Werftarbeiter stehen vor dem Stapellauf der Fähre «Gardenia Seaways» auf der Werft der Flensburger Schiffbaugesellschaft (FSG) © DPA Bildfunk Foto: Carsten Rehder

Werften im Norden: Neues Jahr, neues Glück?

Stand: 31.12.2021 11:18 Uhr

von Christian Wolf

"Ich hoffe, dass der Schiffbau in Schleswig-Holstein im kommenden Jahr in ruhigeres Fahrwasser kommt", so Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) und denkt dabei unter anderem an die abgewendete Insolvenz der Eigentümer-Gesellschaft der Flensburger-Schiffbau-Gesellschaft (FSG). Dass bei German Naval Yards Kiel (GNYK) und Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) zudem die beiden Geschäftsführer gewechselt wurden, habe zusätzlich für Unruhe gesorgt, so Buchholz. Die Situation habe sich allerdings etwas entspannt, so Stephanie Schmoliner, Geschäftsführerin der IG Metall Kiel-Neumünster.

Hoffnungsschimmer Koalitionsvertrag

Hoffnung macht der Branche der neue Koalitionsvertrag. SPD, Grüne und FDP haben es auf Seite 28 festgehalten - der Schiffbau in Deutschland soll künftig gestärkt werden. Mit verschiedenen Maßnahmen will die neue Regierung eine Kehrtwende schaffen. Vor allem mit Hilfe neuer und bereits vorhandener Technologien soll das gelingen. "Wie schaffen wir es, die maritime Branche klimaneutral zu bekommen. Die Technologien und Möglichkeiten sind da, aber das muss jetzt in Fahrt gebracht werden", erklärt Reinhard Lüken, Geschäftsführer des Verbands Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Profitieren könnten davon auch Unternehmen aus Schleswig-Holstein. TKMS beispielsweise verbaut seit Jahren Brennstoffzellen-Antriebe in deutschen U-Booten. Künftig sollen auch Überwasserschiffe mit dieser Technik ausgestattet werden.

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Polarstern 2 als Leuchtturm-Projekt

Der Neubau des deutschen Forschungsschiffs "Polarstern 2" des Alfred-Wegener-Instituts könnte dabei zum wichtigen Leuchtturm-Projekt werden. Schließlich soll es ein Zero-Emission-Schiff werden, also über einen klimaneutralen Antrieb verfügen. Zuletzt hatte sich die Ausschreibung des Prestige-Projektes aber immer wieder verzögert. Ob das Schiff tatsächlich wie geplant 2027 zur Verfügung steht wird ist noch unklar, genau wie die Frage, ob Werften aus Schleswig-Holstein sich an das Projekt wagen werden. VSM-Geschäftsführer Lüken sieht in jedem Fall großes Potential bei der Umrüstung auf emissionsfreie Antriebe: "Es gibt viel Arbeit, die erledigt werden muss. Allein nur für den europäischen Bereich sprechen wir von rund 20.000 Seeschiffen und 16.000 Binnenschiffe, die umgerüstet werden können auf klimaneutrale Antriebe."

Neuauslegung der Schlüssel-Technologie

Ein weiterer Grund für Optimismus im Schiffbau könnte die Neudefinition der Schlüssel-Technologie sein. Bisher fällt darunter der Bau beispielsweise von U-Booten, Korvetten oder Fregatten. Eine europäische Ausschreibung für den Bau neuer deutscher Marine-Schiffe kann so umgegangen werden, die heimische Industrie profitiert. Die neue Bundesregierung will das ausweiten. Künftig soll auch der Bau von Behördenschiffen als Schlüssel-Technologie gelten. Darunter würden dann beispielsweise Boote vom Zoll oder der Wasserschutzpolizei fallen, aber auch Forschungsschiffe, wie die "Polarstern 2". "Wir halten das für den richtigen Weg auch um zu gucken: wie lässt sich Arbeit und Wertschöpfung mit staatlichen Aufträgen hier bei uns im Norden sichern?“, so Heiko Messerschmidt, Sprecher der Gewerkschaft IG Metall Küste.

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Schlüsseltechnologie vs. europäisches Vergaberecht?

