Stand: 01.02.2016 10:15 Uhr  | Archiv

Warum Cannabis für Jugendliche so gefährlich ist

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Der Psychiater und Psychotherapeut Oliver Voß-Jeske sieht die Debatte über eine mögliche Legalisierung von Cannabis mit großer Sorge.

"Von legalem Cannabis wird man genauso abhängig wie von illegalem", sagt Oliver Voß-Jeske im Hinblick auf Überlegungen, die Droge zu legalisieren. Welche Folgen eine solche Freigabe - auch mit Altersbeschränkung - für Jugendliche hätte und warum Cannabis gerade für sie gefährlich ist, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Interview mit dem Fernseh-Autor Carsten Rau. Voß-Jeske leitet das "Come In!" in Hamburg, eine stationäre Drogentherapie-Einrichtung für Jugendliche. Der Mediziner war lange Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik.

Carsten Rau: Was halten Sie von der Legalisierungsdebatte?

Oliver Voß-Jeske: Aus ärztlicher Sicht sehe ich diese ganze Diskussion mit großer Sorge: In der medialen Auseinandersetzung gibt es eine sehr starke Tendenz zur Verharmlosung des Cannabis-Konsums. Ich denke aber, dass Cannabis als Substanz nicht ungefährlich ist. Es wird ja konsumiert, weil es eine Wirkung hat. Und Substanzen, die wirken, haben in der Regel eben auch Nebenwirkungen. Gerade beim chronischen Konsum treten immer häufiger Nebenwirkungen oder langfristige Folgen auf; das wird häufig übersehen.

Nehmen die Jugendlichen die Legalisierungsdebatte eigentlich wahr?

Voß-Jeske: Ja, aber das ist jetzt bei uns nicht so ein Dauerthema hier. Grundsätzlich würden die Jugendlichen vermutlich einer Legalisierung positiv gegenüberstehen. Dadurch, dass sie Drogen erworben haben, sind sie ja alle straffällig geworden und hatten mit Kriminellen zu tun. Wenn man aber erst mal abhängig ist, geht es darum, aus der Abhängigkeit rauszukommen. Und natürlich wird man von legalem Cannabis genauso abhängig wie von illegalem.

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Die Legalisierungsbefürworter werden vermutlich sagen, dass Cannabis erst ab 18 Jahren legal sein soll oder ab 21, wie es in USA ist. Aber das ist schwer zu überprüfen und es wird immer Wege geben, die Substanz zu bekommen. Es ist ja auch noch die Frage, wie die Legalisierung dann umgesetzt wird. Wo wird es Cannabis geben, im Internet, in der Drogerie oder Apotheke?

Würde legales Cannabis Ihrer Meinung nach zu weniger Abhängigen führen?

Voß-Jeske: Nein. Cannabis würde nach einer Legalisierung vermutlich verfügbarer sein. Und sowohl bei der Entwicklung von Abhängigkeitserkrankungen und der Abhängigkeit selbst spielt die Verfügbarkeit eine große Rolle. Das heißt: Je mehr Leute Cannabis probieren, desto mehr Leute bleiben auch darauf hängen. Von daher wird sich die Zahl der Cannabis-Abhängigen nach der Legalisierung wahrscheinlich erhöhen.

Laut einer aktuellen Untersuchung ist die Zahl der jugendlichen Cannabis-Konsumenten bereits in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen. Einzelne Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass über die Legalisierung debattiert wird. Halten Sie das für möglich?

Voß-Jeske: Ich halte es für möglich und sogar für sehr wahrscheinlich. Allerdings liegt es nicht an der Diskussion allein: Ich glaube, es liegt auch daran, dass Cannabis-Konsum hoffähig geworden ist. Die Legalisierungsdebatte wäre nicht so bekannt, wenn es nicht so viele Prominente gäbe, die offen mitdiskutieren. Kiffen ist interessanterweise tatsächlich ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden. In den späten 70ern und frühen 80ern war der Cannabis-Konsum eigentlich etwas Links-Alternatives. Heute sind im "Come In!" auch einige Jugendliche aus dem rechtsradikalen Spektrum, die cannabisabhängig  geworden sind und hier eine Entwöhnungsbehandlung machen.

Was für einen Reiz hat Cannabis für Jugendliche?

Voß-Jeske: Der eine Aspekt ist, dass das Leben nicht mehr so dramatisch aussieht, wenn sie kiffen. Sie halten Situationen besser aus, die sie sonst schwer ertragen; etwa wenn es in der Familie oder im Freundeskreis große Schwierigkeiten gibt oder sie unter schulischem Druck stehen. Über diesen Lernprozess rutschen sie in den regelmäßigen Konsum. Dann denken sie irgendwann schon bei geringen Unpässlichkeiten daran, erst mal einen Joint zu rauchen. Nach und nach wird es zur Gewohnheit, täglich oder mehrmals täglich zu kiffen, um unangenehme Gefühle nicht zu spüren. Manche haben zudem psychische Probleme, Ängste oder depressive Verstimmungen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie durch das Kiffen vorübergehend besser werden.

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Das ist der eine Aspekt. Der andere ist sicherlich, dass Kiffen im Freundeskreis auch eine soziale Komponente hat. Die Jugendlichen chillen dann zusammen, wie das heute genannt wird. Aber außer zusammenzusitzen, zu reden und zu kiffen, machen sie sonst nicht viel. Auch hier kann der regelmäßige Konsum zur Abhängigkeit führen.

