Stand: 06.08.2016 13:45 Uhr  | Archiv

Rothaarige geben Forschern Rätsel auf

von Sophia Münder, NDR.de
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Menschen mit roten Haaren sollen 20 Prozent mehr an Narkosemitteln benötigen als Menschen mit anderen Haarfarben.

Auf ihrem Brustkorb ist die OP-Narbe noch gut zu erkennen, sie stammt von einem Eingriff am Herzen und zieht sich senkrecht hoch bis zum Hals. Als Kind hatte Kathrin Herch aus Hamburg zahlreiche Operationen, unter anderem sieben an den Hüftgelenken. Danach ist sie ganz selbstverständlich als Schmerzpatientin überwiesen worden. Nur: Schmerzen hat sie kaum. Sämtliche Opiate, die ihr verschrieben werden, lehnt sie ab. "Ich habe immer gesagt, ich muss das nicht einnehmen, ich kann das immer noch gut aushalten. Bei den Ärzten sorgte das meist für Verwunderung." Grund für das andere Schmerzempfinden könnte ein Phänomen sein, das für ihre roten Haare verantwortlich ist: die Mutation des Gen MC1R.

Mutation führt zu mehr rotem Farbstoff

Eine winzige Mutation auf Chromosom 16 führt zur Veränderung des Melanocortinrezeptors 1 (MC1R). Der Rezeptor wird blockiert und das Pigment Phäomelanin, das zur roten Färbung der Haare führt, wird vermehrt hergestellt.

Anderes oder geringeres Schmerzempfinden?

Es gibt Hinweise darauf, dass das veränderte MC1R-Gen das Schmerzempfinden beeinflusst. Laut einer Studie der International Association for the Study of Pain sollen Rothaarige zum Beispiel auf Hitze- und Kälte-Schmerzen empfindlicher reagieren als andere. Der Stoffwechselphysiologe Thomas Burmester sagt: "Es gibt Studien, die sich damit befassen, ob Rothaarige mehr oder weniger Schmerz empfinden. Tatsächlich sind diese Studien eher widersprüchlich, dass bestimmte Schmerzformen stärker, andere dagegen schwächer wahrgenommen werden." Man könnte keine einheitliche Aussage treffen, noch mehr rothaarige Menschen müssten untersucht werden.

Mehr Narkosemittel nötig, um keine Schmerzen zu spüren

Die Zusammenhänge zwischen dem MC1R-Rezeptor und dem zentralen Nervensystem könnten Aufschluss darüber geben, wie das Schmerzempfinden geregelt wird, eventuell sogar irgendwann zu einem schmerzfreien Leben führen. Das andere Schmerzempfinden dürfte auch der Grund dafür sein, dass Rothaarige anders auf Narkosemittel reagieren. Aber auch hierfür gibt es noch keine endgültige Erklärung. Sicher ist nur, dass Rothaarige vor einer Operation größere Mengen an Narkosemitteln benötigen als andere. Laut einer amerikanischen Studie 20 Prozent mehr, um nicht mehr auf Schmerzen zu reagieren. Kathrin Herch sagt, dass sie vor ihren Operationen mehr Narkosemittel brauchte als andere. "Man kriegt mich nicht so schnell k.o."

Auch Timo Karnatz hat diese Erfahrung vor einer Schulter- und vor einer Knie-OP gemacht. "Das sind alles OPs, die unter Vollnarkose laufen. Ich weise dann immer schon darauf hin. Die Ärzte fühlen sich dann im ersten Moment herausgefordert, so nach dem Motto: 'Jaja, schnack du mal!' Hinterher stellen sie dann fest, dass größere Mengen an Betäubungsmitteln nötig waren, um mich träumen zu lassen."

Auch dunkelhaarige Eltern können ein rothaariges Kind bekommen

Aber wie wird man rothaarig? Rote Haare können auch vererbt werden, wenn beide Eltern dunkelhaarig sind. Das liegt daran, dass das MC1R-Gen rezessiv vererbt wird. "Wenn beide Eltern das Allel für Rothaarigkeit tragen, kann das Kind, welches aus dieser Beziehung entsteht, das Allel für Rothaarigkeit bekommen und somit selber rothaarig werden", sagt Burmester.

Rothaarige sterben nicht aus

Weltweit sind zirka ein Prozent der Menschen rothaarig. In Schottland und Irland hingegen sind es zehn Prozent. Ursache könnte ein Mangel an Vitamin D vor etwa tausend Jahren gewesen sein. In Deutschland sind zwei Prozent der Menschen rothaarig. Manche munkeln, dass Rothaarige bis zum Jahr 2100 verschwunden sind. Laut dem Stoffwechselphysiologen Burmester sei das nicht zu befürchten. "Das Gen setzt sich nicht durch, wenn es nur einen Träger hat, aber es kann - selbst wenn die Bevölkerung weitgehend dunkelhaarig ist - sich über Tausende, wenn nicht Zehntausende Jahre in der Bevölkerung halten." Sogar in Neuguinea gibt es Rothaarige. Dass es sie irgendwann nicht mehr gibt, ist sehr unwahrscheinlich.

Was Rothaarige so einzigartig macht

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 06.08.2016 | 18:45 Uhr

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