Stand: 10.06.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Mit Medikamenten gegen die Alkoholsucht

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Die Alkoholsucht fängt meist harmlos an - bis aus dem gemütlichen Feierabendbier mehrere Gläser werden.

Rund 1,3 Millionen Menschen gelten in Deutschland als alkoholabhängig, etwa jeder Zehnte macht einen Entzug. Neben der Psychotherapie können auch Medikamente mit dem Wirkstoff Disulfiram helfen. Dieser blockiert die Entgiftung des Alkohols und sorgt so dafür, dass die Betroffenen keinen Alkohol mehr vertragen.

Disulfiram lost Flush-Syndrom aus

Alkohol wird in unserem Körper in zwei Stufen abgebaut: Im ersten Schritt wandelt das Enzym Alkoholdehydrogenase (ADH) den Alkohol in das giftige Acetaldehyd um, das anschließend durch die Aldehyddehydrogenase (AlDH) schnell zu harmloser Essigsäure abgebaut wird. Durch die Blockade dieses Enzyms führt Disulfiram zu einer Anreicherung des giftigen Acetaldehyds im Körper. Schon nach geringen Mengen Alkohol reagieren die Patienten mit Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Sie bekommen ein rotes Gesicht und Schweißausbrüche. Dieses sogenannte Flush-Syndrom hält die meisten davon ab, wieder Alkohol zu trinken.

Doch es gibt auch Abhängige, die die unangenehmen Symptome "übertrinken" und mit Alkohol betäuben. Und dann wird es gefährlich, denn das Acetaldehyd reichert sich weiter im Körper an und führt zu bedrohlichen Nebenwirkungen wie Herzrasen, Blutdruckabfall bis hin zum Herz-Kreislauf-Schock. Deshalb werden Disulfiram-Tabletten (zum Beispiel Antabus) in Deutschland nur noch selten und ausschließlich bei Patienten angewendet, bei denen der Arzt von einer guten Mitarbeit bei der Entwöhnung ausgehen kann.

Ein Baustein in einem Therapiekonzept

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Antabus auch Patienten verabreicht, die eigentlich gar nicht bereit waren, mit dem Trinken aufzuhören. Das führte zu zahlreichen Todesfällen, sodass Disulfiram schließlich aus der Suchtbehandlung nahezu verschwand. Dabei betonen Experten, dass der Wirkstoff - eingebunden in ein modernes Therapiekonzept - mit einer Abstinenzquote von etwa 50 Prozent erfolgreicher ist als alle anderen Therapieformen. Voraussetzung ist aber, dass der Alkoholabhängige fest entschlossen ist, nie wieder Alkohol zu trinken. Dann kann Disulfiram ihn vor kritischen Situationen schützen, in denen er Angst hat, sich nicht auf sich selbst verlassen zu können - zum Beispiel auf Feiern und Festen.

Dabei ist das Medikament aber nur ein Baustein im Gesamtkonzept: Auch Sport, Ernährung, ein sicheres soziales Umfeld und ein offener Umgang mit der Thematik helfen den Betroffenen, abstinent zu bleiben.

Die deutschen Suchtexperten setzen - anders als ihre Kollegen in Osteuropa - Disulfiram absichtlich nicht als ein bis zu einem Jahr wirksames Implantat, sondern in Form von Tabletten ein, um dem Patienten im Rahmen der Therapie auch die wichtige Eigenverantwortung zu überlassen - und zugleich lebensgefährliche Vergiftungen bei denen zu vermeiden, die nicht durchhalten und gegen das Medikament antrinken.

Interviewpartner:

Im Studio:
Dr. Klaus Behrendt
Psychiater
Klinik für Abhängigkeitserkrankungen
Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll
Langenhorner Chaussee 560, 22419 Hamburg
Tel. (040) 18 18 87 27 41
Fax (040) 18 18 87 17 03
Internet: www.asklepios.com/nord_abhaengigkeitserkrankungen.Asklepios

Im Beitrag:

Dr. Martin Reker
Psychiater
Ltd. Arzt Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel
Abteilung Abhängigkeitserkrankungen
Remterweg 69/71
33617 Bielefeld
Tel. (0521) 77 27 86 51
Fax (0521) 77 27 86 52
Internet: www.martin-reker.de

Michael Smeddinck
Flaschengeist
Tel. 0173-6073176
Internet: www.haus-der-gesundheit-suelfeld.de/joomla/index.php/alkoholentzug.html

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Visite | 10.06.2014 | 20:15 Uhr

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