Stand: 15.04.2019 10:43 Uhr

Fluorchinolon-Antibiotika: Warnung an Ärzte

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Antiobiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone können schwere Nebenwirkungen haben.

Vor einem unkritischen Umgang mit bestimmten Antibiotika, sogenannten Fluorchinolonen, warnt das Bundesinstitut für Arzneimittelsicherheit und Medizinprodukte (BfArM) in einem sogenannten Rote-Hand-Brief an Ärzte und Krankenhäuser. Diese Antibiotika sollen nur nach einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Bewertung im Einzelfall verschrieben werden - unter Beachtung aller Risiken und Anwendungsbeschränkungen.

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So gefährlich sind Fluorchinolon-Antibiotika

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Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone können zu gefährlichen Nebenwirkungen führen. Ärzte sollen die Mittel nur noch nach sorgfältiger Prüfung im Einzelfall verordnen.

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Nebenwirkungen von Fluorchinolonen

In Deutschland betroffen sind die Wirkstoffe Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin. Sie werden schon länger mit schweren Nebenwirkungen in Verbindung gebracht, die bereits nach wenigen Tabletten auftreten können:

  • Kribbeln im Gesicht und in den Händen
  • Taubheitserscheinungen, Schmerzen und Risse im Bereich der Sehnen
  • Muskelschmerzen
  • Angstzustände und Panikattacken
  • Leberschäden

Die Nebenwirkungen können sogar nach dem Absetzen des Medikaments monatelang oder auf Dauer bleiben. Und nicht nur das: Neue Studien zeigen, dass Betroffene nach der Einnahme von Fluorchinolonen ein erhöhtes Risiko haben, ein Aortenaneurysma zu erleiden.

Gefahr für Riss der Aorta steigt

Ein Aortenaneurysma ist eine spindel- oder sackförmige Erweiterung der Hauptschlagader (Aorta), die in allen Abschnitten der Ader entstehen kann. Reißt die geschwächte Gefäßwand ein, kann der Betroffene in kürzester Zeit innerlich verbluten. In einigen Fällen können Fluorchinolone die Gefäßwand so verändern, dass eine Gefäßaussackung entsteht und im schlimmsten Fall einreißt.

Die Wände der Hauptschlagadern haben eine ähnliche Struktur wie die Achillessehne. Wer nach Einnahme von Fluorchinolonen Beschwerden mit der Achillessehne hat, könnte auch Probleme mit den Aorten bekommen. In welchem Umfang das Risiko steigt, hängt von der Dauer der Antibiotika-Therapie ab. Nach einer 14-tägigen Anwendung eines Fluorchinolons stieg das Risiko einer Studie zufolge fast um das Dreifache.

EU schränkte Indikation für Fluorchinolone bereits ein

Auf dem Beipackzettel der Medikamente sind die Nebenwirkungen weit unten als "seltene Nebenwirkungen" aufgeführt. Dabei sind in den Nebenwirkungsdatenbanken der EU für diese Antibiotika-Gruppe bereits Zehntausende Fälle aufgelistet. Nach einer Nutzen-Risiko-Analyse schränkten die Behörden 2008 die Indikation von Norfloxacin, Ciprofloxacin und Moxifloxacin ein, 2012 folgte Levofloxacin.

Fluorchinolone nur bei lebensgefährlichen Erkrankungen

In der Praxis würden die Warnungen jedoch oft nicht ausreichend ernst genommen, kritisieren Experten. Viele niedergelassene Ärzte verschrieben Fluorchinolone auch bei relativ harmlosen Atemwegserkrankungen oder bei nicht lebensgefährlichen Harnwegsinfekten. In Krankenhäusern würden diese Antibiotika in der Regel nur noch bei lebensgefährlichen Infektionen eingesetzt, wenn keine anderen Medikamente zur Verfügung stünden.

Medikament bei Nebenwirkungen sofort absetzen

In den USA hat die Arzneimittelbehörde FDA 2016 angeordnet, dass die Hersteller in den Beipackzetteln von Fluorchinolon-Antibiotika unübersehbar in Fettdruck auf die seltenen, aber massiven Nebenwirkungen hinweisen müssen. Sofern andere Antibiotika für die Therapie zur Verfügung stehen, rät die Behörde Ärzten, Fluorchinolone nicht mehr zu verordnen. Beim Auftreten von Nebenwirkungen solle ein Fluorchinolon zudem sofort abgesetzt und auf ein anderes Antibiotikum umgestellt werden.

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Experten zum Thema

Dr. Stephan Kurz, Kardioanästhesist, Leiter der Forschungsgruppe Aorta
Deutsches Herzzentrum Berlin
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
(030) 45 93 20 00
www.dhzb.de

Dr. Tobias Pottek, Chefarzt
Klinik für Urologie
Vivantes Klinikum Am Urban
Dieffenbachstraße 1
10967 Berlin-Kreuzberg
(030) 130 22 63 01
www.vivantes.de

Heike Hilgarth, Apothekerin
Klinik für Intensivmedizin
Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
www.uke.de

Dr. Hans Klose, Chefarzt
Abteilung für Pneumologie
II. Medizinische Klinik und Poliklinik
Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
www.uke.de

Prof. Dr. Dr. Ingolf Cascorbi, Direktor
Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein - Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
www.uksh.de

Weitere Informationen
Selbsthilfe-Diskussionsforum im Internet
www.fluorchinolone-forum.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 16.04.2019 | 20:15 Uhr

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