Stand: 25.03.2020 19:36 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

"Versorgungszäune" - Helfer für Obdachlose

"Versorgungszaun - nur für Wohnungslose" steht auf handgeschriebenen Plakaten, die direkt am Geländer der Kieler Hörn in Höhe der Klappbrücke angebracht sind. Davor finden sich fein säuberlich sortiert Kleidungsstücke, Hygieneartikel, Lebensmittel oder auch Hundefutter. Es wirkt alles wie auf einem Flohmarkt, nur spontaner. Menschen kommen vorbei, binden eine weitere Tüte mit Obst an den Zaun. Wohnungslose fragen, ob und was sie mitnehmen dürften. Einer ist ganz gerührt von der Aktion: "Ich bin überwältigt, wie viel Menschlichkeit es jetzt gibt", sagt ein etwa 30-jähriger Wohnungsloser. Vielleicht habe es einfach eine Krise gebraucht, damit das Mitmensch-Sein wieder sichtbar wird, so der Mann, der namentlich nicht genannt werden möchte. Es ist ihm offenbar peinlich, dass er sich hier Lebensmittel holen muss.

Die Nachfrage ist groß

Es herrscht ein reges Treiben direkt an der Kieler Hörnbrücke. Damit es keinen Streit gibt, beobachtet einer der Initiatoren des "Versorgungszauns" das Geschehen und greift, wenn nötig, ein, wenn es zum Beispiel Streitigkeiten gibt. Auf die Frage, warum er das mache, zuckt er mit den Schultern und sagt im gebrochenen Deutsch, man müsse in einer solchen Situation allen Menschen helfen und zusammenstehen. Denn seit Restaurants und Tafeln geschlossen sind, ist es recht schwierig für Wohnungslose, Essen zu bekommen, auch wenn so manche Sozialeinrichtung vereinzelt ihre Essensausgabe öffnet. Deshalb sind die sogenannten Versorgungs- oder Gabenzäune inzwischen eine echte Hilfe, die zumindest in Kiel derzeit gut angenommen wird.

Behörden behandeln "Versorgungszäune" unterschiedlich

Das Verteilen von Lebensmitteln und anderen alltäglichen Dingen bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. In Kiel achtet der Ordnungsdienst lediglich darauf, dass das Durcheinander der angebotenen Waren und der Menschenauflauf nicht zu groß sind, drückt sonst aber eher beide Augen zu. Doch das ist nicht überall so. So wurden in Schleswig sogenannte Food-Sharing-Schränke inzwischen geschlossen. Begründung der Stadt: Man wolle eine mögliche Übertragungskette unterbrechen. Etablierte Sozialeinrichtungen stehen den Lebensmittelabgaben grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings, so Lukas Lehmann vom Verein Hempels, wäre es auch wichtig, die Wohnungslosen selbst einmal zu fragen, was sie benötigten. Lehmann wünscht sich zudem ein abgestimmtes Handeln aller Einrichtungen und Initiativen, die sich für Obdachlose stark machen.

Hinweis der Redaktion (26.3.): Der Zaun wurde inzwischen von der Stadt Kiel wieder abgebaut. Stadtrat Gerwin Stöcken (SPD) sprach von einer guten Idee, die leider aus dem Ruder gelaufen sei. Teilweise habe es chaotische Zustände gegeben. Tüten seien aufgerissen und der Inhalt lieblos weggeworfen worden. Zudem soll es zu Menschenansammlungen von mehr als 40 Leuten gekommen sein. Die Stadt sucht jedoch eine Alternative.

Weitere Informationen
04:02
Schleswig-Holstein Magazin

Besuch bei der Tafel in Bad Segeberg

20.03.2020 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin

Wegen der Coronakrise haben viele Tafeln im Land ihren Dienst einstellen müssen. Die Tafel in Bad Segeberg hat noch geöffnet. Ein Besuch vor Ort. Video (04:02 min)

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Die Zahl der bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein steigt weiter an. Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zu dem Thema. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.03.2020 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:54
Schleswig-Holstein Magazin
01:33
Schleswig-Holstein Magazin

Prien verteidigt Präsenzunterricht

Schleswig-Holstein Magazin
02:46
Schleswig-Holstein Magazin