Von links nach rechts: In der Horster Meierei: Verbraucherinnen Jutta Carlsen, Bettina Dreher, Vorstand der Horster Meierei Achim Bock, Mitbegründer der Initiative "Du bist hier der Chef" Nicolas Barthelmé. © NDR Foto: Janina Harder

Wenn der Verbraucher über Milch und Milchpreis entscheidet

Stand: 08.12.2021 05:00 Uhr

Auf einem Hof in Kollmar wird Milch nach den Vorstellungen von knapp 10.000 Verbrauchern produziert. In Supermärkten zahlen Kunden 1,45 Euro pro Liter dafür. Sie wissen, was der Landwirt bekommt.

von Janina Harder

Was wünschen sich Verbraucher von ihrer Milch? Und wie können Milchwirte trotzdem wirtschaftlich arbeiten, wenn sie Verbraucherwünsche inklusive Tierwohl-Anforderungen berücksichtigen? Das sind Fragen, die sich nicht nur die Politik und Verbraucher stellen, sondern auch der Verein "Du bist hier der Chef! Die Verbrauchermarke". Er sitzt nicht in Schleswig-Holstein und hat trotzdem auch mit dem nördlichsten Bundesland zu tun. In einer 2020 durchgeführten Umfrage unter knapp 10.000 Verbrauchern hat der Verein Antworten auf die oben genannten Fragen gesucht. Als Produkt herausgekommen ist die sogenannte Verbrauchermilch, die inzwischen auch in Schleswig-Holstein hergestellt wird.

Landwirt Thamling kennt seine Kühe in- und auswendig

Landwirt Thies Thamling geht durch seinen Kuhstall. "Vollmond, Vancouver, Rosi, Traube, Theresa", ruft er. Die Namen seiner 85 Milchkühe kennt er alle. Deren Lebenslauf auch. Er bezeichnet sie als seine Freundinnen. Ruhig weist er sie in den Melkstand. Die Tiere sind mindestens genauso entspannt wie ihr Besitzer und lassen sich bereitwillig von ihm anfassen. Ein Melkdurchlauf beginnt.

Thamling und seine Frau Ines Scharfenberg haben vor zwei Jahren ihren Hof in Kollmar (Kreis Steinburg) von konventioneller Landwirtschaft auf Biobetrieb umgestellt. Seit neuestem sind sie Teil eines innovativen Projekts. "Du bist hier der Chef" heißt es. Die Idee: Verbraucher sollen darüber entscheiden, unter welchen Bedingungen Milch produziert wird. Nicolas Barthelmé ist der Mitgründer dieser Initiative. Er hat das Konzept von Frankreich nach Deutschland geholt. "Man kriegt immer mit, dass die Landwirte viel zu wenig bekommen für das, was sie tun - sie demonstrieren dann ab und zu mal", erzählt Barthelmé. "Viele Verbraucher wünschen sich bessere Qualität, gute Lebensmittel aus der Region. Die einen sind bereit, es zu produzieren, die anderen möchten es kaufen. Nur es funktioniert von alleine nicht. Und deswegen versuchen wir, das auch zusammenzubringen."

Verbrauchermilch ist noch mehr als Bio

Seine Lösung ist die Verbrauchermilch. Sie wurde erstmalig vor vier Jahren in Frankreich eingeführt. Der Franzose Barthelmé lebt seit 20 Jahren in Deutschland und hat das Konzept vor zwei Jahren in Mitteldeutschland auf den Markt gebracht. Nun ist auch der Norden dran.

Die Verbrauchermilch geht weit über den Bio-Standard hinaus: Die Kühe müssen für diese Milch mindestens vier Monate auf die Weide, erhalten im Stall überwiegend Frischgras und regional hergestellte Futtermittel in Bioqualität. Außerdem müssen die Landwirte nachweisen können, dass sie ein sehr hohes Maß an Tierwohl garantieren. "Die Betriebe, die für uns produzieren dürfen, qualifizieren sich letztendlich über eine Punktzahl - und die wird übersetzt in ausgezeichnetes Tierwohl", erzählt Barthelmé.

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Für die Verbraucher sei dies mit Abstand das wichtigste Kriterium. "Das Thema Stallklima, Luft, nicht zu viel Lärm und Platz ist wichtig. Außerdem zählt die Bewegungsfreiheit und die Bodenbeschaffenheit im Stall", sagt der Mitgründer der Verbraucherinitiative. Die Kühe müssen auf ihren Liegeplätzen sanft ruhen können. Außerdem gehört der Zugang nach außen zu den Kriterien: in Form eines Laufhofs. Weidehaltung soll es so viel wie möglich geben.

Thamling ist stolz auf seine Tierhaltung

Für Thies Thamling eine Selbstverständlichkeit. "Weidehaltung ist die aller artgerechteste Haltung - wir sehen, dass das das Wohlbefinden und die Gesundheit unserer Kühe sehr fördert", sagt der Landwirt. Solange das Wetter es zulasse, seien seine Kühe auf der Weide. Das habe man schon seit Generationen so gemacht und sei stolz darauf.

