Stand: 27.02.2019 11:29 Uhr

Alkoholsucht: Viele ältere Menschen betroffen

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Viele ältere Menschen sind gefährdet, abhängig vom Alkohol zu werden.

Immer mehr ältere Menschen trinken zu viel Alkohol. Nicht alle sind körperlich abhängig. Doch der Körper verträgt mit zunehmendem Alter weniger Alkohol. Weil der Wassergehalt der Körperzellen sinkt, steigt nach einem Glas Bier, Wein, Likör oder Schnaps der Alkoholgehalt im Blut schneller an. Und die Leber braucht länger für die Entgiftung: Denn häufig muss das Organ nicht nur den Alkohol abbauen, sondern auch die Inhaltsstoffe diverser Medikamente.

Ein Glas mit Rotwein.

Alkoholsucht im Alter erkennen und behandeln

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Zu viel Alkohol kann für ältere Menschen schnell ein Problem werden. Wer ist besonders gefährdet, an Alkoholsucht zu erkranken? Und wie behandelt man die Abhängigkeit?

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Die Psychiaterin Dr. Anne Koopmann im Visite Studiogespräch.

Was hilft bei Alkoholsucht im Alter?

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Zu viel Alkohol kann für ältere Menschen schnell ein Problem werden. Psychiaterin Dr. Anne Koopmann informiert über die Ursachen und Therapien.

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Gründe für hohen Alkoholkonsum im Alter

Viele ältere Menschen trinken Alkohol lange Zeit in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen, zum Beispiel ein Glas Bier oder Wein am Abend. Doch nach negativen Lebensereignissen wie Arbeitslosigkeit, Trennung vom Partner oder Tod eines nahen Angehörigen kann der Alkoholkonsum langsam, aber stetig steigen: Der Weg in die Sucht ist ein schleichender Prozess.

Mit Alkohol versuchen Betroffene oft, fehlende Zuneigung oder Anerkennung zu kompensieren oder ihre Einsamkeit zu vergessen. Einige verlieren irgendwann die Kontrolle: Ihre Gedanken kreisen dann nur noch um den Alkohol. Dabei kann es zu einer körperlichen, aber auch zu einer psychischen Abhängigkeit kommen: Die Betroffenen glauben, ohne Alkohol nicht leben zu können.

Im Gespräch

Chat-Protokoll: Alkoholkrankheit

Bei vielen Menschen hat Alkohol einen festen Platz im Alltag - doch wann wird der Konsum zur Sucht? Die Psychiaterin Dr. Anne Koopmann hat im Visite Chat Fragen zum Thema beantwortet. mehr

Wie viel Alkohol ist schädlich?

Die Obergrenze des vermutlich unschädlichen Alkoholkonsums setzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei täglich 20 Gramm Reinalkohol für Frauen und 30 Gramm für Männer an:

  • Bei Frauen entspricht das etwa einem halben Liter Bier, 0,2 Liter Wein/Sekt oder etwa drei 40-prozentigen Schnäpsen.
  • Bei Männern ist laut WHO jeweils die anderthalbfache Menge unschädlich.

Allerdings ist die unschädliche Alkoholmenge pro Tag nach neueren Erkenntnissen deutlich niedriger anzusetzen. Experten empfehlen außerdem ein bis zwei Tage ohne Alkohol pro Woche.

Wie sich Alkoholkonsum auswirkt, hängt vom Einzelfall ab. Da Alkohol für den Körper ein Gift ist, lassen sich Schäden durch Alkoholkonsum nie ausschließen.

Alkoholsucht frühzeitig erkennen  

Der Übergang zu einem riskanten Alkoholkonsum ist oft fließend. Bei einer Alkoholabhängigkeit geht es nicht um die Menge des konsumierten Alkohols. Alkoholabhängig ist, wer seinen Alkoholkonsum nicht mehr steuern kann:

  • Einige Alkoholabhängige leben zeitweise abstinent ("Quartalsäufer").
  • Einige können ihren täglichen Alkoholkonsum zwar kontrollieren, sind aber nicht in der Lage, auch nur wenige Tage auf Alkohol zu verzichten. Sie benötigen einen konstanten Alkoholpegel ("Spiegeltrinker").

