Zeitreise: Mit alten Kuttern zur neuen Fischerei

Stand: 14.08.2022 13:25 Uhr

Nach 1945 wurde Kiel für ein paar Jahrzehnte zur Fischerei-Stadt. Bernhard Kohnke kann davon erzählen.

von Philip Schroeder

Mit der Spitze eines alten Klappmessers von seinem Schreibtisch tippt Bernhard Kohnke auf die Karte der Ostsee: Danziger Bucht, Halbinsel Hel. "Da kommt mein Großvater her", sagt der 72-Jährige. Von seinem Großvater hat er den Vornamen, und sein Großvater war auch der Grund, dass Bernhard Kohnke junior schon mit zwölf Jahren als Fischer zur See fuhr.

Ein Fischkutter liegt 1962 in einer Werft an Land © Stadtarchiv Kiel Foto: Friedrich Magnussen
Die alten Kriegsfischkutter wurden noch bis weit in die 1960er Jahre genutzt.

1945: Kiel zerstört, die Werften zerbombt, nach dem Krieg kommt der Hunger. Aber da sind ja noch die "Kriegsfischkutter". Mehr als 600 hatte die Kriegsmarine bauen lassen - als Hilfsschiffe. Und da sind die vielen Fischer-Familien, die aus Ostpreußen und Pommern geflohen waren - so, wie Bernhard Kohnkes Großvater von der Halbinsel Hel. "Seine Familie und die meiner künftigen Mutter, alles Fischer seit Generationen, hatten sich in Kiel wiedergefunden - die geflüchteten Fischer waren in der alten Scheer-Kaserne untergebracht", erzählt Bernhard Kohnke. Dort lernten seine Eltern sich in den ersten Nachkriegsjahren kennen, 1949 war Hochzeit, "1950 kam dann ich".

Kriegsfischkutter als Wiederaufbau-Förderung der Besatzungsmacht

Die Fischerei war da schon wieder im Gang. Die geflüchteten Fischerfamilien bekamen nach 1945 für wenig Geld übriggebliebene Kriegsfischkutter aus Marine-Beständen, um damit in Nord- und Ostsee auf Fang zu gehen. Die Abgabe der Kutter und die Rekrutierung der Fischer aus den verlorenen Ostgebieten des Ex-Reiches war eine Art einfache Wiederaufbau-Förderung der Besatzungsmacht. Fisch - das war hochwertiges Protein, konnte Winters wie Sommers gefangen werden und die Bevölkerung hungerte. Aber die Stadt Kiel sah auch die Gelegenheit, sich als Ersatz für die verlorenen 60.000 Arbeitsplätze auf Werften und am Kriegsmarine-Standort ganz neu zu erfinden - als Standort einer Fischer-Flotte und Fischindustrie. Kohnkes Großvater, Bernhardt senior, erwarb so einen Kutter, und auch dessen Sohn - Kohnkes Vater. Der taufte seinen Kutter BX 478 dann "Irma Renate", nach seiner ältesten Schwester.

Erwachsen werden an Bord eines Fischkutters

Ein schwarz-weiß Foto eines Fischkutters auf See © Gerhardt Fabritz Foto: Gerhardt Fabritz
Mit der "Irma Renate" fuhr Bernard Kohnke unter seinem Vater auf Fischfang.

Bernhard Kohnke junior selbst ist 1962 das erste Mal mit seinem Vater raus - da war er zwölf Jahre alt. Schon vorher musste er mit ran, wenn der Kutter um Pfingsten herum nach der Winter-Fangsaison in der Ostsee überholt wurde. Der neue Anstrich - das war sein Job. "Und dann saß ich oben im Zimmer und hörte, wie mein Vater unten zur Mutter sagte: Und diesmal kommt der Jung‘ mit auf Fang." Von da an ging es dann jeden Sommer in die Nordsee, auch auf Gammel, also für die Fischmehl-Produktion. Oft zusammen mit dem Kutter des Onkels, zwei Boote schleppten ein Netz. Kohnke erinnert sich noch genau, wie er "als Youngster" den Kutter durch den Nord-Ostsee-Kanal steuerte: "War ja eigentlich nicht erlaubt, ich war ja ein Junge - aber stolz war ich schon." Eine Hand am Rad, in der anderen der Fotoapparat, um die entgegenkommenden Schiffe zu fotografieren. Die Sommer auf See waren dann, so Kohnke heute, "die Zeit meines Lebens. Mit meinem Vater auf See! Das war doch wie ein Lottogewinn." Kohnke zeigt einen kleinen Kunstdruck: Fischer in Ölzeug holen bei schwerer See den Fang an Bord: "Das ist nicht unser Kutter - aber das sah bei uns an Bord genauso aus." Ein Abenteuer, aber auch ein Knochenjob.

Vom Fischkutter auf die Werft

Ein schwarz-weiß Foto eines Jungen © Bernhardt Kohnke
Bernhard Kohnke fuhr schon in jungen Jahren raus auf See.

Bis 1969 fuhr Bernhard Kohnke mit auf Fang, als die Dorsche noch meterlang waren und die Kutter in der Nordsee große Thunfische angeln konnten. Aber mit 19 Jahren ist er dann ausgestiegen - auch ein bisschen gegen seinen Willen: "Meine Mutter sagte sinngemäß: Meine Vorfahren waren alle Fischer, viele sind auf See geblieben, das Geld war immer knapp, der Junge lernt jetzt was Vernünftiges." Die Familie lebte mittlerweile in einem Häuschen nahe der Schwentinemündung bei Kiel, wie viele alteingesessene und neu zugezogene Fischer auch. Die wieder aufgebauten und auf Hochtouren arbeitenden Werften waren nicht weit. Bernhard Kohnke, den alle Berndt rufen, lernte dann bei der Kieler HDW-Werft Technischer Zeichner. "Meine Mutter hat mir einen Rechenschieber geschenkt und los ging das."

Thunfisch wurde rar in der Nordsee

Gerade noch rechtzeitig: Ab ungefähr 1970 ging es bergab mit der Fischerei. Die Leute aßen lieber Fleisch als Fisch. Der Weg in die Nordsee war zu lang und die Anlandungen in Kiel brachen um 75 Prozent ein. Ab 1979 gab es keine Auktionen mehr am Seefischmarkt. 1981 wurde das Tiefkühllager geschlossen. Die Thunfische in der Nordsee wurden rar. "Ich weiß noch", sagt Kohnke heute: "1969 lagen wir in Cuxhaven, hatten gerade Gammel gelöscht und auf der Pier lag ein Thunfisch. Auf See hatten wir die seismischen Sprengungen zur Ölsuche erlebt. Und mein Vater hat gesagt: Der Thun da – das ist der letzte". Ein altes Foto der "Irma Renate" hängt immer noch gerahmt an der Wand bei Bernhard Kohnke in der Wohnung. Zwischen all den anderen Erinnerungsstücken.

Weitere Informationen
Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.08.2022 | 19:30 Uhr

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