Wenn das Immunsystem die Muskulatur angreift

Stand: 07.02.2022 09:16 Uhr

Bei der Myasthenia gravis richtet sich das Immunsystem gegen die eigene Muskulatur. Ein typisches Symptom ist Muskelschwäche bei Belastung. Die Erkrankung lässt sich meist gut behandeln.

Die Myasthenia gravis ("schwere Muskelschwäche") ist eine seltene Erkrankung, die auf eine fehlgesteuerte Immunreaktion gegen die körpereigene Muskulatur zurückzuführen ist. Typisch ist, dass die Muskelschwäche nach einer Belastung auftritt und sich in Ruhe wieder bessert. Die Erkrankung kann bereits im Kindesalter auftreten und betrifft häufiger Frauen als Männer, die in der Regel später erkranken - meist im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Die Myasthenia gravis ist nicht ansteckend und tritt extrem selten familiär gehäuft auf.

Entstehung: Thymusdrüse oft vergrößert

Durch den Angriff des Immunsystems ist die Reizübertragung vom Nerv auf die Muskeln gestört. Eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielt die sogenannte Thymusdrüse: Sie befindet sich hinter dem Brustbein und ist in der Kindheit für die Entwicklung der Immunzellen zuständig. Im späteren Leben verliert sie diese Bedeutung. Bei bis zu 80 Prozent der Erkrankten ist die Thymusdrüse vergrößert (Thymushyperplasie), in einigen Fällen handelt es sich sogar um einen gutartigen Tumor.

Symptome: Erst Sehstörungen, später viele Muskeln betroffen

Erste Symptome sind oft Sehstörungen bei Müdigkeit, vor allem wechselnde Doppelbilder, und schwere Oberlider. Später breitet sich die Muskelschwäche auf andere Muskelgruppen wie die Sprech-, Schluck- und mimische Muskulatur aus. In einer späteren Phase können alle willkürlich bewegten Muskeln einschließlich der Atemmuskulatur betroffen sein.

Weitere Symptome sind

  • Schweregefühl des Kopfes
  • Atemnot bei Belastung
  • zunehmende Schwäche beim Treppensteigen

Die Symptome werden in der Regel bei Anstrengung stärker und sind abends ausgeprägter als morgens. Nach einer Erholungsphase lassen die Beschwerden nach. Zu einer Zunahme der Symptome führen

  • seelische Belastung
  • Schlafmangel
  • Alkohol
  • Fieber
  • grippale Infekte

Diagnostik: Von Labortests bis MRT

Eine Myasthenia gravis lässt sich mit einer Reihe von Untersuchungen nachweisen:

  • Labortests (Tensilon-Test, Anti-Acetylcholinesterase-Rezeptor-Antikörper, Antikörper gegen Titin und Tyrosinkinase)
  • elektrophysiologische Untersuchungen (Einzelfaser-Elektromyografie, Serienstimulation)
  • bildgebende Verfahren (CT oder MRT des Brustraums)

Therapie: Medikamente oder frühzeitige OP

Die Erkrankung verläuft dank effektiver Therapien in der Regel günstig und beeinträchtigt die Lebenserwartung nicht. Die meisten Betroffenen können ein weitgehend normales Leben führen und ihren Beruf ausüben. Allerdings ist ihre körperliche Belastbarkeit meist in unterschiedlichem Maße eingeschränkt. Bausteine der Therapie:

  • Sogenannte Cholinesterasehemmer wie Pyridostigmin oder Prostigmin hemmen den Abbau des Botenstoffes Acetylcholin und verstärken so die Nervenimpulse.

  • Kortison und Immunsuppressiva wie Azathioprin dämpfen die Angriffe des Immunsystems auf die Muskulatur.

Welche Medikamente wann und in welcher Dosierung eingesetzt werden, ist individuell unterschiedlich und richtet sich nach der Ausprägung der Symptome.

In frühen Krankheitsphasen kann die operative Entfernung der Thymusdrüse (Thymektomie) sinnvoll sein.

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