Stand: 04.08.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Garg: Gesundheitsminister im dauerhaften Krisenmodus

von Constantin Gill, Linnéa Kviske, Julia Stein

Büros und Konferenzräume sind für Politiker auch immer wieder ein Ort für schwere und schwerwiegende Entscheidungen. NDR Schleswig-Holstein besucht Spitzenpolitikerinnen und -politiker des Landes zum Sommerinterview genau dort. Dieses Mal: Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP).

Nein, vor der Verantwortung weglaufen möchte er nicht - auch wenn er manchmal bei den Sitzungen im Konferenzsaal des Gesundheitsministeriums auf und ab laufen "muss" - und dabei auch mal die Fluchttreppe zum Notausgang betritt. Vor allem, wenn wichtige Entscheidungen anstehen: "Dann gucken natürlich alle auf den Minister. Und dann gehe ich einmal hier auf und ab, dann eben auch hier, diese Treppe hoch", sagt Heiner Garg, Gesundheitsminister in Schleswig-Holstein. Er zeigt dabei auf die metallene Treppe, die zu einem Fenster führt. Seine Stabsleiterin habe aber verhindert, dass er das Fenster öffnet - und den Alarm auslöst, erzählt Garg im Sommerinterview mit NDR Schleswig-Holstein.

VIDEO: Garg: "Oberstes Gebot ist ruhig zu bleiben" (5 Min)

Lange Sitzungen im "Lagezentrum"

Immerhin könne man rausgucken und Wasservögel mit ihrem Nachwuchs beobachten. "Das sind einfach so fünf Minuten, in denen man versucht, den Kopf freizukriegen", sagt Garg und erklärt: Der große Konferenzraum im Gesundheitsministerium ist "sozusagen unser Lagezentrum". Monatelang tagte die Corona-Runde hier täglich, bis Mitte Juni ging das so.

Zuständiger Abteilungsleiter mit besonderer Verantwortung

Der Blick in den Konferenzsaal des Gesundheitsministeriums in Kiel. © NDR
Blick in den Konferenzsaal des Gesundheitsministeriums in Kiel: Dort ist das Corona-"Lagezentrum".

Wenn er von den langen Arbeitstagen während der Corona-Krise berichtet, erwähnt er immer auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und bei den Telefonkonferenzen im "Lagezentrum", sagt er, da sei nicht er der Chef im Raum, sondern der zuständige Abteilungsleiter: "Auf dem lastet schon eine ganz besondere Verantwortung während der gesamten Krise." Dann erst fügt Garg hinzu: "Und der zweite Chef saß entweder mit gebührendem Abstand nebendran oder unmittelbar hier", sagt der Minister, zeigt dabei auf den nächsten Tisch und fügt noch schmunzelnd hinzu: "Also ich."

Beiläufig lässt Garg aber durchblicken, dass auch er ein großes Pensum absolviert. Noch vor 6 Uhr aufsteht, bis Mitternacht Sitzungen hat - und bei alledem noch jeden Morgen mit seiner Mutter telefoniert.

"Menschen die Angst nehmen"

Eine ofizielle Pressekonferenz der Landesregierung SH. © Janis Röhlig Foto: Janis Röhlig
Derzeit finden zum Thema "Corona" viele offizielle Pressekonferenz der Landesregierung statt.

Der "zweite Chef" trifft am Ende die Entscheidungen und muss sie verantworten. "Oberstes Gebot ist es, nicht kopflos zu werden", das ist Gargs Erfahrung aus zwei anderen Pandemien - Schweinegrippe (H1N1-Virus) und EHEC (gefährlicher Darmkeim). Corona ist eine ganz andere Liga. Dennoch gilt für ihn auch hier der Grundsatz, ruhig zu bleiben - und das auch den Bürgerinnen und Bürgern zu vermitteln. "Menschen müssen verstehen, was passiert. Ich finde, man muss Menschen die Angst nehmen und ihnen gleichzeitig auch sagen, dass Sie nicht sorglos werden dürfen."