Verbraucher können sich vor Ort ein Bild machen

Zu dem Konzept der Verbrauchermarke "Du bist hier der Chef" gehört auch: Interessierte Verbraucher können sich direkt vor Ort ein Bild von der Haltung machen. Jutta Carlsen und Bettina Dreher gehören zu den 10.000 Verbrauchern, die bei der Umfrage für die Produktionsbedingungen mit abgestimmt haben. Sie sind zu Besuch auf dem Hof des Kollmarer Landwirtpaars. Dort haben sie die Möglichkeit, die Tiere und den Hof kennenzulernen, sie können den Landwirten Fragen stellen. Jutta Carlsen habe die Fütterung überzeugt und dass die Tiere außergewöhnlich viel Platz im Stall haben. Bettina Dreher gefällt es besonders gut, dass der Stall so offen ist und die Kühe selbst im Winter im Laufhof viel frische Luft bekommen.

Landwirt wird mit fairer Bezahlung belohnt

Thies Thamling und seine Frau Ines können all die Kriterien der Verbrauchermilch erfüllen. Dafür bekommen auch sie etwas zurück. Pro Liter Milch erhalten sie 58 Cent. Zum Vergleich: Ein Liter konventionelle Milch bringt im Durchschnitt 35 Cent, eine normale Biomilch 48 Cent. Die Umfrage des Vereins unter den knapp 10.000 Verbrauchern führte zu dem Ergebnis, dass diese bereit seien, für die Milch im Supermarkt 1,45 Euro auszugeben. Dieser Milchpreis teilt sich auf in 58 Cent für die Landwirte, 70 Cent für die Meierei, Verpackung, Logistik und Handel, 7 Cent für die Verbraucherinitiative und 10 Cent Mehrwertsteuer.

Außerdem fließt 1 Cent pro Liter Milch in die Umsetzung nachhaltiger Projekte. Landwirtin Ines Scharfenberg und ihr Mann Thies hat dieses Konzept sofort überzeugt. "Das zeigt, dass letztendlich doch eine Wertschätzung uns als Landwirten gegenüber besteht und dass der Preis einfach vernünftig dargestellt wird", sagt Scharfenberg. Bei dem Konzept der Verbrauchermilch sei es ausnahmsweise nicht so wie sonst üblich, dass der Milchpreis gedrückt werde. Auch sei der Normalfall ansonsten, dass es für die Verbraucher nicht ersichtlich ist, wer wie viel von dem Milchpreis abbekommt.

Höherer Preis könnte Investitionen für Tiere ermöglichen

Verbraucherin Bettina Dreher ist es wichtig, dass die Landwirte genügend Geld bekommen, sodass sie davon leben können, vielleicht sogar Investitionen im Sinne ihrer Tiere machen können. "Die Wertschätzung fehlt sonst einfach völlig. Dies ist eine Möglichkeit, im Kleinen etwas an der Situation zu verändern", sagt sie. Außerdem fände sie es gewinnbringend, erstmalig die Kriterien mitbestimmen zu können, nach denen die Milch produziert wird.

Jutta Carlsen ist vor allem die Transparenz wichtig. Auf der Milchtüte könne man direkt sehen, wer wie viel Geld von dem Literpreis erhält. "Ich möchte einfach zu einer besseren Ernährung und Landwirtschaft beitragen", sagt sie.

Horster Meierei vertreibt die Verbrauchermilch

Von links nach rechts: In der Horster Meierei: Verbraucherinnen Jutta Carlsen, Bettina Dreher, Vorstand der Horster Meierei Achim Bock, Mitbegründer der Initiative "Du bist hier der Chef" Nicolas Barthelmé. © NDR Foto: Janina Harder
In der Horster Meierei wird die Milch abgefüllt.

Dass das Kollmarer Landwirtpaar die Verbrauchermilch in Schleswig-Holstein anbieten kann, hat die Meierei Horst möglich gemacht, eine handwerkliche Genossenschaftsmeierei, die auch mit im Boot ist. Dort füllt Achim Bock seit drei Wochen die Milch ab und transportiert sie zu Supermärkten in Elmshorn und Kiel. Die ersten Märkte, die die Verbrauchermilch in ihren Regalen haben. "Für mich ist das ein tolles Projekt, weil der Verbraucher bestimmt, wie die Milch sein soll", sagt der Vorstand der Genossenschaftsmeierei. "Die meiste Milch, die man kauft, ist halt länger frisch - und hier hat der Verbraucher entschieden: 'Nein, wir wollen eine geschmackvolle, pasteurisierte, frische Vollmilch.' Und genau das bekommt er von uns." Das unternehmerische Risiko trägt die Meierei. "Aber die Erfahrungswerte aus Hessen sind gut", sagt Achim Bock. Man sei daher positiver Hoffnung.

Meierei füllt derzeit 800 Liter pro Woche ab

Und die Zahlen in den ersten drei Wochen geben ihm Recht: 800 Liter füllt die Meierei Horst momentan pro Woche ab. Sie wird bislang gut angenommen, findet immer genügend Abnehmer. Der Gründer, die Landwirte und die Meierei: Sie alle hoffen, dass sich die Verbrauchermilch in Schleswig-Holstein noch weiter verbreitet und mehr Supermärkte, Landwirte und Meiereien dazukommen werden.

Und es gibt schon weitere Produkte, über die die Verbraucher künftig abstimmen können. Kartoffeln, Butter und Mehl zum Beispiel. Das nächste Produkt, das es auf absehbare Zeit in Schleswig-Holstein geben wird, sind die sogenannten Verbrauchereier. Auch dafür stehen Thies Thamling und seine Frau Ines schon in den Startlöchern - mitsamt ihrem Bioei-Hühnermobil.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.12.2021 | 19:30 Uhr

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