Stand: 30.10.2018 22:44 Uhr  | Archiv

Chat-Protokoll: Ist Katheterablation sinnvoll?

Prof. Roland Richard Tilz im Studio.
Der Kardiologe und Elektrophysiologe Prof. Roland Richard Tilz hat im Visite Chat Fragen zum Thema Vorhofflimmern beantwortet.

Das Herz stolpert, pocht, die Luft wird knapp - jedes Jahr kommen rund 300.000 Menschen in Deutschland ins Krankenhaus, weil ihr Herz aus dem Takt geraten ist. Diagnose Vorhofflimmern. Selbst wenn der Rhythmus dann kurzfristig mit Medikamenten wieder ins Lot kommt, kehren die Beschwerden in der Regel irgendwann wieder zurück. Langfristige Hilfe verspricht ein spezieller Eingriff, bei dem die überaktiven elektrischen Zonen im Herzen verödet werden: die Katheterablation. Doch die Prozedur hilft nicht immer, gleichzeitig besteht die Gefahr von Komplikationen. Selbst wenn der Eingriff gelingt, bleibt die größte Gefahr des Vorhofflimmerns bestehen: die Gefahr eines Schlaganfalls.

Der Kardiologe und Elektrophysiologe Prof. Roland Richard Tilz vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein hat im Visite Chat Fragen zum Thema Vorhofflimmern beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Wolfgang: Die Katheterablation hat nach meiner und der Erfahrung eines Bekannten nur einen vorübergehenden Erfolg - leider.

Prof. Dr. Roland Richard Tilz: Das Ziel der Katheterablation ist es, Vorhofflimmern dauerhaft zu behandeln. Zweiteingriffe sind jedoch nicht selten. Möglicherweise ist ein Zweiteingriff bei Ihrem Bekannten erforderlich.

Flimmer: Kann das Vorhofflimmern die Herzschwäche verstärken? Wie behandelt man Vorhofflimmern bei Herzschwächepatienten?

Tilz: Vorhofflimmern verschlimmert in vielen Fällen eine vorbestehende Herzinsuffizienz, also Herzschwäche. Umgekehrt kann eine Herzschwäche auch Vorhofflimmern auslösen. Daher sollte gerade bei einer Herzschwäche Vorhofflimmern frühzeitig behandelt werden. Die Behandlungsoptionen von Vorhofflimmern sind Medikamente oder die Katheterablation. Die Katheterablation ist bei einer Herzschwäche häufig prognoseverbessernd. Deshalb ist sie eine sehr wichtige Therapieoption.

Rgrossma: Ist eine Herzkatheterablation bei einem 78-Jährigen mit acht Stents, einem Schrittmacher (zur Verhinderung einer zu niedrigen Pulsfrequenz) und einem Verschluss des Vorhofohres noch machbar und erfolgversprechend?

Tilz: Grundsätzlich spricht nichts gegen eine Katheterablation. Weder die Stents, noch der Herzschrittmacher oder der Vorhofohrverschluss schließen eine Verödungstherapie aus. Man müsste Ihren komplexen Fall jedoch in einem erfahrenen Zentrum abklären lassen, da es eine Einzelfallentscheidung bleibt.

Paula: Ich habe seit etwa drei Jahren permanentes Vorhofflimmern. Kardioversion nicht erfolgreich. Habe ich durch Ablation eine Chance, obwohl ich das Vorhofflimmern schon so lange habe? Mein Alter 67, weiblich.

Tilz: Wenn die Rhythmusstörung schon seit drei Jahren ohne Unterbrechung besteht, sind die Erfolgsraten sicherlich eingeschränkt. Ob Sie von einer Ablation profitieren, hängt jedoch noch von weiteren Faktoren - wie zum Beispiel der Größe Ihrer Herzvorkammer oder Ihren Symptomen - ab. Mit 67 Jahren sind sie eher eine junge Vorhofflimmern-Patientin.

Herbert: Kann eine Ablation auch bei Extrasystolen helfen. Sollten Gerinnungshemmer auch bei Extrasystolen eingenommen werden?

Tilz: Dazu müsste ich mehr über Ihre Extrasystolen (Extraschläge) wissen. Entscheidend ist die Häufigkeit und der Ursprung der Extrasystolen. Grundsätzlich sind Extrasystolen eine Art Fehlzündung im Herzen, die in vielen Fällen mittels Ablation erfolgreich behandelt werden können. Die Einnahme von Gerinnungshemmern ist nur erforderlich, wenn Sie auch unter Vorhofflimmern leiden.