Ob und wann ältere Menschen auf Alkohol verzichten oder den Konsum einschränken sollten, hängt von den psychischen, sozialen und körperlichen Konsequenzen des Alkoholkonsums ab.

Gesundheitliche und soziale Folgen der Alkoholsucht

Regelmäßiger, hoher Alkoholkonsum schädigt die Organe, besonders die Leber: Sie vergrößert sie sich bis zur Fettleber und wird somit in ihrer Funktion stark beeinträchtigt. Außerdem kann zu viel Alkohol zu Entzündungen der Leber, der Bauchspeicheldrüse und der Magenschleimhaut führen. Auch das Gedächtnis leidet, weil Gehirnzellen absterben. Das Risiko, an einem Tumor der Mundhöhle, des Rachens oder der Leber zu erkranken, steigt.

Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen hinterlässt der Alkohol Spuren: Nicht selten ziehen sich Alkoholiker zurück und brechen den Kontakt zu Freunden oder Bekannten ab

Alkoholkrankheit behandeln

Eine Entwöhnungstherapie in der Suchtklinik dauert mindestens 15 Wochen. Dabei muss das Gehirn lernen, ohne den Problemlöser Alkohol klar zu kommen. Ein Baustein ist das Gedächtnistraining. Betroffene lernen in der Therapie, Gefühle wie Trauer, Freude, Ärger und Wut ohne Alkohol zu verarbeiten.

Die vorherrschende Ansicht ist: Wer alkoholsüchtig ist, darf nie wieder trinken, sonst droht ein Rückfall. Doch die vollständige Abstinenz schaffen viele Alkoholabhängige nicht. Für sie wäre das "kontrollierte Trinken" eine Alternative: Die Betroffenen versuchen, den Alkoholkonsum zu reduzieren, beispielsweise nur zwei statt sechs Bier am Tag zu trinken. Außerdem nehmen sie an verhaltenstherapeutischen Programmen teil und führen ein Trink-Tagebuch. Einige schließen sich außerdem in Selbsthilfegruppen zusammen.

Das Therapiekonzept gibt es schon seit 20 Jahren. Unter Experten ist es umstritten und sicher nicht für jeden Betroffenen geeignet. Dennoch kann es eine Hilfe für diejenigen sein, die sonst gar keine Therapie machen würden.

Alkoholsucht: Hilfe zur Selbsthilfe

In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Hilfsnetz für Alkoholabhängige. In Großstädten und in zahlreichen Orten finden Betroffene professionelle Hilfe in Beratungszentren und Krankenhäusern. Wer sich nicht sicher ist, welches Angebot optimal ist, kann sich an die jeweilige Landesstelle für Suchtfragen wenden.

Eine Übersicht aller Anlaufstellen bietet auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Neben den Beratungszentren gibt es viele Selbsthilfegruppen wie unter anderem die Guttempler, die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz. Dort treffen sich Betroffene regelmäßig in einer Gruppe und bekommen Halt und Unterstützung.

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Experten zum Thema

Dr. Anne Koopmann, Psychiaterin
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin
Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg
Quadrat J 5, 68159 Mannheim
(0621) 17 03-35 41
www.zi-mannheim.de

Dr. phil. Clemens Veltrup, Leitender Therapeut
Fachklinik Freudenholm-Ruhleben
Freudenholm 3
24211 Schellhorn
www.fachklinik-freudenholm-ruhleben.de

Weitere Informationen
Rauschbarometer Hamburg
www.drogenberatung-hamburg.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)
www.kenn-dein-limit.de

Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft e. V.
(08731) 325 73 12 (Mo-Do 8-21 Uhr, Fr 8-14 Uhr)
In vielen Gemeinden und Städten unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer 19295
www.anonyme-alkoholiker.de

Blaues Kreuz Deutschland e. V.
Schubertstraße 41, 42289 Wuppertal
(0202) 620 03-0
www.blaues-kreuz.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 26.02.2019 | 20:15 Uhr

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