geschäftsführer Marcus Frank (r.) in ihrer Schlosserei.

Bis 1989 war die Schlosserei Frank im einstigen Sperrgebiet Boizenburg ein kleiner Betrieb des gelernten Werkzeugmachers Gerhard Frank. Nach dem Mauerfall steht plötzlich der Westen offen und damit tut sich auch eine große Chance für die Schlosserei auf. Was 1987 auf 50 Quadratmetern beginnt, ist heute ein mittelständisches Familienunternehmen mit 20 Mitarbeitern auf über 1.500 Quadratmetern. Die Schlosserei produziert heute unter anderem Treppen, Balkone, Tore und ihre eigenen Rundbogenhallen aus Stahl. Das Einzige, was in dem modernen Betrieb noch an die Zeit vor dem Mauerfall erinnert, ist die alte Werkstatt von Gerhard Frank. Der rund 30 Quadratmeter große Raum steht voll mit alten, aber noch intakten Maschinen. Hierhin zieht sich der Firmengründer in freien Minuten gerne zurück, um wie früher zu schrauben und zu tüfteln.

Ein Foto in der alten Werkstatt des Schlossers Gerhard Frank zeigt den Ausbau der Schlosserei Frank in den ersten Jahren nach der Gründung 1987. © NDR Foto: Marika Williams Nach dem Mauerfall wächst die Schlosserei Frank von rund 50 auf über 1500 Quadratmeter Hallenfläche. © NDR Foto: Marika Williams

Vom Mangel zum Überfluss

Gerhard Frank erinnert sich noch gut an die ersten Jahre seiner Schlosserei. Damals heißt es für ihn im Ein-Mann-Betrieb täglich Schleifen, Drehen, Fräsen. Als am 9. November 1989 unerwartet die Mauer fällt, ändert sich alles - auch für den Betrieb des Unternehmers: "Von einer Mangelwirtschaft in einen Überfluss. Mit einmal konnte man bestellen, egal was man brauchte". Plötzlich benötigt der Schlosser für die Materialbeschaffung keine Bezugsscheine mehr oder muss sich Bauteile ertauschen. Außerdem ist es ihm nun gestattet, Mitarbeiter einzustellen. Die Grenzöffnung wirkt sich auch auf die Auftragslage der Schlosserei aus: die Kunden kommen nicht mehr nur aus Boizenburg, sondern zunehmend aus dem Westen, vor allem aus Hamburg.

Ein starkes Vater-Sohn-Gespann

Über die Jahre entwickelt sich der Betrieb kontinuierlich weiter: auf neue Mitarbeiter folgen größere Produktionshallen. Zudem fokussiert sich die Schlosserei auf den Stahl- und Metallbau. 2005 steigt Sohn Marcus Frank nach einem Trainee in Kanada in den Betrieb seines Vaters ein und kehrt somit dauerhaft zurück in den Osten. Eine Entscheidung, die er auch nach 14 Jahren im Familienbetrieb nicht bereut. "So schön so ein Abenteuer auch ist, man sollte nicht vergessen, wo man seine Wurzeln hat". Der 35-Jährige lernt in der Schlosserei an der Seite seines Vaters das Metallbauhandwerk von der Pike auf. Er wird zum Metallbaumeister und übernimmt 2012 schließlich die Geschäftsführung.

"Wir sind Deutschland"

Neben Projekten in Mecklenburg-Vorpommern, wie der Sanierung der Boizenburger Stadtverwaltung und der Überdachung des Innenhof der Hans-Franck-Schule in Wittenburg, hat die Schlosserei mittlerweile auch Aufträge über die damalige Grenze hinaus. Der Betrieb fertigte unter anderem die Feuertreppe am Rathaus in Schwarzenbek, eine verglaste Dachterrasse über den Dächern von Hamburg und die Bahnhofsuhr in Ingolstadt.

Die beiden Handwerksmeister schätzen die Wiedervereinigung, nicht nur beruflich, sondern auch persönlich. "Eine Grenze, die ein Volk trennt, das doch so gleich ist - unvorstellbar", so Marcus Frank, der 1989 fünf Jahre alt war. Für Gerhard Frank gibt es Ost und West nur noch in einem Zusammenhang - als Himmelsrichtungen auf der Landkarte. Denn für ihn ist klar: "Wir sind Deutschland und da muss sich auch der Letzte mit abfinden."

Die Schlosserei Frank vor und nach dem Mauerfall

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 30.10.2019 | 14:40 Uhr

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