Sendedatum: 22.12.2014 16:20 Uhr

Ein kleiner Frieden im Großen Krieg

Deutsche und britische Soldaten feiern im Ersten Weltkrieg gemeinsam Weihnachten. © picture-alliance / (c)Robert Hunt Library/Mary Evan
Deutsche und britische Soldaten feiern im Ersten Weltkrieg gemeinsam Weihnachten.

1914 tobt der Erste Weltkrieg in Europa. Im Sommer waren die Kämpfe losgegangen. Doch ein halbes Jahr später, am 24. Dezember 1914, passiert etwas Verrücktes und ganz Wunderbares: Aus den Gräben an der Westfront kann man die Soldaten Weihnachtslieder singen hören, auf Deutsch und auf Englisch. Die Waffen haben sie zur Seite gelegt und für die Zeit an Weihnachten den Krieg Krieg sein lassen.

Ein Ereignis, das so besonders ist, dass man eigentlich darüber ein Buch schreiben muss - und genau das hat Bestsellerautor Michael Jürgs getan. NDR Kultur sprach mit ihm über den "kleinen Frieden im Großen Krieg".

Herr Jürgs, Sie haben sich schon vor langer Zeit in die Recherchen gestürzt und zusammengetragen, was an Weihnachten 1914 passiert ist. Wie dürfen wir uns dieses besondere Weihnachten vorstellen?

Michael Jürgs: Sie müssen sich das vorstellen wie ein Weihnachtswunder. Zwischen den Schützengräben, die kaum 100 Meter voneinander entfernt lagen, lagen die Leichen, die nicht bestattet werden konnten. Und in dieser Nacht fror der Boden, es war mondhell und man konnte sich sehen. Und plötzlich begannen die Deutschen zu singen: "Stille Nacht, Heilige Nacht" und sie schrien: "Wir schießen nicht, ihr schießt nicht." Die Engländer waren misstrauisch, bis einer von ihnen aufstand. Und dann trafen sich zum ersten Mal in der Mitte des Niemandslandes die verfeindeten Soldaten und beschlossen, Weihnachten zu feiern.

Es klingt wie ein Märchen, aber es ist wahr. Welche Geschichte hat Sie bei den Recherchen ganz besonders berührt?

Jürgs: Wenn man sich vorstellt, dass bis dahin schon etwa eine Million Menschen gefallen sind, darunter 17-, 16-, 15-Jährige, deren Gräber ich alle bei den Recherchen gesehen habe, ist das ein richtiges Wunder. Denn zwischen dem Ärmelkanal und der Schweizer Grenze bestanden Schützengräben.

Man konnte Hunderte von Kilometern gehen, ohne dass man je gesehen wurde in den Gräben. Und sie schossen aufeinander und die Scharfschützen schossen scharf, man kennt das ja aus dem Film "Im Westen nichts Neues" nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Und plötzlich hat die Menschlichkeit gesiegt. Die normalen Soldaten sagten: Lasst uns Frieden feiern.

Und der Frieden war so, dass sie sogar Fußball gespielt haben. Es gibt sogar Ergebnisse, dass Glasgow gegen Leipzig verloren hat. Aber es gab auch Beispiele, wo sich die Soldaten gegenseitig die Bärte geschnitten haben, die Geschenke, die sie aus der Heimat bekommen haben, ausgetauscht haben, sich die Fotos ihrer Lieben zeigten. Und was mich am meisten berührt hat, war die gemeinsame Totenfeier, wo sie gemeinsam ihre Toten begraben haben. Ein sächsischer Kaplan hielt die Predigt, ein Engländer sprach das Gebet und alle nahmen die Mützen ab und sagten "Frieden auf Erden". Das dauerte leider nur drei Tage.

Ich habe das Gefühl, dass in Großbritannien diese Weihnachtsgeschichte ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist, in Deutschland ist sie dagegen kaum bekannt. Wie ist das möglich?

Jürgs: Die Engländer haben im Ersten Weltkrieg - den sie den Großen Krieg nennen - mehr Menschen verloren als im Zweiten Weltkrieg. Und dieser Weihnachtsfrieden war für die Engländer ein Triumph der Menschlichkeit. Die Zeitungen haben darüber berichtet, auf Seite eins gab es Fotos, während in Deutschland die Zensur sofort zuschlug und alles verbot. Also musste man Briefe finden, die ich dann gefunden habe, in denen Soldaten nach Hause berichtet haben.

Hätte man damals eine freie Presse gehabt, dann, das bin ich bereit zu schwören, wäre der Krieg sehr schnell zu Ende gewesen, weil die Mütter, die ihre Kinder, die ihre Söhne verloren hatten, dann vielleicht protestiert hätten. So wurde es totgeschwiegen. Und es war der einzige Moment in diesem Ersten Weltkrieg, wo für drei Tage nicht geschossen wurde. Und als wieder geschossen werden musste, sagten die Sachsen zu den Engländern: "Hört mal zu, wir müssen ab morgen wieder schießen, aber, unter uns, wir schießen über die Köpfe weg."

Wie ist dieses Weihnachtsmärchen ausgegangen?

Jürgs: Der Krieg ging weiter, und es gab neun Millionen Tote, bis der Krieg zu Ende war. Und diese Momente des Weihnachtsfriedens, die für die Historiker völlig unwesentlich sind, waren für mich eigentlich die schönste Weihnachtsgeschichte. Und das Schönste war, wenn ich in England erzählen konnte: Die Deutschen waren es, die die Waffen niedergelegt haben. Das konnte sich in England niemand vorstellen. Deutsche Soldaten haben die Waffen niedergelegt und Frieden gemacht. Und ich finde, darauf kann man ziemlich stolz sein, auch 100 Jahre später.

Das Gespräch führte Lena Zieker.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.12.2014 | 16:20 Uhr

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