RKV: Ich hatte bereits drei Ablationen mittels Hitzeverödung in Hamburg. Dies hielt immer etwa zwei Jahre. Die dritte Ablation blieb frustran. Habe derzeit dauerhaft Vorhofflimmern. Hätte ein erneuter Versuch mit einer Kryoverödung noch Sinn? Bin 52 Jahre alt, männlich.

Tilz: Grundsätzlich kann auch eine Kryoverödung bei Ihnen sinnvoll sein. Ihr junges Alter spricht für eine rhythmuserhaltende Therapie. Um eine klare Empfehlung aussprechen zu können, würde ich jedoch noch weitere Informationen benötigen.

tina_w:  Es geht um meine Mutter, die mit Ende 80 glücklicherweise immer noch recht rüstig ist. Da sie aber in den letzten Jahren aufgrund von Vorhofflimmern jährlich im Krankenhaus war, hat man sie vor zwei Jahren auf Amiodaron eingestellt. Flecainid hatte leider nicht die gewünschte Wirkung. Amiodaron wirkte sehr gut. Leider hat sich durch die Einnahme ihr Sehvermögen aufgrund von Ablagerungen auf der Hornhaut sehr verschlechtert, sodass sie (nach Rücksprache mit ihrem Kardiologen) das Medikament vor drei Wochen (ersatzlos) abgesetzt hat. Meine Mutter ist nun in Sorge, dass sich wieder Vorhofflimmern bei ihr einstellt. Gibt es ansonsten eine andere medikamentöse Möglichkeit oder kann man auch in diesem Alter bei sonst gutem Allgemeinzustand eine Ablation durchführen? Sonstige Medikamente die meine Mutter nimmt sind Marcumar und Ramipril.

Tilz: Wenn Flecainid nicht wirksam ist und Amiodaron nicht vertragen wurde, so bleibt die Verödungstherapie als rhythmuserhaltende Therapie. Entscheidend ist das biologische Alter und nicht das kalendarische Alter.

claus: Muss ich nach Vorhofflimmern die Blutverdünner dauerhaft einnehmen?

Tilz: Nach erfolgreicher Vorhofflimmer-Ablation muss die Blutverdünnung bei erhöhtem Schlaganfallrisiko (ermittelt mit Risiko-Scores) dauerhaft eingenommen werden. Die einzige Alternative zur Blutverdünnung bei erhöhtem Schlaganfallrisiko ist der interventionelle Vorhofohrverschluss. Darunter versteht man die Implantation eines Schirmchens, welches das Vorhofohr verschließt.

Rinelde K.: Ich wurde vor einer Woche ablatiert. Bei mir wurde mit Hitze verödet. Ist das genauso erfolgreich wie mit Kälte, oder was ist besser?

Tilz: In erfahrenen Zentren sind beide Verfahren ähnlich erfolgreich. Eine spezifische Komplikation, der Herzbeutelerguss, tritt nach Kälteablation deutlich seltener auf. Somit ist das Verfahren ein wenig sicherer.

gretchen: Mein Mann hatte vor vier Wochen eine Ablation. Anfangs schlug das Herz normal. Aber jetzt ist das Vorhofflimmern wieder da. Manchmal drei Tage flimmern, dann zwei Tage wieder normal. Was soll er machen?

Tilz: In den ersten drei Monaten nach Ablation befindet sich das Herz in einer Abheilungsphase. Daher sollte man in dieser Zeit am besten versuchen, die Rhythmusstörungen mit Medikamenten zu behandeln. Sollten auch nach mehr als drei Monaten Rhythmusstörungen auftreten, so würde ich eine erneute Ablationsbehandlung empfehlen. Möglicherweise hat sich entlang der Ablationslinien eine Lücke gebildet. Beim zweiten Eingriff würde man allein diese Lücke schließen.

Paul: Permanentes Vorhofflimmern seit etwa zehn Jahren. Kann nach so langer Zeit noch eine Ablation erfolgreich sein?

Tilz: Wenn die Rhythmusstörung wirklich ohne Unterbrechung (ohne Sinusschläge/Kardioversionen) seit zehn Jahren läuft, ist es unwahrscheinlich, dass der normale Herzschlag (Sinusrhythmus) wieder dauerhaft hergestellt werden kann. Insofern kann man in diesem Fall die Katheterablation nur in Ausnahmefällen empfehlen.

Peter: Wie soll ich mich als junger 45-jähriger Patient nach mehrfachem Vorhofflimmern verhalten? Ist eine Behandlung mit Katheterablation dann schon sinnvoll?

Tilz: Je jünger man ist und je früher Vorhofflimmern behandelt wird, desto höher sind die Erfolgsraten. Insofern empfehle ich unbedingt eine frühzeitige Ablation.

