Stand: 12.11.2018 05:00 Uhr

Eben noch im Gefängnis, bald schon in Freiheit

von Torsten Creutzburg

Ausgetreten liegt der beigefarbene Fransenvorleger vor dem Holzbett. Kahl und farblos sind die Wände, an denen eine alte Pinnwand mit Notizen hängt. Auf dem Bett liegt eine akkurat geglättete Wolldecke und im Fernseher flackert die schöne bunte Werbewelt etwas Wärme in das grell beleuchtete Zimmer Nummer 8 im sogenannten Freigängerhaus. Das ist das Zimmer von Olaf aus Kiel, sein aktuelles Zuhause oder wie er es schmunzelnd nennt, die "zweckgebundene Unterkunft": neun Quadratmeter, ohne Küche und Bad, aber mit Blick auf das Hauptgebäude der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neumünster, in dem der 54-Jährige drei Monate einsaß.

Damals hatte er noch Gitter an den Fenstern und weniger Freiheiten als jetzt im offenen Vollzug. Olaf sitzt eine Gefängnisstrafe von zwölf Monaten ab, weil er für eine Betriebswohnung Mieten falsch abgerechnet hatte, die nie gezahlt wurden. Veruntreuung heißt das in Fachkreisen. "Eigene Dummheit", sagt er, während er sich seine Brille zurechtrückt.

Gefängnis light: Besuch im Freigängerhaus

"Mit der Tat und den Konsequenzen arrangiert"

Das klingt abgeklärt, fast schon verharmlosend. Aber Olaf, der eine kaufmännische Ausbildung gemacht und viele Jahre bei der Bundeswehr gearbeitet hat, hat sich schon so oft und ausgiebig mit sich und seiner Tat auseinandergesetzt, dass "man sich jetzt mit der Tat und den Konsequenzen nur noch arrangiert". Das gilt auch für seine Familie, speziell seine zwei erwachsenen Töchter, für die es anfangs schwer zu verstehen und zu akzeptieren war. Aber "zwei Drittel der Strafe habe ich hinter mir und am 26. Dezember bin ich dann wieder raus", sagt er mit einem zufriedenen Lächeln und Blick aus dem Fenster. Und: "Ich bin froh gewesen, dass das am Ende aufgeflogen ist."

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Pflicht

So entschlossen wie der Gefangene Olaf auf seine Haftentlassung blickt, so realistisch sieht Dirk Glock seinen Job als Justizvollzugsbeamter und das Leben im offenen Vollzug: "Die Gefangenen wissen noch genau, wo sie hier sind." Auch wenn man bei den offenen Küchen, den freundlichen gestalteten Gemeinschaftsräumen und frisch gestrichenen Wänden leicht den Eindruck bekommen könnte, in einer Jugendherberge zu sein. Aber es gibt eine strenge Hausordnung, feste Anwesenheitszeiten, unangekündigte Zimmerkontrollen, ein Verbot von Alkohol und Drogen. Wer sich nicht dran hält, ist "sofort weg vom Fenster und zurück im geschlossenen Vollzug", sagt Glock mit fester Stimme. Er arbeitet seit elf Jahren in der JVA Neumünster, davon vier Jahre im Freigängerhaus.

Übergang ins "normale Leben" vorbereiten

Dieses bietet Platz für 36 männliche Gefangene, wobei aktuell nur 24 Plätze belegt sind. Die meisten Gefangenen gehen einer geregelten Arbeit nach und arbeiten als Handwerker, Lagerist oder ähnliches, um so allmählich wieder den Übergang ins "normale Leben" zu schaffen. Aufgrund des Fachkräftemangels melden sich Betriebe teilweise auch direkt bei der JVA, um passendes Personal zu bekommen, auch für die Zeit nach der Haftentlassung.

Jeder Verstoß wird geahndet

Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Kontrolle prägen bis dahin das Leben der Gefangenen: jedes Verlassen des Freigängerhauses, der Weg zur Arbeit, die Arbeitszeit im Betrieb, der Rückweg zur Haftanstalt, Termine zu Therapiesitzungen. Jede Uhrzeit wird minutiös protokolliert, jedes Vergehen knallhart geahndet. Auch wenn Glock keine Uniform, sondern ein blaugestreiftes Kapuzenshirt und Turnschuhe trägt: "Ich kenne jede Akte von jedem Gefangenen und weiß, wie die Rollen hier verteilt sind."

Opferschutz durch Tätertherapie

Regelmäßige Therapien und Resozialisierungsmaßnahmen, dazu feste Arbeitsplätze und ein Wohnumfeld, das eher einer Männer-WG als einer Haftanstalt gleicht. Man könnte die Frage stellen, ob für die Wiedereingliederung der Täter in die Gesellschaft mehr unternommen wird als für die Opfer, die teils jahrelang seelisch oder körperlich geschädigt sind. Justizvollzugsbeamter Glock muss erst mal tief durchatmen und meint dann, dass jeder Gefangene das Recht auf eine Resozialisierung habe, egal welche Straftat er begangen hat. Es sei annehmbarer, wenn ein Gefangener im offenen Vollzug auf die Freiheit wieder vorbereitet werde, "als wenn man ihn an Tag X aus dem geschlossenen Vollzug auf die Straße setzt, nachdem er da vielleicht 15 Jahre gesessen hat und sagt: Sieh zu, wie du klar kommst." Deshalb sei seine Arbeit auch eine Art von Opferschutz.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 12.11.2018 | 05:05 Uhr