Stand: 28.08.2018 12:45 Uhr  | Archiv

Gelenkschmerz mit Strahlen behandeln

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Bei der Radiosynoviorthese werden winzige Nuklidteilchen ins Gelenk gespritzt.

Damit Gelenke reibungslos arbeiten können, produziert die Gelenkschleimhaut (Synovialis) eine Flüssigkeit, die Gelenkschmiere (Synovia). Die Synovialis kleidet das Gelenk von innen aus. Sie ist normalerweise flach und dünn. Bei chronisch entzündlichen Gelenkerkrankungen wie Rheuma und Arthrose kann die Gelenkinnenhaut stark anschwellen und heftige Schmerzen bei jeder Bewegung verursachen.

Helfen Medikamente nicht mehr oder bringt eine Operation keinen Erfolg, kann eine Behandlung mit radioaktiven Strahlen (Radiosynoviorthese) die Beschwerden lindern und - rechtzeitig eingesetzt - sogar eine Zerstörung des Gelenks verhindern.

Wann die Bestrahlung von innen helfen kann

Vor der Behandlung mit radioaktiven Strahlen sollte der Arzt mit einer Szintigrafie prüfen, woher die Schmerzen kommen und ob eine Radiosynoviorthese helfen könnte. Bei der Szintigrafie handelt es sich um eine nuklearmedizinische Untersuchung des Skelettsystems.

Zeigen sich dabei schnell dunkle Schatten im schmerzenden Gelenk, ist die Gelenkinnenhaut entzündet, der Knochen aber noch intakt. In diesem Fall ist eine Radiosynoviorthese ein geeignetes Verfahren, um den Reizzustand durch die Entzündung zu beseitigen. So kann sich der Knochen mit der Zeit wieder beruhigen.

Bei einem bereits angegriffenen Knochen erscheint der Schatten in der Szintigrafie erst spät - in diesem Fall kann eine Radiosynoviorthese nicht mehr helfen.

Nach Bestrahlung wächst neue Schleimhaut

Der Begriff Synoviorthese setzt sich zwei griechischen Wörtern zusammen: Synovia (Schleimhaut) und Orthese (Wiederherstellung). Die Radiosynoviorthese ist also ein Verfahren zur weitgehenden Wiederherstellung der Gelenkinnenhaut durch lokale Strahlenanwendung.

Die Behandlung dauert nur wenige Minuten: Der radioaktive Stoff (Nuklid) wird unter Röntgenkontrolle in den Gelenkspalt gespritzt. Es verteilt sich an der stark wuchernden, schmerzenden Gelenkschleimhaut. Durch die radioaktive Strahlung senden die Zellen keine Entzündungs-Botenstoffe mehr aus und schrumpfen. Die Gelenkinnenhaut verschorft und wird vom Körper abgebaut. Innerhalb weniger Wochen wächst eine neue, gesunde Schleimhaut heran.

Welches Radionuklid zum Einsatz kommt, hängt von dem betroffenen Gelenk und der erforderlichen Eindringtiefe der Strahlung ab. Beim Kniegelenk hat sich Yttrium-90 bewährt, bei Hüfte, Schulter, Ellbogen, Hand und Sprunggelenken Rhenium-186, bei den Fingergelenken Erbium-169.

Die Behandlung erfolgt ambulant. Danach muss das Gelenk 48 Stunden ganz ruhig gehalten werden, damit sich das Nuklid gut verteilen und wirken kann. Geduld ist auch weiterhin nötig: Eine Besserung tritt nach etwa vier Wochen ein - nachdem sich die Schleimhaut erneuert hat. Dann sind die Schmerzen gelindert oder verschwinden sogar ganz.

Strahlung ist unbedenklich

Die Angst vor der Strahlung ist unbegründet: Die bei der Radiosynoviorthese verwendeten sogenannten Beta-Strahler haben eine Reichweite von wenigen Millimetern und treffen nur die kranke Schleimhaut, nicht das umliegende gesunde Gewebe. Die Nuklide zerfallen schnell, sodass die Radioaktivität schon nach wenigen Tagen nicht mehr nachweisbar ist.

Was bei Gelenkschmerzen im Knie hilft

  • Aktivierte Arthrose: Das Knie ist dick, gerötet und empfindlich. Nachts stört sogar die Bettdecke. In diesem Fall helfen Kortison-Spritzen oder eine Radiosynoviorthese.

  • Kniescheibe (Patella): Die Betroffenen vermeiden es, das Knie zu beugen, fahren ungern Auto und gehen nicht in die Hocke. Wenn die Kniescheibe nicht glatt läuft, kann ein operativer Eingriff helfen.

  • Erhöhte Kapselspannung: Der Schmerz sitzt eher außen am Gelenk, der Körper reagiert auf die Arthrose mit einem Gelenkerguss, das Gelenk wird dick und schmerzt. Mit dem Erguss versucht der Körper, das Gelenk zu schützen, indem die Reibung verringert wird. Doch das irritiert Bänder und Muskeln, die Spannung im Gelenk steigt, der Kapselapparat verkürzt sich, die Sehnenansätze können stark schmerzen. Krankengymnastik hilft, den Schmerz zu lindern, auch wenn die Arthrose bleibt.

  • Meniskusriss: Vor allem Hobbysportler mit Arthrose erleiden oft zusätzlich einen Meniskusriss. Dabei reißt einer der beiden Gelenkpuffer des Kniegelenks ein, sodass Teile des Knorpels einklemmen und zu Schmerzen führen können. Mit einer Operation lässt sich der Riss glätten. Damit verschwindet der Schmerz, aber die Arthrose bleibt.

  • Freie Gelenkkörper: Sie führen immer wieder zu stechenden Schmerzen und gehemmter Bewegung, lösen sich aber auch wieder. Die freien Gelenkkörper sind mit Kernspintomografie oder Ultraschall zu erkennen und lassen sich per Gelenkspiegelung (Arthroskopie) entfernen. Damit verschwindet der Schmerz, aber auch in diesem Fall bleibt die Arthrose bestehen.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Oliver Dierk, Chefarzt
Fachzentrum Orthopädie & Endoprothetik
Schön Klinik Hamburg Eilbek
Dehnhaide 120, 22081 Hamburg
(040) 20 92-73 00
www.schoen-kliniken.de

Ulf Bartels, Orthopäde
Berner Weg 13, 22393 Hamburg
(040) 601 49 77
www.ortho-team-bartels.de

Dr. Andrea Blohm, Nuklearmedizinerin
Radiologische Allianz
Speersort 8, 20095 Hamburg
(040) 32 55 52-102
www.radiologische-allianz.de

Weitere Informationen
Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V.
Maximilianstraße 14, 53111 Bonn
(0228) 76 60 60
www.rheuma-liga.de

Informationen über Radiosynoviorthese (PDF)
www.rheuma-liga.de

Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin e.V. (DGN)
www.nuklearmedizin.de

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Visite | 28.08.2018 | 20:15 Uhr

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