Doreen: Ich bin 45 Jahre jung und habe seit einem Jahr diese Diagnose. Meine Episoden sind nicht dauernd (zwei- bis dreimal alle zwei Wochen, dann längere Pause), finden meist auch nachts statt. Habe dann immer das Gefühl, dass mein Herz rausspringen will, sowie Übelkeit und Kreislauf. Mir wurde zur Ablation geraten. Ich nehme täglich Betablocker. Meine Frage: Gibt es wirklich keine anderen Behandlungsmöglichkeiten? Ich habe wahnsinnige Angst vor dem Eingriff.

Tilz: Bitte suchen Sie sich einen Kardiologen, dem Sie vertrauen und mit dem Sie offen über Ihre Ängste sprechen können. Grundsätzlich sind Ihre Erfolgsraten aufgrund ihres jungen Alters und der kurzen Dauer Ihrer Vorhofflimmer-Episoden besonders gut, und die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen besonders gering. In den meisten Zentren schlafen Sie im Rahmen der Ablation und bekommen nichts mit.

H.Kible: Ich habe eine mittelgradige IgA-Nephritis (KREA: 3,4), es soll deshalb kein Kontrastmittel gespitzt werden. Kommt dann überhaupt eine Ablation für mich in Frage? Ich möchte nicht danach ein Dialysefall werden.

Tilz: Ja, eine Verödungstherapie ist auch in Ihrem besonderen Fall möglich. Man kann die Therapie auch ohne/nahezu ohne Kontrastmittel durchführen (beispielsweise mit dem Laserballon).

Schmidt: Ich lebe seit 1997 mit einer künstlichen Mitralklappe und Vorhofflimmern. Ist diese Therapie für mich sinnvoll?

Tilz: Sollten Sie wirklich seit 1979 ohne Unterbrechung (ohne einen Sinusschlag/ohne Kardioversion) unter Vorhofflimmern leiden, dann ist die Verödungstherapie nicht vielversprechend. Ein Klappenersatz spricht jedoch nicht gegen eine Verödungstherapie.

P. Sch: Ich hatte vor zwei Jahren hartnäckiges Vorhofflimmern. Mir wurde dann ein Elektroschock gemacht. Ein Jahr später bekam ich während meiner Ferien plötzlich erneut Vorhofflimmern. Nun habe ich zehn Monate kein Vorhofflimmern mehr gehabt. Mein Hausarzt überlegt nun, den Blutverdünner abzusetzen. Ist das aus Ihrer Sicht zu verantworten?

Tilz: Ob Sie von einer Blutverdünnung profitieren, ist abhängig von ihrem Schlaganfall-Risiko-Score (CHADS VASC Score) und unabhängig davon, wann Sie ihre letzte Vorhofflimmerepisode hatten. Sollten Sie älter als 65 Jahre alt sein (ein Risikofaktor), dann dürfen Sie die Blutverdünnung nicht absetzen.

Monika: In großen Abständen, teilweise liegen Jahre dazwischen, leide ich unter Vorhofflimmern. Ich bekomme dann Betablocker (Metoprololsuccinat 47,5mg) verschrieben, die ich meist nur kurzzeitig nehme. Ganz selten erhalte ich Blutverdünner. Zuletzt hatte ich Vorhofflimmern im April dieses Jahres, über etwa 36 Stunden hinweg. Ich erhielt wieder Betablocker (die ich immer noch nehme), aber wieder keine Blutverdünner. Ist das richtig?

Tilz: Eine dokumentierte Vorhofflimmer-Episode reicht, das Schlaganfall Risiko zu erhöhen. Sofern sie weitere Risikofaktoren für einen Schlaganfall haben (CHADS VASC Score), profitieren Sie von einer Blutverdünnung.

d.dembach: Ich bin irritiert. Beim Patienten mit erfolgreichen Ablationen muss weiterhin Blutverdünnung eingenommen werden, weil durch das Flimmern "Gefäßveränderungen" vorkommen können, die weiterhin einen Schlaganfall entstehen lassen können. Bei der allgemeinen Frage einer Zuschauerin, die unter Vorhofflimmern leidet, sagt man, dass eine Blutverdünnung nur entsprechend einer Scoreliste eingenommen werden muss. Aber verändert sich durch Vorhofflimmern nicht - wie im Fall eins - die Gefäßumgebung? Und müsste deshalb nicht eigentlich jeder mit Vorhofflimmern eine Blutverdünnung nehmen? Für mich ein Widerspruch.

Tilz: Danke für die wichtige Frage. Entscheidend nach einer Ablation ist nicht der Erfolg der Ablation (Erhalt des Sinusrhythmus), sondern der Risikoscore (CHADS VASC Score). Bei einem erhöhten Risiko-Score ist eine Blutverdünnung erforderlich, sonst nicht.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 30.10.2018 | 20:15 Uhr

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