"Corona-Tagebücher" für den Überblick

Hatte der Gesundheitsminister selbst Angst? Ja, er habe sich durchaus gefragt, "was das mit unserer Gesellschaft macht" und wie die Menschen die Isolation ertragen würden. "Das macht schon etwas mit einem." Neben der Aufgabe, Entscheidungen zu treffen und die Menschen zu informieren, sieht Garg seine Funktion auch darin, "alles im Blick zu haben". Er meint damit, das Spezialwissen seiner Fachleute so zu sortieren, dass das große Ganze nicht verloren geht. Das ist in Gargs Ministerium eine ganz besondere Herausforderung: Mit Kitas, Arbeitsschutz, Krankenhäusern und Pflege hat er sämtliche von Corona betroffenen Themen in seinem Haus vereint.

Um selbst nicht den Überblick zu verlieren, nutzt Garg Notizbücher oder auch "Corona-Tagebücher", wie er sie selbst nennt: "Wenn man dann nachts um drei aufwacht" und spontane Einfälle hat, die man morgens in der Corona-Konferenz ansprechen will.

"Telefonspinne" nicht ganz geheuer

Dass man sich als Krisenmanager nicht nur Freunde macht, dürfte auch Garg klar sein. Er musste harte Einschränkungen verkünden - etwa das zeitweise geltende Besuchsverbot in Pflegeheimen. Dabei macht der FDP-Politiker keinen Hehl daraus, dass er selbst manchmal mit der "neuen Normalität" hadert: Sei es bei der Sprechanlage für Telefonkonferenzen, der "Telefonspinne", mit der er sich bis heute nicht anfreunden kann ("Ich schaue Menschen lieber an, anstatt in einen solchen schwarzen Kasten zu reden") oder bei den Grenzschließungen, die ihn ganz persönlich betreffen, weil er seinen Lebenspartner aus den USA nicht treffen darf.

Garg verteidigt Engagement für unverheiratete Paare

Dass Garg sich beim Bund für Lockerungen einsetzte, hat ihm auch Kritik eingebracht. Nutzt da ein Politiker sein Amt, um seine persönlichen Interessen zu vertreten? Garg kontert, er habe sich auch schon bei der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare klar positioniert. Auch bei der Frage, ob homosexuelle Männer Blut spenden dürfen, habe ihn das persönlich betroffen. Im Fall der Reisebeschränkungen für Nichtverheiratete seien in Deutschland Tausende Menschen betroffen. Es sei doch "geradezu die Aufgabe von Politikerinnen und Politikern, Stellung zu beziehen und zu versuchen, etwas für diese Menschen zu erreichen", sagt Garg.

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"In die Politik gegangen, um Dinge zu verändern"

Bei all der Medienpräsenz - und bei der hohen Anzahl an Entscheidungen mit großer Tragweite - können Politiker mindestens ihre Bekanntheit steigern - wenn nicht sogar ihre Beliebtheit. Denkt Garg darüber nach? "Ich hätte in meinem Leben gut darauf verzichten können, meinen Bekanntheitsgrad vermutlich dadurch zu erhöhen, dass wir eine Corona-Pandemie haben", sagt er trocken. Er sei in die Politik gegangen, um Dinge zu verändern. "Ich bin immer besonders erfolgreich, wenn es darum geht, Politik nicht zu inszenieren. Das liegt mir nämlich nicht. Das können andere viel, viel besser."

Pandemie noch nicht beendet

Den Krisenmodus wird er wohl noch eine Weile beibehalten müssen. "Wir sind mitten in der Pandemie", wiederholt der Minister gebetsmühlenartig. Und widerspricht denjenigen, die das mit Blick auf geringe Infektionszahlen bestreiten. Nur ein paar Tage nach dem Dreh im Gesundheitsministerium steigt die Zahl der Corona-Infizierten wieder an. Im großen Konferenzraum dürfte jetzt wieder häufiger getagt werden - und der Minister wird wohl noch ein paar mal mehr auf und ab gehen.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.08.2020 | 08:00 Uhr

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