Stand: 19.01.2015 14:00 Uhr  | Archiv

Was können Laien in der Pflege leisten?

von Djamila Benkhelouf und Philipp Kafsack
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Betreuungskräfte sollen beispielsweise zum Vorlesen oder Spazierengehen in die Heime kommen und damit die Pflegekräfte entlasten. So die Idee der Politik.

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt ständig - vor allem die der Demenzkranken. Bis zum Jahr 2020 werden insgesamt drei Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Doch schon jetzt gibt es zu wenige Pflegefachkräfte. Viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen klagen über mangelnde Unterstützung. Die Pflegekräfte selbst leisten einen Knochenjob: Schichtdienst, enormer Zeitdruck und schlechte Bezahlung. Je nach Pflegestufe ist für einen Patienten beispielsweise nur eine Grundpflege wie Waschen, Zahnhygiene und Toilettengang vorgesehen. Von einem Gespräch, einem Lächeln, Zeit für Betreuung steht da nichts.

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Die Bundesregierung hat, um die Situation der Pfleger und die der Patienten zu verbessern, zwei "Pflegestärkungsgesetze" auf den Weg gebracht. Das erste ist im Januar 2015 in Kraft getreten; das zweite soll bis 2018 umgesetzt werden. Seit Anfang dieses Jahres gibt es zum Beispiel mehr Geld für die Betreuung und Pflege von Demenzkranken. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der neuen Regelung: Die Zahl der Betreuungskräfte in stationären Pflegeeinrichtungen soll erhöht werden. Wichtig zu beachten: Es geht nicht um die Zahl der examinierten Pflegekräfte - also des Fachpersonals. Dennoch ist Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe (CDU) auf die 20.000 neuen Betreuungskräfte, die er finanzieren will, stolz. Er verspricht "spürbare Verbesserungen des Alltags und der Lebenssituationen in unseren Pflegeeinrichtungen". Dafür nimmt der Minister immerhin eine halbe Milliarde Euro pro Jahr in die Hand.

 

Ungeregelte Form der Weiterbildung für Betreuungskräfte

Die Politik will die Pflegeheime also mit sogenannten Betreuungskräften unterstützen. Diese Kräfte pflegen nicht, sondern kommen ausschließlich zum Vorlesen, Spazierengehen oder Singen in die Heime. Dafür gibt es tatsächlich keine lange Ausbildung. Und so wird die Betreuungskraft auch nicht zum Ausbildungsberuf. Interessenten erhalten nur eine Form von Weiterbildung ohne bundeseinheitliche Regelung. Diese dauert lediglich mehrere Wochen oder wenige Monate. Viele Absolventen der Kurse verdienen derzeit kaum mehr als den Mindestlohn. Zudem bleibt abzuwarten, ob die Betreuungskräfte tatsächlich nur ihrer Weiterbildung gemäß oder auch für pflegerische Arbeiten eingesetzt werden. Die Pflegereform sieht vor, dass eine Betreuungskraft für 20 pflegbedürftige Menschen zuständig sein soll.

"Ich bin nicht davon überzeugt, dass das den eigentlichen Betreuungsrahmen abdeckt, weil ich finde, dass man da schon gewisse Kompetenzen mitbringen muss, jemanden zu betreuen und zu begleiten. Das bedeutet nicht, mal eben ein bisschen herumzutüddeln und zu denken, betreuen kann ja jeder. Das ist eine hochanspruchsvolle Aufgabe."

Katrin Wojtun, Leiterin einer Tagespflegeeinrichtung

Echte Fachkräfte sind der Politik zu teuer

Doch reicht das zum Beispiel für die Betreuung von Demenzkranken? Besonders der Umgang mit demenziell erkrankten Menschen in der Pflege erfordert viel Fingerspitzengefühl. Eine fachgerechte, ganzheitliche Pflege sollte deshalb nicht von der Betreuung abgekoppelt werden. Dafür benötigen Pfleger Einfühlungsvermögen, Fachwissen und vor allem Zeit - das wissen auch die verantwortlichen Politiker. Doch anstatt mehr Fachkräfte einzustellen, die Betreuung und Pflege miteinander verbinden, setzt die Politik lediglich auf Betreuungskräfte. Minister Gröhe vertritt trotz Kritik von Pflegekräften weiter die Überzeugung, Betreuung müsse nicht nur von Fachkräften geleistet werden. Letztere sind der Politik am Ende offenbar schlicht zu teuer.

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 19.01.2015 | 22:00 Uhr

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