Eine Frau füttert eine ältere pflegebedürftige Dame.  Foto: Inga Martens

Corona-Impfung: Viele Demenzkranke bleiben auf der Strecke

Stand: 06.02.2021 06:00 Uhr

Eine Fahrt in ein Impfzentrum ist für Demenzkranke nur schwer möglich. Doch mobile Impfteams besuchen nur stationäre Einrichtungen. Wer in einer Wohngruppe lebt, bleibt auf der Strecke.

von Inga Martens

Jeden Tag lebt Cindy Jark mit der Angst, die Menschen, für die sie verantwortlich ist, könnten sich mit Corona infizieren. Die 43-Jährige leitet den ambulanten Pflegedienst im Wohnpark Grebin bei Plön. 23 Demenzkranke leben hier in einer Wohngemeinschaft. Fast alle haben wegen ihres Alters Anspruch auf eine Corona-Impfung. Doch Cindy Jark kann sie nicht einfach in ein Taxi zum Impfzentrum setzen. "Das würden sie körperlich gar nicht verkraften und auch seelisch wird das für sie eine riesige Herausforderung sein, sowas zu verarbeiten", sagt Cindy Jark. "Demenzkranke Leute leben in ihrem geschützten Bereich und fühlen sich da wohl. Wenn sie in ein Impfzentrum gefahren werden, das wäre für sie wie Rausreißen aus ihrer geschützten Umgebung."

Keine mobilen Impfteams für ambulante Einrichtungen

Die beste Lösung sei, so Cindy Jark, wenn ein mobiles Impfteam in die Einrichtung käme, um alle Pflegebedürftigen und das Pflegepersonal zu impfen. Doch solche Impfteams fahren bisher nur stationäre Einrichtungen wie Pflegeheime an. Wohngemeinschaften für Demenzkranke, wie die in Grebin, sind ambulante Einrichtungen. Sie sind erst an der Reihe, wenn die Impfungen in allen stationären Einrichtungen abgeschlossen sind.

Pflegebedürftige Menschen sitzen versammelt an einem großen Tisch.  Foto: Inga Martens
Das gesamte Personal wird regelmäßig auf Corona getestet, aber ein Risiko bleibt.

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes im Wohnpark Grebin hätten Anspruch auf eine Corona-Impfung. Doch nur zwei von ihnen haben bisher einen Termin bekommen. Altenpflegerin Isabell Jagusch hat es wiederholt versucht - vergeblich: "Ich kann auch nicht während der Dienstzeit ständig am Telefon hängen", sagt Jagusch. "Das ist Zeit, die den Menschen fehlt, die wir versorgen müssen." Das gesamte Personal wird regelmäßig auf Corona getestet, aber ein Risiko bleibt. "Es ist erstens Unsicherheit und zweitens hat man immer selber Angst, dass man das hier anschleppt", sagt die Altenpflegerin. "Man will nicht die Person sein, wegen der hier Corona ausbricht."

Wenig Hilfe von Behörden und Verbänden

Pflegeteam-Leiterin Cindy Jark versucht seit Dezember, bei den zuständigen Stellen eine Auskunft darüber zu bekommen, wann ein mobiles Impfteam auch in ihre Einrichtung kommen könnte. Unterstützt wird sie dabei von Wolfgang Schütt, der die Demenzkranken als Allgemeinmediziner betreut. "Unsere Bemühungen, über die Kassenärztliche Vereinigung oder beim Land jemanden als Ansprechpartner zu finden, sind gescheitert", sagt Schütt. "Irgendwann hängt man in einer Warteschleife oder man ist in einer wohlwollenden Beratung, die aber letztlich keine Schritte unternimmt." Er selbst kann die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung nicht impfen: "Dieser Impfstoff muss ganz speziell gehandhabt und schnell verbraucht werden. Das ist uns als niedergelassenen Ärzten zurzeit leider noch nicht möglich." Cindy Jark klagt: "Alle bitten nur um Geduld, bis sich die Situation irgendwann mal geregelt hat. Aber ich finde, es verstreicht zu viel Zeit."

So reagiert das Sozialministerium

Auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein, wie Demenzkranke in ambulanten Einrichtungen geimpft werden sollen, schreibt das zuständige Sozialministerium: "In der Regel ist die Anfahrt zu den Impfzentren selbst zu organisieren. Menschen, für die ein Besuch im Impfzentrum nicht alleine zu bewerkstelligen ist, können sich zum Beispiel auch von Angehörigen, Betreuenden oder auch im Rahmen der Nachbarschaftshilfe dabei unterstützen lassen."

Auf das grundsätzliche Problem, dass Demenzkranke nicht ohne Weiteres an einen fremden Ort zu unbekannten Menschen gebracht werden können, wird nicht eingegangen.

Ohne Impfung sind Pflegebedürftige in Gefahr

Auf die Frage, wann mobile Impfteams auch ambulante Einrichtungen aufsuchen werden, schreibt das Ministerium: "Wo es möglich ist (beispielsweise angesichts einer räumlichen Nähe zu einer stationären Einrichtung) und genug Impfstoff vorhanden ist, werden auch (…) über 80-Jährige in ambulanten Angeboten mitversorgt."

In Grebin und anderen Wohngemeinschaften in der Nähe ist das nicht der Fall. Die Menschen hier werden erst geimpft, wenn die stationären Einrichtungen versorgt sind. Wann das sein werde, hänge von der Menge des verfügbaren Impfstoffes ab, so das Sozialministerium. Für Cindy Jark und ihr Team dauert das zu lange. "Ohne Impfung sind unsere Pflegebedürftigen in großer Gefahr", sagt Jark.

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