Stand: 23.11.2015 10:43 Uhr  - Visite  | Archiv

Probleme mit Lieferengpässen von Medikamenten

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Die Kliniken versuchen, ihre Medikamentenbestände möglichst hoch zu halten.

In großen Krankenhäusern sollten alle Medikamente zur Verfügung stehen, die Ärzte brauchen, um ihren Patienten zu helfen. Doch immer öfter haben Klinikapotheker das Problem, dass wichtige Medikamente nicht lieferbar sind. Sie versuchen dann auf Umwegen, die Arzneimittel zu besorgen, die sie von den Herstellern nicht bekommen.

Lieferschwierigkeiten müssen nicht angezeigt werden

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht im Internet zwar regelmäßig eine Liste nicht lieferbarer Arzneimittel, doch diese Liste ist nicht vollständig. Der Grund: Die Hersteller müssen Lieferschwierigkeiten nicht anzeigen. So trifft die Nachricht Ärzte und Patienten oft überraschend, wie im Sommer 2015, als das Chemotherapeutikum Melphalan plötzlich nicht mehr lieferbar war. Zahlreiche Krebspatienten konnten die lebenswichtige Therapie nicht bekommen, da Melphalan durch kein anderes Medikament zu ersetzen ist.

Die Ärzte stehen dieser Situation oft hilflos gegenüber und müssen versuchen, ihre Patienten mit Überbrückungstherapien zu behandeln. Viele Patienten mussten Wochen auf Melphalan warten. Und Melphalan ist kein Einzelfall: Auch eine Reihe von Antibiotika sind in Deutschland derzeit nicht lieferbar, darunter eines der am meisten verwendeten Antibiotika im stationären Bereich, das zum Beispiel bei Atemwegs-, Bauch-, Haut- und Weichteilinfektionen eingesetzt wird. Wegen des Lieferengpasses müssen wieder vermehrt andere Antibiotika gegeben werden, viele Patienten bekommen statt einem nun zwei Präparate - und das bedeutet nicht nur mehr Nebenwirkungen, sondern auch ein erhöhtes Risiko, dass die Keime Resistenzen entwickeln.

Erhöhter Aufwand für Kliniken

Um die Auswirkungen der Lieferengpässe zu lindern, helfen sich die Klinikapotheken gegenseitig mit Medikamenten aus, die Lagerbestände werden ständig kontrolliert und möglichst hoch gehalten. Für die Krankenhäuser bedeutet das viel Aufwand und höhere Kosten als eigentlich nötig wären.

Pharmaunternehmen lagern Produktion aus

Eine Ursache der Lieferschwierigkeiten ist, dass viele Pharmaunternehmen die Produktion aus Kostengründen zu Subunternehmern ins Ausland verlagern, meist nach Indien oder China. Kommt es hier, zum Beispiel wegen eines Brandes oder Qualitätskontrollen, zu vorübergehenden Produktionsstopps, wird danach zuerst die Produktion teurerer Arzneimittel wieder aufgenommen und bei günstigen Produkten kommt es dann zu Lieferengpässen.

Experten kritisieren deshalb, dass das Recht, ein Medikament zu vertreiben, in Deutschland nicht mit der Pflicht einhergeht, es auch tatsächlich vorzuhalten. Ohne eine verpflichtende Lagerhaltung der Hersteller sei dieses Problem aber nicht zu lösen.

Interviewpartner im Beitrag

Dr. Michael Baehr
Apotheker
Leiter der Apotheke des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Internet: www.uke.de/zentrale-dienste/apotheke

Prof. Dr. Christof Scheid
Oberarzt

Priv.-Doz. Dr. Jörg-Janne Vehreschild
Assistenzarzt
Klinik I für Innere Medizin
Uniklinik Köln
Kerpener Straße 62
50937 Köln
Internet: innere1.uk-koeln.de

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Visite | 24.11.2015 | 20:15 Uhr

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