Stand: 01.06.2020 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Wie ein Videothekenbesitzer zum Imker wurde

von Astrid Wulf

Damals war es kein Virus, kein Shutdown, kein Schutzmaßnahmenpaket. Stattdessen haben illegale Filmdownloads und Streamingdienste wie Netflix Jörg Schmidt das Geschäft vermiest. Als immer weniger Kunden in die "City Videothek" in die Lübecker Hüxstraße auf der Altstadtinsel kamen, zog er die Reißleine. Heute macht er etwas völlig anderes: Honig.  

Der erste Honig des Jahres kommt von "Lina Beckmann"

Die Luft ist erfüllt von monotonem Summen und süßem Blütenduft. Imker Jörg Schmidt zieht sich seinen weißen Schutzanzug über. Im großen Garten hinter seinem Haus stehen mehrere blaue Kisten aufgestapelt und in einem Kreis aufgestellt - das Zuhause von rund einer halben Million Honigbienen. Heute will er den ersten Honig des Jahres schleudern und greift dafür eine Kiste mit gut gefüllten Bienenwaben. Er hebt den Deckel hoch, streift einige Bienen ab. In der Kiste liegt ein Zettel mit dem Namen des Bienenvolkes: "Lina Beckmann" - eine Schauspielerin. Andere Völker hat der Imker "Jane Fonda" und "Nicole Kidman" genannt.

Das alte Leben: Zwei Videotheken, neun Mitarbeiter, viele Stammkunden

"Ich kann es mir besser merken, dass bei Lina Beckmann noch mal reingeguckt werden muss als bei Volk 35", sagt Jörg Schmidt. "Da ist noch ein Bezug zum alten Leben." In seinem alten Leben führte Schmidt bis vor sechs Jahren zwei Videotheken, unter anderem die beliebte "City Videothek" in der Lübecker Altstadt. Während er die Holzrahmen mit den Bienenwaben in die Schleudermaschine stellt, erinnert sich, wie es ihm ging, als er die Mietverträge kündigen musste. "Ich habe mich gefühlt wie ein Loser", sagt der 55-Jährige. Auch seinen neun Mitarbeitern zu kündigen, fiel ihm sehr schwer - einige hatten wie er 25 Jahre in den Videotheken gearbeitet.

Das schnelle Ende einer Kult-Videothek

Als die Kunden wegblieben, hat Schmidt schnell gehandelt. "Viele machen den Fehler, ihr Erspartes ins Unternehmen zu stecken, bis nichts mehr für einen Neuanfang übrig ist." Er verramschte Tausende DVDs - bevor die Türen für immer schlossen. "Das ist dann schon etwas, das nicht spurlos an einem vorübergeht", sagt Jörg Schmidt nachdenklich. Ihm war damals klar: Nach dem beruflichen Neustart will er etwas ganz anderes machen.

Das erste Bienenvolk: Ein holpriger Neustart

Dafür zog es Jörg Schmidt und seine Frau Sabine von der Lübecker Altstadt ins Naturschutzgebiet Geltinger Birk an der Flensburger Förde. Sein Schwiegervater hatte dort ein Haus mit ein wenig Land. Die beiden liebten Honig schon immer, wollten zudem etwas gegen das Bienensterben tun. Also machten sie einen Imkerkurs, legten sich das erste Bienenvolk zu - und hätten am liebsten gleich wieder alles hingeschmissen. "Am ersten Tag wurde ich gleich 40 Mal gestochen", erinnert sich Jörg Schmidt und lacht. Die ersten Bienen seien auch gleich zwei Mal abgehauen, dazu hatte er den Honig zu früh geschleudert: "Nichts hat geklappt."

Angekommen und glücklich mit der neuen Aufgabe

Mit den Jahren wuchsen dann sowohl die Erfahrung als auch der Umsatz. Honig und Brotaufstriche verkauft das Paar mittlerweile direkt über einen Verkaufsstand am Haus, über Feinkostläden und einen eigenen Onlineshop. Auch wenn Jörg Schmidt manchmal das Fachsimpeln über Filme mit seinen Kollegen und den Kundinnen und Kunden fehlt, ist er mit seinem neuen Leben zufrieden. "Der Umgang mit den Bienen liegt mir inzwischen, ich mache das wirklich gern."  Der erste Honig des Jahres läuft dickflüssig und goldfarben aus dem Auslauf der Schleudermaschine. Jörg Schmidt probiert - und ist zufrieden: "Der schmeckt ganz schön gut. Wenn die anderen genauso werden, werden wir eine super Honigernte kriegen."  

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 29.05.2020 | 19:05 Uhr

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