Stand: 12.10.2015 11:27 Uhr  | Archiv

Blutdrucksenker: Schluss mit dem Riesengeschäft

von Arne Schulz, NDR Info
Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte der Universität Bremen. © dpa picture alliance Foto: David Ebener
"Der Markt für Bluthochdruckmittel ist groß", sagt Arzneimittelforscher Gerd Glaeske.

Blutdruckmittel gehörten für die Pharmaindustrie über viele Jahre zu den wichtigsten Produkten. Das Blutdruck-Medikament Diovan des Schweizer Konzerns Novartis zum Beispiel brachte zeitweise innerhalb eines Jahres sechs Milliarden Dollar ein. "Der Markt der Bluthochdruckmittel ist einer der größten Märkte überhaupt im Arzneimittelbereich", sagt der Arzneimittelforscher Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Das liege vor allem daran, dass seit den 1980er-Jahren immer mehr Menschen wegen Bluthochdrucks behandelt würden. "Insofern ist der Markt der Bluthochdruckmittel natürlich schon aufgrund der Menge deutlich größer als zum Beispiel der Markt der Cholesterinsenker oder der Psychopharmaka."

Patente laufen ab

Allerdings machten die Pharmakonzerne in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur wegen der Menge so hohe Umsätze. Hersteller konnten darüber hinaus auch sehr hohe Preise verlangen, weil sie die Wirkstoffe in ihren Mitteln patentieren ließen. Solche Schutzpatente wirken sich auch auf den Preis aus, "denn patentierte Arzneimittel dürfen von Generika-Herstellern nicht nachgemacht werden und sind dadurch vom Preiswettbewerb verschont", erklärt Bertram Häussler, Leiter des IGES Instituts für Gesundheitsfragen in Berlin.

Blutdruck-Medikamente kosteten deshalb lange Zeit pro Patient mehrere Euro am Tag. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Die Patente gelten nämlich nur für 20 Jahre. Danach können die Wirkstoffe auch von Generika-Herstellern - die die Blutdruckmittel sozusagen nachbauen - auf den Markt gebracht werden. "Es ist so, dass heute von 100 Pillen 93 keinen Patentschutz mehr haben, also generische Arzneimittel sind", so Häussler.

Umsatz stark gesunken

Novartis macht mit Diovan inzwischen weniger als die Hälfte des früheren Umsatzes. Bei anderen großen Pharmakonzernen hätten Blutdrucksenker fast gar keine Bedeutung mehr, sagt Glaeske von der Uni Bremen. "Im Grunde genommen muss man sagen, dass sich die großen pharmazeutischen Unternehmen da sehr zurückgezogen haben, weil der Markt der Bluthochdruckmittel keine besonders hohen Profite mehr verspricht." Das sei aber durchaus zu verschmerzen, findet Glaeske. Denn die günstigen Generika, die nur noch 10 bis 20 Cent am Tag kosten, seien meist genauso wirksam wie die Entwicklungen der großen Pharmakonzerne.

Neuentwicklungen müssen Zusatznutzen nachweisen

Natürlich gibt es noch Neuentwicklungen der Pharmaindustrie, vor allem für spezielle Blutdruck-Leiden. Aber auch hier haben es die Konzerne schwer. Seit vier Jahren ist gesetzlich vorgeschrieben, dass jedes neue Arzneimittel auf seinen Zusatznutzen geprüft werden muss. Nur wenn der gegeben ist, können die Hersteller für ihre Arzneien höhere Preise verlangen. "Und gerade diese Mittel, die jetzt neu auf den Markt kommen, haben häufig keinen Zusatznutzen gezeigt. Im Grunde genommen ist die Dominanz der Generika-Hersteller also nachvollziehbar und begründbar", sagt Glaeseke.

Segen für die Krankenkassen

Finanziell betrachtet ist die Dominanz für Krankenkassen und Beitragszahler ein Segen. In Deutschland sind die Ausgaben der gesetzlichen Kassen für Bluthochdruckmittel in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken: von 3,8 Milliarden auf heute nur noch 2,6 Milliarden Euro.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 13.10.2015 | 06:00 Uhr

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