Corona und Schulen: Sind Lüftungsanlagen die Lösung?

Stand: 03.12.2020 21:17 Uhr

Der Physiker und Strömungsforscher Christian Kähler fordert ein neues Hygienekonzept für Schulen - ohne Maskenpflicht und Stoßlüften. Der Kieler Virologe Helmut Fickenscher sieht das skeptisch.

von Johannes Tran

Geht es nach Christian Kähler, dann ist Schluss mit der Maskenpflicht im Unterricht. Dann müssten nicht mehr alle 20 Minuten die Fenster aufgerissen werden und die Schülerinnen und Schüler müssten nicht mehr in Winterjacken auf ihren Plätzen sitzen. Kähler leitet das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in München. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich laut eigener Aussage mit der Vermischung von Aerosolpartikeln in Räumen. Am Donnerstag ist er in die Caspar-Voght-Schule in Rellingen (Kreis Pinneberg) gekommen, um vom "optimal geschützten Schul-Klassenraum gegen COVID 19" zu erzählen, wie es in der Einladung zu seinem Vortrag heißt.

Forscher fordert Luftfilter in den Klassenzimmern

"Ich halte das aktuelle Hygienekonzept für fahrlässig", sagt Kähler. Er steht in der Turnhalle der Schule: in einer Hand ein Mikrofon, hinter ihm eine Leinwand mit einer Power-Point-Präsentation. Er redet flüssig und verständlich. Vorträge wie diese hält er oft in diesen Wochen. Mit seinen Vorschlägen für ein neues Corona-Hygienekonzept an Schulen tourt er durch ganz Deutschland. Dabei geht es vor allem um zwei Maßnahmen: Zum einen fordert Kähler die massenhafte Anschaffung von Raumluftreinigern in den Klassenräumen. Zum anderen plädiert er für Spuckschutzwände auf den Tischen der Schüler. Sobald beides vorhanden sei, müssten die Schüler am Platz keine Masken mehr tragen, so seine Argumentation.

"Die Fensterlüftung funktioniert schlecht"

Die Luftfilter, die der Münchener Professor für den Einsatz in Schulen geeignet hält, sollten ihm zufolge drei Kriterien erfüllen: Sie müssten die Luft in den Klassenzimmern mindestens sechs mal pro Stunde austauschen. Außerdem müssten sie über Filter der Klassen H13 oder H14 verfügen, die laut Kähler einen Großteil der Coronaviren ausschalten könnten. Und sie müssten leise arbeiten, damit sie den Unterricht nicht stören. Kähler beruft sich dabei auf Experimente, die er mit zwei Forscherkollegen durchgeführt hat. Diese Tests hätten ergeben, dass die Luftreiniger 99,995 Prozent der Viren in Klassenzimmern abtöten könnten. "Die Fensterlüftung, wie wir sie jetzt haben, funktioniert schlecht", sagt er. Alle 20 Minuten kurz zu lüften, reiche nicht aus, um die Viruskonzentration in der Luft deutlich zu reduzieren.

Transparente Spuckschutzwände auf den Tischen

Die transparenten Spuckschutzwände, die Kähler außerdem ins Spiel bringt, will er auf den Tischen zwischen den Schülern montieren lassen. Sie sollen über die Tischkante hinaus bis zur Rückenlehne der Schüler reichen, damit auch beim Reden mit dem Tischnachbarn keine Tröpfchen übertragen werden. "Diese Wände bieten einen viel besseren Schutz als die Mund-Nase-Bedeckung." Sobald die Schüler von ihren Plätzen aufstehen, müssten sie aber weiterhin Masken tragen.

Für den Virologen ist die Wirksamkeit von Luftfiltern fraglich

Es ist ein verlockendes Szenario, das der Strömungsforscher Kähler in seinem Vortrag ausbreitet. Kein lästiges Tragen der Maske mehr am Platz, die Lehrer bekämen ihre Schüler wieder voll zu Gesicht - und keiner müsste mehr frieren. Doch wie erfolgsversprechend sind die Vorschläge aus virologischer Sicht? Helmut Fickenscher, Chef der Infektionsmedizin der Uni Kiel, ist skeptisch, als er von Kählers Konzept hört. Die wissenschaftliche Datenlage sei viel zu dünn, um große Hoffnung in die Raumluftreiniger zu setzen, sagt der Virologe und fügt an: "Ich kenne keinerlei aussagekräftige Arbeiten, wo gezeigt worden wäre, dass diese Geräte eine ausreichende Wirksamkeit haben." Alle Publikationen, die ihm bekannt seien, hätten nur die Wirksamkeit der Luftfilter in leeren oder möblierten Räumen untersucht. "Wenn da aber noch eine Horde Menschen durch die Gegend hüpft, ist es sehr fraglich, ob diese Geräte wirksam sind."

Fickenscher: Mund-Nasen-Schutz eine sehr effektive Maßnahme

Außerdem widerspricht Fickenscher dem Münchener Professor, der in der Maskenpflicht im Unterricht keinen Schutz sieht. "Der Mund-Nasen-Schutz ist eine sehr einfache und effektive Maßnahme." Er biete einen solch hohen Infektionsschutz, dass selbst bei einer Infektion eines Schülers nicht die gesamte Klasse in Quarantäne geschickt werden müsse. Fickenscher sagt: "Wenn wir nur Luftreinigungsgeräte und Spuckschutze in den Klassen hätten, müssten bei einer Infektion alle näheren Kontaktpersonen in Quarantäne." Auch das Stoßlüften verteidigt er gegen Kählers Kritik: Es habe sich als Maßnahme gegen Corona bewährt und sei seit Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht.

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"Es gibt eine große Lobby für die Luftreinigungsgeräte"

Sollten Kählers Vorschläge deutschlandweit in die Tat umgesetzt werden, würde das den Bund 1,5 Milliarden Euro kosten. So hat er es selbst ausgerechnet. Die Raumluftfilter, für die er plädiert, kosten mehrere Tausend Euro pro Stück. Die Frage, wie die Klassenzimmer im Land Corona-sicher werden, ist also auch eine Frage des Geldes - und für viele Firmen mit der Hoffnung auf ein potenzielles Millionengeschäft verbunden.

Der Kieler Virologe Fickenscher warnt deshalb davor, dass finanzielle Interessen den Infektionsschutz untergraben könnten: "Es gibt eine große Lobby für die Luftreinigungsgeräte, und oft ist nicht klar, was Marketing ist und was die wissenschaftlichen Fakten sind."

Vortrag mithilfe einer PR-Agentur organisiert

Auch bei Kählers Vortrag in der Schule in Rellingen verschwimmen diese Grenzen. Neben dem Referenten stehen, gut für die Journalisten und Fernsehkameras platziert, mehrere Raumluftreiniger einer Firma aus Rellingen. Sie hat den Vortrag mithilfe einer PR-Agentur organisiert und den Professor eingeladen. Auf die Frage nach seiner wissenschaftlichen Unabhängigkeit angesprochen, beteuert Kähler, dass es ihm ausschließlich um die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse gehe. Für den Vortrag habe er kein Honorar von der Firma erhalten. "Ich sehe solche Veranstaltungen als Chance, für mein Konzept zu werben. Aber ich mache keine Werbung für spezielle Firmen." In der kommenden Woche will er den nächsten Vortrag halten, dann in Bayern.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.12.2020 | 08:30 Uhr

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