Gleichzeitig kann aus Sicht der Gewerkschaft IG Metall so gesichert werden, dass auch die Umrüstung dieser Behördenschiffe mit neuen nachhaltigen Antrieben durch deutsche Unternehmen gewährleistet werden kann. Auch aus Sicht des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik ist dies der richtige Ansatz. Gleichzeitig mahnt aber Geschäftsführer Reinhard Lüken: "Das wird anders als bei Marine-Schiffen im zivilen Bereich etwas schwieriger umzusetzen sein, weil es ein europäisches Vergaberecht gibt und für zivile Güter gilt eben den Binnenmarkt uneingeschränkt." Es wird sich also erst zeigen müssen, wie die Bundesregierung künftig Schlüssel-Technologie auch auf Behördenschiffe umsetzen möchte.

Neue maritime Koordinatorin, neues Glück?

Auch personell wird die neue Bundesregierung anders aufgestellt sein. Bislang war der Schleswig-Holsteiner Norbert Brackmann (CDU) aus Lauenburg maritimer Koordinator der Bundesregierung. In Zukunft soll Claudia Müller (Grüne) diesen Job übernehmen. Wirtschaftsminister Bernd Buchholz ist gespannt auf die Schwerpunkte, die sie setzen wird: "Der Posten ist im Wirtschaftsministerium von Robert Habeck ganz gut angesiedelt, da er ja auch sehr genau weiß, welche Rolle der Schiffbau für Schleswig-Holstein spielt." Aus Sicht des VSM ist es erst einmal gut, dass dieses Amt fortgesetzt wird. "Ich hoffe, dass die künftige maritime Koordinatorin mehr eingebunden wird und auch, dass Themen von den anderen Ressorts dort zusammenlaufen. Das wäre schon mal ein wichtiger Schritt", so Reinhard Lüken.

Gewerkschaft hofft auf mehr Impulse

Aus Sicht der IG Metall Küste muss die neue Koordinatorin vor allem sicher stellen, dass die maritime Branche nicht nur eine Zukunft im Norden hat, sondern auch, dass die Wertschöpfungskette beim Umstieg auf klimaneutrale Antriebe im Land bleibt. "Wir erwarten, dass sie nicht nur moderiert und zu Empfängen lädt, sondern wirklich auch mitgestaltet", so Sprecher Heiko Messerschmidt. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsministerium wird sogar noch deutlicher: "Wir erhoffen uns im kommenden Jahr einen Umbau der Förder-Landschaft, so dass wir wieder Serien-Schiffbau betreiben können."

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Um für den Kampf auf dem Weltmarkt gut aufgestellt zu sein, müssen allerdings auch die Werften selbst einiges leisten. Die Ausschreibungen zum Bau neuer Marineschiffe kosten deutsche Werften viel Geld, die Beträge gehen teilweise in die Millionen. Dabei treten die Unternehmen, wie die Bremer Lürssen Werft, TKMS aus Kiel und GNYK oft als Mitbewerber gegeneinander an. Schon seit längerem gibt es daher den politischen und industriellen Wunsch, dass sich die Werften in diesem Bereich zusammenschließen und so ein nationaler Champion entsteht, der sich auch international besser behaupten kann.

Buchholz: Konsolidierung muss kommen

Doch bislang ist außer einer Absichtserklärung zwischen der Bremer Lürssen Werft und GNYK nicht viel passiert. Aus Sicht von Wirtschaftsminister Buchholz ist das Thema allerdings damit noch lange nicht vom Tisch: "Gerade wenn es um das Thema Schlüssel-Technologie geht und darum solche Aufträge dann an einen deutschen Anbieter zu vergeben, dann muss dafür vorher eine Konsolidierung erfolgt sein."

Auch Stephanie Schmoliner, Geschäftsführerin der IG Metall Kiel-Neumünster, hofft auf eine Konsolidierung: "Die Frage, die geklärt werden muss, ist, ob wir warten, bis allen anderen europäischen Länder das für sich geklärt haben oder ob Deutschland eine aktive Rolle spielen möchte."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.12.2021 | 06:00 Uhr

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