Stand: 19.05.2015 11:11 Uhr  | Archiv

Paracetamol vorsichtig verwenden

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Sie wirken schnell - und Millionen Menschen sind auf sie angewiesen: Schmerzmedikamente wie Paracetamol.

Paracetamol gehört weltweit zu den am häufigsten verwendeten Schmerzmitteln. In Deutschland ist es bereits seit 1956 rezeptfrei gegen mäßige Schmerzen und Fieber erhältlich. Die schmerzlindernde Wirkung des Paracetamol beruht auf der Hemmung des Enzyms Cyclooxygenase-2 (COX-2), das die Produktion von entzündungs- und schmerzverstärkenden Botenstoffen, sogenannten Prostaglandinen, fördert. Außerdem hemmt es den Effekt körpereigener, fiebertreibender Stoffe auf das Temperaturregulationszentrum im Gehirn.

Leberschädigende Nebenwirkungen von Paracetamol

Pharmakologen und Ärzte warnen jedoch vor dem unkritischen Einsatz des Schmerzmittels. Seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise, dass Paracetamol nicht so harmlos ist, wie es lange angenommen wurde. Insbesondere die leberschädigenden Nebenwirkungen des Medikamentes werden unterschätzt. In den USA, Großbritannien und Skandinavien ist die Einnahme einer Überdosis Paracetamol die häufigste Ursache für ein akutes Leberversagen. In den USA werden jedes Jahr sogar rund 450 Todesfälle auf Paracetamol-Überdosierungen zurückgeführt. Vergleichbare Daten aus Deutschland fehlen. Erste Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch hierzulande Paracetamol-Überdosierungen in etwa 16 Prozent der Fälle für ein akutes Leberversagen verantwortlich sind.

Paracetamol wird in der Leber über bestimmte Enzyme zum giftigen und leberschädigenden N-Acetyl-p-benzochinonimin (NAPQI) abgebaut. Dieser Abbaustoff wird normalerweise sofort durch die körpereigene Aminosäure Glutathion abgefangen und über die Niere ausgeschieden. Das Glutathion steht in der Leber jedoch nur in begrenztem Umfang zur Verfügung. Bei einer Überdosierung mit Paracetamol erschöpft sich daher der Glutathionvorrat. Das giftige NAPQI kann dann nicht mehr abgebaut werden und führt dazu, dass Leberzellen absterben. Innerhalb von wenigen Tagen kann sich daraus ein Versagen des gesamten Organs entwickeln. Da die Leber für viele lebensnotwendige Stoffwechselprozesse im Körper zuständig ist, endet der Krankheitsverlauf ohne eine Lebertransplantation in 80 Prozent der Fälle tödlich.

Die Symptome, die auf ein Leberversagen hinweisen, sind vielfältig und unspezifisch. Die Beschwerden reichen von Schwindel, Appetitlosigkeit und Erschöpfung bis hin zu Durchfall und Erbrechen. Daher ist es insbesondere im Frühstadium schwierig zu diagnostizieren. Erst im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung kommt es zu typischen Symptomen wie zum Beispiel einer Gelbfärbung der Haut. Das führt dazu, dass die Erkrankung in vielen Fällen erst spät erkannt wird und die Prognose entsprechend schlecht ist. Daher raten Experten die empfohlenen Einzel- und Tagesdosen streng einzuhalten.

Allgemeine Rezeptpflicht in der Diskussion

Bis vor einigen Jahren lag die Tageshöchstdosis für Erwachsene noch bei sechs Gramm. Aufgrund von Vergiftungsfällen wurde sie bereits auf vier Gramm pro Tag reduziert. Die Dauer der Anwendung sollte auf drei bis vier Tage beschränkt bleiben. Personen, bei denen eine Vorschädigung der Leber bekannt ist, sollten generell auf die Einnahme von Paracetamol verzichten. Insbesondere bei Kindern gilt es, die Dosierungsanleitung genauestens einzuhalten. Aufgrund ihres geringen Körpergewichts können zu hohe Dosen schnell zu lebensbedrohlichen Leberproblemen führen. Besondere Vorsicht gilt bei der gleichzeitigen Anwendung mehrerer paracetamolhaltiger Medikamente und Kombinationsarzneimittel für die Behandlung von Erkältungskrankheiten.

Seit Juli 2008 sind in Deutschland Packungen mit mehr als zehn Gramm Paracetamol verschreibungspflichtig. Geringere Mengen können nach wie vor rezeptfrei in der Apotheke erworben werden. Die Einführung einer allgemeinen Rezeptpflicht wird aktuell diskutiert. Einige Pharmakologen fordern sogar, den Wirkstoff vom Markt zu nehmen. Sie weisen darauf hin, dass das Medikament heutzutage aufgrund seiner Nebenwirkungen und seiner geringen therapeutischen Breite nicht mehr zugelassen werden würde. Ist der Einsatz des Wirkstoffes unvermeidlich, plädieren sie zumindest für eine engmaschige Überwachung der Leberwerte der Betroffenen.

Interviewpartner im Beitrag:

Prof. Dr.med. Dr. h.c. Kay Brune (im Ruhestand)
Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Fahrstraße 17
91054 Erlangen
Tel. (09131) 852 22 92
Fax: (09131) 852 68 98
E-Mail: brune@pharmakologie.uni-erlangen.de

Dr. Rainer Günther
Oberarzt der Klinik für Innere Medizin I, Bereichsleitung Hepatologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
Tel. (0431) 597 13 93
"Leber-Handy" (24 Stunden erreichbar): 0175/30 67 67 68
E-Mail: leber@uksh.de

Priv.-Doz. Dr. Steffen Zopf
Facharzt für Innere Medizin
Oberarzt der Medizinische Klinik I - Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie
Universitätsklinikum Erlangen
Ulmenweg 18
91054 Erlangen

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Visite | 19.05.2015 | 20:15 Uhr

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