Stand: 13.05.2020 19:28 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Schlachthof-Betreiber: Corona-Symptome nicht ignoriert

Nachdem 137 Mitarbeiter eines Schlachthofs in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg), inklusive einiger Angehöriger, positiv auf das Corona-Virus getestet worden sind, hat sich die Betreiberfirma Vion zu Wort gemeldet. Das Unternehmen teilte auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein mit, dass es keine Kenntnisse darüber habe, dass Mitarbeiter mit Corona-Symptomen dazu gezwungen wurden weiterzuarbeiten. "Im Gegenteil: Als sich die ersten beiden Mitarbeiter mit Symptomen gemeldet haben, sind sofort die erforderlichen Gesundheitsmaßnahmen eingeleitet worden und die Mitarbeiter haben sich in ärztliche Betreuung begeben", heißt es in der Stellungnahme weiter.

Vion: Seit Anfang März "umfassende Schutzmaßnahmen"

Nach NDR Informationen sollen mehrfach Mitarbeiter unter Druck gesetzt worden sein weiterzuarbeiten, obwohl sie über Corona-Symptome geklagt und ihre Vorarbeiter davon in Kenntnis gesetzt hatten. Vion erklärte, man habe seit Anfang März "umfassende Schutzmaßnahmen zur Verhinderung von Infektionsketten durch das Corona-Virus am Arbeitsplatz eingeführt und umgesetzt" - unter anderem Mindestabstände von 1,5 Metern, Abtrennungen oder das Tragen eines Nasen-Mund-Schutzes.

Mindeststandards im Wohnbereich sollen vertraglich geregelt sein

Kritik gibt es vor allem daran, dass die beengte Unterbringung der Mitarbeiter die Ausbreitung des Virus begünstigt haben könne. 77 der infizierten Personen leben in einer Sammelunterkunft in einer ehemaligen Kaserne in Kellinghusen (Kreis Steinburg) - nach NDR Recherchen auf viel zu engem Raum. Sie arbeiten über den Subunternehmer DSZ (Deutsche Schlacht und Zerlegung) bei Vion. Dieser Subunternehmer ist auch für die Unterbringung der Mitarbeiter zuständig.

Die DSZ wies die Vorwürfe am Dienstag zurück, man lege höchste Standards für die Unterbringung der Arbeitskräfte fest. Vion sagte hierzu, es gebe Verträge mit den Subunternehmern, dass diese Mindeststandards im Wohnbereich der Werkvertragsbeschäftigten einhalten müssen. Sollten in diesem Bereich Mängel festgestellt werden, könne man Verträge mit den Unternehmen beenden.

Hintergrund

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Vion gehört zu den größten Schlachtunternehmen in Deutschland. Es produziert in Deutschland und den Niederlanden Fleisch, Nahrungsmittel und tierische Nebenprodukte. mehr

Nach Klage-Androhung will Vion nun eine "konstruktive Lösung"

Nachdem Vion dem Kreis Steinburg zuvor mit einer Klage gedroht hatte, versucht das Unternehmen nun offenbar, die Lage zu beruhigen. Geschäftsführer Bernd Stange habe ein "Deeskalationsschreiben" an den Kreis geschickt, teilte Vion mit. Man nehme von der Möglichkeit eines Verfahrens Abstand. Dem Schlachthof ging es zuletzt darum, den Betrieb mit negativ getesteten Mitarbeitern wieder aufzunehmen.

Die Sammelunterkunft in Kellinghusen steht unter Quarantäne. Am Donnerstag soll die Quarantäne für erste Bewohner enden. Vion stehe in Gesprächen mit den Gesundheitsbehörden, heißt es in der Stellungnahme. Man gehe davon aus, dass es eine "konstruktive Lösung" geben werde, um den Betrieb des Schlachthofs wieder zu starten.

Schlachtbetrieb soll kommende Woche neu gestartet werden

Der Kreis Segeberg stimmt nach Angaben von Landrat Jan Peter Schröder (parteilos) ein Hgyienekonzept mit Vion ab, dazu gehöre auch der Transport in die Firma. Der Schlachthof plane, den Betrieb wieder hochzufahren, wenn Mitarbeiter aus der Quarantäne kommen, so Schröder. Der Kreis rechnet mit einem Neustart der Produktion zwischen Anfang und Mitte kommender Woche. In den Betrieb sollen dann laut Schröder nur Mitarbeiter kommen, die negativ auf das Coronavirus getestet sind.

Bundesregierung will "aufräumen mit diesen Verhältnissen"

Nachdem es bundesweit zu einer Häufung von Corona-Infektionen in Schlachthöfen gekommen ist, kündigte die Bundesregierung an, dass das sogenannte Corona-Kabinett am kommenden Montag strenge Vorschriften beschließen werde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von "erschreckenden Nachrichten" aus der Fleischindustrie und verwies auf die oft prekären Arbeits- und Wohnbedingungen der Beschäftigten. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte an: "Wir werden aufräumen mit diesen Verhältnissen." Er warb auch dafür, grundsätzlich über die derzeit weit verbreiteten Werksvertrags-Konstruktionen nachzudenken.

Schleswig-Holsteins Sozialminister Garg sieht sich bestätigt

Schleswig-Holsteins Sozialminister Heiner Garg (FDP) sieht sich in seinem Kurs bestätigt. Er hatte auf der jüngsten Arbeits- und Sozialministerkonferenz Ende November eine Initiative eingebracht, um Regelungslücken zu schließen. Mit dem einstimmig angenommen Antrag wurde der Bund zum Handeln aufgefordert, um besonders die Situation von Mitarbeitern aus Osteuropa zu verbessern. Eine Umgehung von Arbeitsschutzrecht verzerre auch den Wettbewerb zum Nachteil von kleinen und mittleren Betrieben, die die Vorgaben einhielten, sagte Garg.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.05.2020 | 17:00 Uhr

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