Stand: 01.02.2018 17:06 Uhr  | Archiv

Zuwendung ist nicht messbar, aber so wertvoll

Die Pflegeversorgung muss in Deutschland weiter verbessert werden. Zu diesem Schluss kommen Experten im aktuellen Qualitätsbericht der Krankenkassen. Verbesserungsbedarf gibt es demnach sowohl in Pflegeheimen als auch in der ambulanten Pflege. Insgesamt erfüllen zwar viele Heime und ambulante Dienste die Anforderungen an eine gute Pflege. Wichtig sei es aber, mehr Personal einzusetzen und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen.

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Petra Lehnert bemängelt, dass Faktoren wie etwa "Zuwendung" im Bericht über die Qualität der Pflege keine Rollen spielen.

Wie geht es Menschen, die in Heimen auf Hilfe angewiesen sind? Der Medizinische Dienst der Krankenkassen versucht dies mithilfe von Zahlen zu erfassen. Auf die Kommastelle genau berechnet er Prozentsätze etwa für Veränderungen bei der Schmerzerfassung, Wundversorgung oder Vorsorge gegen das Wundliegen.

Die Ergebnisse helfen sicher, die Qualität der Pflege an einigen konkreten Punkten zu ermitteln. Aber sie sagen wenig darüber aus, wie sich die Heimbewohner aufgehoben fühlen. Hatte eine Pflegerin Zeit, sich die neuesten Fotos von der Enkelin mit anzusehen? Gab es ein aufmunterndes Wort, ein wenig Aufmerksamkeit über das medizinische Notwendige hinaus?

In unserer Gesellschaft zählt, was erfasst werden kann

Es wäre ungerecht, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen für die Antwort auf diese Fragen in Haft zu nehmen. Doch es ist bezeichnend, dass solche Kategorien wie zum Beispiel Zuwendung in einem Bericht über die Qualität der Pflege keine Rolle spielen. In unserer Gesellschaft zählt, was erfasst werden kann, was sich in Tabellen und Ziffern darstellen lässt. 

Im Jahr 2035 werden in den Pflege- und Gesundheitsberufen 270.000 Fachkräfte fehlen. Solche Aussagen lösen ein kollektives Schaudern aus. Und auf solche handfesten Prognosen reagiert die Politik. Die zukünftigen Koalitionäre wollen kurzfristig 8.000 neue Stellen schaffen, das ergibt rechnerisch eine Zweidrittel-Stelle pro Heim. Auch sollen die Fachkräfte besser entlohnt werden. Das sind Schritte in die richtige Richtung, aber sie werden die Probleme nicht lösen.

Die Klagen haben viele Ursachen

Viel zu wenige Menschen entscheiden sich für einen Pflegeberuf. Und von denen, die sich tatsächlich für andere einsetzen wollen - trotz Schichtarbeit und mäßiger Bezahlung -, hören viele nach einigen Jahren wieder auf. Sie klagen über den Minutentakt, in dem sie ihre Pflegeleistung erbringen sollen, über die Bürokratie, die neben der körperlichen und seelischen Belastung so viel Energie kostet, und nicht zuletzt über den Mangel an Wertschätzung, den sie für ihre Arbeit erfahren.

Der Fachkräftemangel ist nicht verwunderlich

Das Image der Pflegeberufe ist schlecht. Es kommt ja am Ende nichts Messbares heraus. Schnelligkeit und Effizienz - das sind Werte, die unsere Arbeitswelt schätzt und honoriert. Geduld haben und Geborgenheit vermitteln, das sind hingegen Leistungen, mit denen man kaum Anerkennung findet.

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist das Symptom einer Gesellschaft, die menschliche Zuwendung nach betriebswirtschaftlichen Kriterien misst. Zu viel gerät dabei aus dem Blick.

Tagesschau.de
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NDR Info

Massive Mängel in der Pflege

NDR Info

Die Versorgung von Pflegebedürftigen in Heimen und Zuhause muss nach Ansicht der Krankenkassen weiter verbessert werden. Mehr zu dem Qualitätsbericht bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 01.02.2018 | 18:30 Uhr

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