Warum Gesundheitsämter in SH keine einheitliche Software nutzen

Stand: 11.03.2021 07:41 Uhr

Sormas sollte Gesundheitsämter in der Pandemie-Bekämpfung helfen. Doch in Schleswig-Holstein nutzt keine Behörde diese Anwendung so wie gedacht. Der Aufwand für die Umstellung sei zu groß, die Alternativen besser, sagen viele Ämter.

von Daniel Kummetz

Eine Hand schiebt einen Ordner mit der Aufschrift "COVID-19" zurück in eine Regalreihe. © picture alliance / dpa Foto: Marijan Murat
Viele solcher Ordner sollte es in den Ämtern nicht mehr geben: Per Software pflegen Mitarbeiter digitale Akten.

Zettelwirtschaft, Excel-Listen und piepsende Faxgeräte: Das gehörte noch zu Beginn der Corona-Pandemie zum Alltag so mancher Gesundheitsämter in Deutschland. Diese waren seit Jahren unterfinanziert, unterbesetzt und technisch zum Teil schlecht ausgerüstet. Neben mehr Geld und Personal sollte auch ein technisches Upgrade helfen, die Behörden in der Pandemie-Bekämpfung effizienter zu machen, fanden vor allem Vertreter der Bundesregierung. Berlin förderte die Entwicklung der Software Sormas am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Sie sollte die Kontaktnachverfolgung erleichtern und helfen, Netzwerke und Cluster zu erkennen. Beim Bund-Länder-Treffen wurde seit vergangenem Herbst immer wieder beschlossen, dass alle 375 Ämter damit arbeiten sollten. In Schleswig-Holstein läuft die Software in manchen Ämtern, doch für das Kerngeschäft setzt sie bisher keines ein, ergab eine Umfrage von NDR Schleswig-Holstein.

Ämter berichten von Problemen bei der Einführung

Angelika Roschning sitzt am Pc und bearbeitet ein Dokument. © NDR Foto: Sabine Alsleben
Digitalisierung ja, aber wie? Viele Gesundheitsämter sind von der Software Sormas noch nicht überzeugt

Drei Kreise und eine Stadt sind demnach auf jeden Fall bereit, Sormas umfangreich zu nutzen. Der Kreis Stormarn erklärt, er wolle Sormas "zeitnah" einführen und für das Ausbruchsmanagement nutzen. Flensburg und Steinburg melden, dass sie kurz vor der Nutzung stehen. Der Kreis Segeberg berichtet davon, in der Einführungsphase zu stehen. Zweifel an der Software bestehen aber fort: "Nach unserer Einschätzung ist Sormas nicht optimal auf die Bedürfnisse der Gesundheitsämter ausgerichtet", schreibt der Kreis. Außerdem sei es schwierig, während einer Pandemie eine neue Software einzuführen. Auch der Kreis Pinneberg ist offenbar bereit umzustellen, macht das aber davon abhängig, dass die Schnittstellen zu anderen Anwendungen "sicher stehen". In einem offiziellen Bericht der Gesundheitsministerkonferenz ist aufgeführt, dass nur ein Kreis in Schleswig-Holstein Sormas nutzt: Nordfriesland. Dort läuft laut einem Sprecher seit Anfang November die Software - allerdings noch nicht im Alltagsbetrieb. Selbst einen richtigen Test gab es bisher nicht. Es gebe vorher noch offene Fragen mit Bund und Land zu klären, schreibt der Sprecher. Auch für Neumünster ist ein Umzug zu Sormas prinzipiell "im Bereich des Möglichen".

Umstellung? "Blockiert uns zwei bis drei Wochen"

So offen sind nicht alle Ämter: "Wir haben uns aktiv gegen die Einführung von Sormas gewehrt", berichtet Stephan Ott, Leiter des Krisenstabs des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Man arbeite mit einer selbst entwickelten Datenbank, die an die eigenen Bedürfnisse angepasst worden sei. Von den Funktionen her sei Sormas durchaus interessant, aber die Umstellung sei zu aufwendig: "Wir müssten alle 140 Mitarbeiter jetzt komplett umschulen, alle Prozesse neu anpassen, das ist im Moment einfach nicht durchführbar", sagt Ott. Außerdem würde der Software-Wechsel die Arbeit des Amts zwei bis drei Wochen blockieren. Der Kreis Dithmarschen hat vor, die Software für den Austausch von Daten zwischen den Ämtern zu nutzen. Noch weiter geht die Stadt Lübeck - sie ist grundsätzlich gegen eine Umstellung: "Die Anwendung von Sormas kommt daher derzeit für uns nicht in Frage", erklärt die Pressestelle. Man arbeite mit einer anderen Software und die sei funktionaler, benutzerfreundlicher und leichter anzupassen.

