Bilder aus einem Computertomographen zeigen zwei Blutgerinnsel. © NDR Foto: Sven Jachmann

Westküstenklinikum Heide: Mit Ultraschall gegen Lungenembolie

Stand: 09.09.2022 05:00 Uhr

Seit wenigen Monaten behandeln Ärzte am Westküstenklinikum in Heide lebensbedrohende Lungenembolien mit Ultraschallwellen. Antje Felgenhauer halfen sie so ohne größere OP.

von Sven Jachmann

Die Probleme beim Luftholen hat Antje Felgenhauer aus Weddingstedt (Kreis Dithmarschen) schon länger als eine Woche. Sie kommt schnell aus der Puste, muss sich nach wenigen Schritten hinsetzen und ausruhen. Dann geht es wieder. Sie vermutet eine verschleppte Bronchitis. Doch am Morgen des 15. Augusts verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch. "Ich musste immer tief einatmen, aber es kam nichts an." Sie ist morgens in der Dusche und stellt fest: Nichts geht mehr. "Das war sehr beängstigend für mich. Todesangst ist jetzt falsch. Man bekommt aber schon Angst. Das ist beklemmend und keine schöne Situation."

Sauerstoffzufuhr im Rettungswagen

Ihr Freund Mathias alarmiert den Notarzt. Sie setzt sich auf die Treppe und wartet auf den Krankenwagen. "Ich habe versucht, locker zu atmen, mich zu beruhigen und habe nur gewartet, dass der Krankenwagen kommt", beschreibt sie die Situation. Eigentlich will sie genau an diesem Tag wegen ihrer Luftnot zu ihrem Hausarzt. Jetzt aber muss sie ins Krankenhaus. Sie ahnt noch nicht, was sich in ihrem Körper gerade abspielt. Lungenembolien gehören nach Schlaganfall und Herzinfarkt zu den häufigsten Todesursachen. Antje Felgenhauer ist 45 Jahre alt.

Ergebnis: Große Blutgerinsel in den Lungenarterien

Im Krankenwagen bekommt sie Sauerstoff. Es besteht der Verdacht auf einen Herzinfarkt. Im Westküstenklinikum kommt sie in die Computertomografie. Das Ergebnis: Blutgerinnsel auf beiden Seiten der Gabelung in den Lungenarterien. Die rechte Herzseite ist vergrößert. "Die Gerinnsel waren relativ groß", erklärt Professor Patrick Diemert. "Wir diskutierten dann im Herzteam die notwendige Behandlungsstrategie."

Kleinere Embolien werden mit blutverdünnenden Medikamenten behandelt. Die Gerinnsel lösen sich auf. Stehen Patienten unter Schock, erhöhen die Ärzte die Dosis deutlich. Die Gefahr ist allerdings groß, dass es an anderen Stellen im Körper zu Blutungen kommen kann. "Besonders gefürchtet sind Hirnblutungen, die in drei Prozent der Fälle auftreten können", so der Professor. Antje Felgenhauer liegt zwischen den Extremen: Sie hat ein großes Gerinnsel, ist aber bei Bewusstsein, ihr Kreislauf ist trotz der Belastung einigermaßen stabil.

Katheter mitten durchs Herz verlegt

Deshalb entscheidet sich das Team um Professor Diemert für die Ultraschall-Thrombolyse. Bei dieser neuen Methode wird ein Katheter mitten durch das Herz zur Lungenarterie geführt. Es ist ein minimal-invasiver Eingriff. Die Patientin bekommt alles mit. "Beim Katheter Legen ist man wach. Das ist ein komisches Gefühl. Ich hatte keine Schmerzen, aber schön ist das nicht. Man merkt, dass der Katheter durch einen durchgeschoben wird. Dann fängt das Herz mal an zu stolpern", erzählt Antje Felgenhauer. Die Patientin soll den Ärzten sagen, wenn sich etwas merkwürdig anfühlt. "Das habe ich dann auch so gemacht. Schließlich ist das mein Leben, um das es geht."

Verstopfung wird zersetzt

Der Katheter besteht aus zwei Anteilen. Dazu gehört ein Schlauch. Über kleine Öffnungen wird das Medikament ins Gerinnsel gesprüht - wie bei einem Rasensprenger im Garten. Der zweite Teil ist eine Sonde. Dort sitzen Ultraschall-Schwenkkristalle und die erzeugen Schwingungen. Dadurch wird das Gerinnsel gelockert und geöffnet. So löst es sich schließlich auf.

Weniger Medikamente

Der Vorteil für die Patientin laut Klinikum: Sie braucht keine große Herz-OP. Denn mit der Sonde kommen die Ärzte an schwer zugängliche Stellen. Zudem benötigt sie weniger Medikamente. "Auf diese Weise müssen wir statt 50 bis 100 Milligramm des Lyse-Medikaments nur noch knapp sechs Milligramm einsetzen. Die Ultraschallwellen spürt der Patient nicht", sagt Professor Patrick Diemert.

Acht Stunden Ultraschall

Die Gerinnsel - oder auch Blutwürste, wie sie der Professor nennt - sind mit zwei Zentimetern relativ groß. Deshalb dauert die Behandlung mit den Schallwellen acht Stunden. Antje Felgenhauer darf sich in der Zeit nicht bewegen, damit sich die Sonde nicht verschiebt. "Man will ja leben, da hängt das Leben dran, und dann macht man das einfach." Sie bekommt weiterhin über einen Schlauch durch die Nase Sauerstoff. Zwei Tage später wechselt sie von der Intensiv- auf die Normalstation.

Ursache für Gerinnsel noch unklar

Wie es zu dem großen Gerinnsel kam, ist noch unklar. Bei Antje Felgenhauer vermuten die Ärzte, dass ein Thrombus im linken Bein der Auslöser war. "Ich muss noch mal nach Hamburg ins UKE, um die Ursache abzuklären. Meine Mutter hatte das mit Anfang 30, eventuell ist das erblich", sagte Felgenhauer. Sie hatte sich vor einigen Jahren auch wegen ihrer Krampfadern behandeln lassen. "Krampfadern erhöhen das Risiko", erklärt Professor Diemert. Denn so ein Thrombus wandert von den Beinen über das Becken in die Lunge. Derartige Blutgerinnsel bilden sich ständig im Körper. Meistens in den Beinvenen, auch in den Beckenvenen. Wenn aber die Fließgeschwindigkeit zum Beispiel durch Krampfadern verlangsamt wird, kann es gefährlich werden.

Eine Woche Krankenhaus

Antje Felgenhauer ist insgesamt sieben Tage im Krankenhaus, bevor sie entlassen wird. "Heute geht es mir wieder gut, ich bekomme wieder Luft", sagt sie. Sie muss jetzt ein Jahr lang blutverdünnende Medikamente nehmen. Bald beginnt sie ihre Reha in St. Peter Ording. Sie hofft, dass sich nicht wieder ein Gerinnsel in der Lunge bildet. Ihr aktuelles Ziel ist klar: "Ich will erst mal wieder fitter werden", sagt Felgenhauer.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.09.2022 | 19:30 Uhr

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