Stand: 13.09.2017 08:43 Uhr

documenta 14: Kunstvoll in die Pleite?

Die documenta zählt zu den weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die 14. Ausgabe, künstlerisch verantwortet vom polnischen Kurator Adam Szymczyk, geht am kommenden Sonntag zu Ende. Doch die Auswirkungen dürften noch lange Thema sein. Nach Recherchen der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen war die documenta 14 zwischenzeitlich zahlungsunfähig und stand Ende August vor der Insolvenz. Ein Gespräch dazu mit Jens Wellhöner vom Hessischen Rundfunk.

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Besucher stehen auf der documenta 14 vor dem "The Parthenon of Books" in Kassel.

NDR Kultur: Wie kommt das?

Das Defizit soll fünf bis sieben Millionen Euro betragen - das ist ein ganz schöner Batzen Geld. Und ein Aufsichtsratsmitglied der documenta hat mir erzählt, dass unter anderem höhre Kosten am Standort Athen schuld seien, es gab ja dieses Mal zwei Standorte bei der documenta. Und in Athen war es sehr kalt, da wurde sehr viel geheizt. Dann soll auch noch sehr viel Geld in die Terrorabwehr, in die Sicherheitsmaßnahmen geflossen seien - zusätzliches Geld, was nicht absehbar gewesen sei.

Und so käme das eine zum anderen. Eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat sich jetzt dahintergeklemmt und den Auftrag bekommen, sich die Bücher der documenta jetzt nochmal durchzusehen. Um zu gucken, wo die Löcher sind und das ganze Geld geblieben ist.

Nun hatte man bisher ja keine Erfahrung mit zwei solchen Standorten, was man aber wohl sagen kann: die Besucherzahlen scheinen ja auch unter denen der letzten Ausstellungen zu liegen. Ist das richtig?

Das ist richtig. Und zwar hieß ja erst noch Ende Juli: ein Halbzeitrekord-Gewinn für Kassel. Im August sind die Besucherzahlen stark zurückgegangen und man liegt wahrscheinlich in der Bilanz unter der letzten documenta. Das muss aber auch noch alles klar ausgekundschaftet werden.

Stahlbox mit der Aufschrift "documenta 14" © NDR.de Fotograf: Claudia Christophersen

Die documenta 14 in finanzieller Schieflage

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Wie konnte es dazu kommen, dass die documenta 14 zwischenzeitlich zahlungsunfähig und Ende August vor der Insolvenz stand? Fragen an unseren Reporter Jens Wellhöner.

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Es gibt Berichte darüber, dass in der vergangene Woche die documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff die Mitarbeiter angewiesen haben soll, den wartenden Besuchern in den Schlangen vor den Ausstellungsgebäuden Merchandise-Artikel anzubieten - war diese Art Marketing schon ein Akt der Verzweiflung?

Das kann durchaus sein. Jetzt muss natürlich Geld rein, aus allen möglichen Quellen. Und für so ein Sieben-Millionen-Euro-Defizit muss jetzt der Steuerzahler einstehen. Da versucht jetzt die documenta natürlich nochmal ihre Einnahmen zu steigern. Aber es wird letztendlich darauf hinauslaufen, dass eben Bürgschaften hermüssen; und zwar vom Land Hessen und der Stadt Kassel als Gesellschafter der documenta - sprich: der Steuerzahler wird einspringen müssen.

Nun war das natürlich alles gar nicht so geplant. Welche personellen oder vielleicht auch konzeptionellen Konsequenzen könnte das nach sich ziehen?

Also in der Zeitung wurde bereits schon gesagt, dass die documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff gehen müsse - das will der Aufsichtsrat so natürlich nicht bestätigen. Momentan ist eben noch alles im Fluss, die Bücher werden ja eben noch geprüft. Und danach soll entschieden werden, was nun getan werden muss und ob jemand tatsächlich auch alleine dafür verantwortlich ist. Man muss ja auch dazusagen, das Konzept mit den zwei Standorten wurde ja vom Land Hessen und der Stadt Kassel genehmigt. Das ist also auch über die Schreibtische der Landesregierung in Hessen gegangen. Da gibt es also wahrscheinlich mehrere Verantwortliche, nicht nur Frau Kulenkampff.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.09.2017 | 14:40 Uhr