Auch im Kreis Plön ist die Verwaltung offenbar genervt von der Debatte um die Software: Vielfach entstehe der Eindruck, die Gesundheitsämter könnten ohne die neue Software-Lösung keine zuverlässige Kontaktnachverfolgung gewährleisten, schreibt die Pressesprecherin. "Dieser Eindruck ist falsch. Das Gesundheitsamt des Kreises Plön war und ist unabhängig von Sormas softwaremäßig gut ausgerüstet, da die bereits vorhandene Software-Lösung auf die Anforderungen der Pandemiebewältigung angepasst wurde." Die Stadt Kiel ist zufrieden mit einer anderen Anwendung. Auch die Verwaltung des Kreises Herzogtum Lauenburg bemerkt: "Sormas ist nicht die einzige Software, die die Gesundheitsämter bei der Ermittlungstätigkeit unterstützt."

Zur Zeit wird eine kommerzielle Software häufiger genutzt

Screenshot von einer Programmoberfläche. © Mikroprojekt GmbH Foto: Mikroprojekt GmbH
So sieht die Arbeitsumgebung der Mitarbeiter in sechs Gesundheitsämtern aus - hier läuft die Software Mikado.

Die Alternative zur mit öffentlichen Fördergeldern finanzierten und so für die Kommunen kostenlosen Open-Source-Software Sormas heißt also nicht mehr Zettel und Stift oder Excel. Am häufigsten verbreitet ist in Schleswig-Holstein offenbar die kommerzielle Anwendung Mikado, ein Produkt der Verwaltungssoftware-Schmiede Mikroprojekt aus Kaiserslautern. Sechs Verwaltungen nutzen diese aktiv, zahlen Lizenzgebühren. Auch Mikado kann die Prozesse im Pandemie-Management eines Gesundheitsamts abbilden - etwa Daten erfassen, Abläufe regeln, Quarantäne-Bescheide erstellen, erzählt der Mikroprojekt-Geschäftsführer Norbert Geib.

Sein Unternehmen versorge seit 20 Jahren Gesundheitsämter mit Software und habe kurz nach Beginn der Pandemie ein Tool für Corona aufgelegt. Zu dem gehört auch eine funktionierende Schnittstelle zur Meldesoftware des Robert-Koch-Instituts und zu anderen Anwendungen - seit vergangener Woche auch zu Sormas. Denn Geib kennt die Stärken seines neuen Mitbewerbers Sormas: "Daten sammeln, auswerten, Zusammenhänge herstellen - bei diesem wissenschaftlichen Ansatz sind die besser", sagt er. Doch bei der Abwicklung und Optimierung des Massenbetriebs, der tägliche Arbeit der Sachbearbeiter im Amt, da sieht er bei seinem Software-Produkt Vorteile.

MPK-Beschluss? Für Kommunen nicht verbindlich

Auch wenn es Alternativen gibt: Eigentlich scheint alles klar, denn erst auf ihrer Februar-Videoschalte beschlossen Bundesregierung und Ministerpräsidenten wieder, dass "künftig alles Gesundheitsämter Sormas nutzen." Doch in einem Papier, auf das sich die kommunalen Spitzenverbände mit dem Landesgesundheitsministerium verständigt haben, ist festgehalten, dass dieser Beschluss nur "eine politische Selbstverpflichtung des Landes" sei - und daraus "keine unmittelbaren Pflichten" für die Kommunen entstehen. Denn die dürften frei über ihre Arbeitssoftware entscheiden - das sei keine Frage, die das Land als Fachaufsicht entscheiden dürfe. Dennoch verpflichten sich die Kommunen, Sormas zu installieren, zu testen - und spätestens Ende des Sommer noch mal über eine flächendeckende Einführung zu reden.

Weitere Informationen
Ein Mann mit Headset vor einem Computerbildschirm, auf dem eine Virusgrafik zu sehen ist. © picture alliance

Niedersachsen: Kontaktverfolgung mit neuer Software - Kommunen zögern

Bis März sollen alle Gesundheitsämter das Programm SORMAS einführen. Doch vielerorts in Niedersachsen ist die Skepsis groß. mehr

Eine Hand schiebt einen Ordner mit der Aufschrift "COVID-19" zurück in eine Regalreihe. © picture alliance / dpa Foto: Marijan Murat

Nachverfolgung für Gesundheitsämter in SH "kein Problem"

Die meisten Kreise und kreisfreien Städte können ihre Corona-Fälle binnen eines Tages abarbeiten - und würden auch mehr schaffen, sagen sie. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.03.2021 | 08:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Tausende Menschen genießen das sonnige und warme Wetter am Sonntagnachmittag neben Strandkörben in Timmendorfer Strand. © dpa-Bildfunk Foto: Georg Wendt

Lübecker Bucht: Entspannte Stimmung trotz großen Andrangs

Seit Sonnabend sind die Tourismusangebote im Rahmen der Modellregion in der inneren Lübecker Bucht wieder für Gäste geöffnet. mehr

Videos