Stand: 23.03.2015 10:02 Uhr  | Archiv

Wie viel Ablenkung verträgt das Gedächtnis?

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Werden wir abgelenkt, gehen wichtige Informationen verloren.

Sich kurz etwas zu merken, ist in der Regel kein Problem, aber oft sind Erinnerungen flüchtig - vor allem dann, wenn wir abgelenkt sind. Beim Autofahren telefonieren, beim Fernsehen chatten, beim Meeting nebenbei den nächsten Tag planen: Wer versucht, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen (Multitasking), ist alles andere als effektiv.

Wie gelangen Informationen in das Langzeitgedächtnis?

Woran das liegt, haben Braunschweiger Hirnforscher in einem Experiment an lebenden Nervenzellen herausgefunden. Das Ultra-Kurzzeitgedächtnis besteht aus elektrischen Impulsen in den Nervenzellen, es hält nur wenige Sekunden. Für einige Minuten hält das Kurzzeitgedächtnis. Dafür bilden die Nervenzellen Proteine als Informationsträger, die nach einigen Minuten wieder zerfallen - es sei denn, sie werden zuvor fest in die Synapsen, die Schnittstellen zwischen den Nervenzellen, eingebaut. Denn dann ist das Gelernte im Langzeitgedächtnis angekommen und gespeichert.

Erinnerungen machen sich Konkurrenz

Im Labor konnten die Forscher nachweisen, dass sich die Erinnerungen beim Übergang ins Langzeitgedächtnis Konkurrenz machen. Kommt nur eine Information auf einmal an, können die Gedächtnis-Moleküle das Gelernte gut in der Synapse verankern. Folgt aber schnell ein ganz anderer Reiz, verbraucht eine andere Synapse die Gedächtnis-Bausteine und die erste Information kann nicht gespeichert werden. Treffen mehrere Informationen gleichzeitig ein, entscheidet der Zufall, welche gespeichert wird.

Damit kamen die Forscher einem häufigen Grund für Vergesslichkeit im Alltag auf die Spur: Werden wir abgelenkt, gehen wichtige Informationen verloren. Deshalb ist es keine gute Idee, beim Lernen einer Fremdsprache Radio zu hören oder den Fernseher laufen zu lassen - denn was von den ganzen Eindrücken später gespeichert wird, ist dann reine Glückssache.

Stress beeinträchtigt Gedächtnis

Auch Stress beeinträchtigt das Gedächtnis. Stress lässt ein eher flexibles Gedächtnissystem erstarren, sodass es deutlich schwieriger wird, Gelerntes auf neue Situationen zu übertragen. Damit wird das unter Stress erworbene Wissen wesentlich schlechter nutzbar. Ob beim Lernen oder am Arbeitsplatz: Ablenkung führt zu schlechteren Ergebnissen. Und da gibt es auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen Frauen und Männern.

Für Ältere wird Multitasking besonders schnell zu einem Problem, denn ihr Gedächtnis ist schon von Natur aus nicht mehr so leistungsfähig. Doch das ist kein Grund zur Panik: Dass Erinnerungsdefizite bereits um das 50. Lebensjahr herum zunehmen, ist völlig normal. Schließlich hat das Gehirn bis dahin auch bereits sehr viel gespeichert - und jede "Festplatte" ist irgendwann voll und büßt an Leistungsfähigkeit ein.

Es gibt aber viele Tricks, das eigene Gedächtnis zu trainieren und effektiver zu nutzen. So ist es zum Beispiel hilfreich, Zahlen oder Namen, die man behalten möchte, mit Bildern oder Geschichten in Verbindung zu bringen. Je absurder oder lustiger die sind, desto besser bleiben sie im Gedächtnis.

Daneben gibt es viele Dinge, die das Gehirn in Schwung halten: Bewegung, gesunde Ernährung, Meditation, soziale Beziehungen und gesellschaftliches Engagement. Wer etwas Neues lernt, zum Beispiel eine neue Fremdsprache oder ein neues Musikinstrument, eine neue Sportart beginnt oder neue Freundschaften aufbaut, kann auch im hohen Alter seine Gehirnzellen fit halten.

Weitere Informationen
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Wie funktioniert Gedächtnistraining?

NDR Info

Den Namen vergessen, wer kennt das nicht. Es gibt verschiedene Mechanismen, die Merkfähigkeit zu steigern. Bilder gepaart mit Gefühlen führen zu sehr guten Ergebnissen. Audio (04:22 min)

Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Martin Korte
Biologe
Abteilung für zelluläre Neurobiologie
Institut für Zoologie der TU Braunschweig
Spielmannstraße 7
38106 Braunschweig
Internet: www.zoologie.tu-bs.de

Im Beitrag:
Prof. Dr. Lars Schwabe
Psychologe
Arbeitsbereich Kognitionspsychologie
Institut für Psychologie der Universität Hamburg
Von-Melle-Park 5
20146 Hamburg
Internet: www.psy.uni-hamburg.de/arbeitsbereiche/kognitionspsychologie.html

Dieses Thema im Programm:

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