Cannabis löst ja eine Entspannung im Körper aus. Ist diese Wirkung bei Kindern und Jugendlichen besonders problematisch?

Voß-Jeske: Wenn ein Jugendlicher mit 12, 13 Jahren anfängt zu kiffen, besteht die Gefahr, dass er oder sie für die Pubertät wichtige Erfahrungen nicht macht. In dieser Zeit geht es ja zum Beispiel darum, Frustrationstoleranz zu lernen, auszuhalten, dass Dinge nicht gleich so laufen, wie man es gern hätte. In dieser Zeit lernen Jugendliche auch, Dinge schrittweise zu denken und zu planen. Wer aber Probleme lieber aussitzt und stattdessen kifft, lernt nicht, mit ihnen umzugehen. Auch die schulischen Leistungen von Jugendlichen, die schon mit 13 angefangen haben zu kiffen, fallen in der 7./8. Klasse oft ganz krass ab. Jugendliche, die Cannabis regelmäßig konsumieren, sind oft deutlich in ihrer Konzentrations- und Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Das zieht sich dann auch bis ins Erwachsenenalter rein.

Aber hat Alkohol nicht ähnliche Folgen?

Voß-Jeske: Alkohol hat andere Auswirkungen. Alkoholkonsum ist bei Jugendlichen auch ganz anders zeitlich organisiert - die Jugendlichen, die viel trinken, trinken hauptsächlich an den Wochenenden und das dann meist exzessiv. Die allerwenigsten Jugendlichen trinken mit 12, 13 oder 14 Jahren schon jeden Tag. Jugendliche, die früh anfangen zu kiffen, geraten jedoch relativ schnell in einen täglichen Konsum. Kiffen ist zudem fast immer "vergesellschaftet" mit Nikotinkonsum. Neben den Zigaretten werden dann eben regelmäßig Joints geraucht. So regelmäßig findet kein Alkoholkonsum bei den Jugendlichen statt.

Nichtsdestotrotz ist natürlich auch jugendlicher Alkoholkonsum nicht förderlich für die psychische und geistige Entwicklung und auch Vollräusche hinterlassen Spuren im Rahmen der Hirnentwicklung und der Hirnreifung.

Fällt Alkohol bei Jugendlichen auch eher auf?

Voß-Jeske: Ja, auch das. Wenn ich morgens schon ein Bier trinken muss, um meinen Flattermann zu bewältigen, dann riechen Mitschüler und Lehrer das. Eigentlich riecht man auch bei Kiffern, dass sie gekifft haben, aber es fällt nicht so direkt auf. Zudem verhalten sich Jugendliche, die kiffen, in der Regel auch wesentlich ruhiger, als die, die alkoholisiert sind. Ein Kontrollverlust, wie es ihn beim Alkohol gibt, setzt bei Cannabis-Konsum schleichender ein: etwa wenn die Jugendlichen kontinuierlich so drei bis vier Gramm am Tag kiffen.

Wie viel Joints sind das dann?

Voß-Jeske: Das würde bedeuten, den ganzen Tag durchzukiffen, also bestimmt so sechs bis zehn Joints am Tag zu rauchen. Tückisch ist aber auch, dass die Jugendlichen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, oftmals auch noch zusätzlich Alkohol trinken, besonders an den Wochenenden. Da kommt es dann häufig zu einem Mischkonsum von Cannabis, Alkohol, aber auch anderen Partydrogen - wie Ecstasy, Amphetaminen, Speed oder halluzinogenen Pilzen. Da sind die Jugendlichen teilweise sehr experimentierfreudig und haben eine sehr hohe Risikobereitschaft.

Warum ist Cannabis gerade für die Gehirne von Jugendlichen so gefährlich?

Voß-Jeske: Bei Jugendlichen, die eine starke Veranlagung dazu haben, eine Psychose oder Schizophrenie zu bekommen, ist die Gefahr größer, dass diese psychischen Erkrankungen durch frühen Cannabis-Konsum schneller auftreten. Grundsätzlich ist Cannabis aber deshalb für Jugendliche so gefährlich, weil sich das Gehirn erst im Laufe des Lebens entwickelt, der Mensch kommt ja nicht mit einem erwachsenen Gehirn auf die Welt. Besonders die Bereiche, die für ethisches Erleben, für das Empfinden von richtig und falsch, eine Rolle spielen, sind die letzten Hirnregionen, die sich ausbilden. Deswegen gibt es ja auch im Strafrecht die Zeit der Heranwachsenden zwischen 18 und 21, weil man weiß, dass das moralische Empfinden zu dem Zeitpunkt noch nicht voll ausgereift sein muss. Wenn die hirnorganische Entwicklung durch den Einfluss von Substanzen wie Cannabis beeinträchtigt wird, kann sich dieser Hirnbereich nicht optimal entfalten.

Ist das irreversibel?

Voß-Jeske: Das Gehirn kann sich viel besser selbst reparieren, als man lange gedacht hat. So lassen sich auch im Nachhinein noch Werte entwickeln. Das ist genau das, woran wir hier mit den Jugendlichen arbeiten: etwa an Werten wie einem respektvollen Umgang miteinander.                     

Das Fernseh-Interview führte Carsten Rau für seine Dokumentation "45 Min: Cannabis für alle?". Für einen besseren Lesefluss geben wir es hier in Absprache mit dem Interviewpartner gekürzt wieder.

Informationen zur Sendung
45 Min

Cannabis für alle?

02.10.2017 22:00 Uhr
45 Min

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 02.10.2017 | 22:00 Uhr

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