Trauma durch Gewalt: Betroffene kehren nach 50 Jahren zurück

Stand: 19.06.2021 06:00 Uhr

In der Nachkriegsgeneration wurden viele Kinder im Sommer in Heime geschickt, um sich zu erholen. Doch stattdessen erleben viele psychische und physische Gewalt - die bis heute Spuren bei den Betroffenen hinterlassen hat.

von Laura Albus

Er war fünf Jahre alt, als er "ans Ende der Welt" verschickt wurde. Das zumindest dachte Jörg Römer vor 46 Jahren, als er ohne Eltern von Baden-Württemberg aus nach St. Peter-Ording geschickt wurde. Der Kinderarzt hatte Lungenprobleme diagnostiziert, weshalb seine Eltern ihn in eines der sogenannten Erholungsheime sendeten. Fünf Wochen blieb er dort - eine Zeit, die den Mann bis heute prägt - denn er hat dort verschiedene Arten von Gewalt erlebt.

Demütigung statt Erholung

Es ist kein Einzelschicksal, von dem der heute 51-Jährige berichtet. Jörg Römer gehört zu einer Gruppe aus neun Betroffenen, die alle als Kinder nach St. Peter-Ording verschickt wurden und sich im Juni dort auf Spurensuche begeben haben. Alle neun haben psychische, teils physische Gewalt erlebt. Toilettenverbot und anschließende Bloßstellung mit dem eingenässten Bettlaken. Der Zwang, den Teller aufzuessen. Das Verbot, Spielsachen zu nutzen.

"Ich habe jede Nacht in meinem Erbrochenen gelegen, ich wurde hier gequält." Opfer Jörg Römer

Die Berichte der Betroffenen ähneln sich stark. Die Heime waren oft betrieben von Privatpersonen, aber auch von kirchlichen Institutionen und Krankenkassen. Schätzungsweise 8 Millionen Verschickungskinder gab es von den 1950ern bis in die 80er-Jahre, offizielle Zahlen dazu gibt es bisher nicht.

Zum ersten Mal zurück

Jörg Römer (l.) und Stefan Braunisch.
Fünf Tage lang besuchten Jörg Römer und Stefan Braunisch verschiedene Orte in ganz St. Peter-Ording.

Kennengelernt hat sich die Gruppe vergangenes Jahr, über die Initiative Verschickungskinder, bei der die Betroffenen Zeugnis ablegen und sich miteinander vernetzen können. Die neun, die in St. Peter-Ording aufeinander treffen, sehen sich dort zum ersten Mal. Ihr Ziel: mehr erfahren über das, was ihnen damals widerfahren war. Und auch, um sich gegenseitig Halt zu geben. Denn für viele ist es das erste Mal, dass sie an den Ort des Geschehens zurückkehren. Jörg Römer hat die Geschehnisse von damals noch genau vor Augen. Er zieht einen Stoffhasen aus seiner Tasche, den er kurz vor seinem Aufenthalt in St. Peter-Ording geschickt bekommen hatte. Dem Stofftier fehlen Nase und Mund, er wurde an mehreren Stellen zusammengeflickt. Für Jörg Römer ist er ein Symbol für die Zeit im Heim: "Im Prinzip sieht er ein bisschen so aus wie die Seele von mir, als ich zurückkam."

Inhalt der Briefe wurde vorgegeben

Jörg Römer hatte sich bereits aus der Kur heraus an die Eltern gewendet - beziehungsweise es zumindest versucht. Denn statt ehrlich beschreiben zu können, wie es ihm geht, wurden die Briefe direkt von den Betreuerinnen verfasst. Er selbst konnte ja damals noch nicht schreiben. In Bildern zeichnete er, wie es ihm ging. Menschen mit großen Händen vor einem kleinen Kind. Ein Hilferuf, wie er heute sagt. Und auch den Inhalt bestimmten die Frauen. "Es geht mir gut. Ich habe kein Heimweh! Die Sonne lacht."

"Und dann saß ich anschließend alleine da, beobachtet von den Tanten, dass ich das Erbrochene wieder aufesse." Opfer Stefan Braunisch

Die Briefe von damals hat er heute noch, alle Unterlagen gesammelt in einem roten Ordner. Kindern werde zu wenig geglaubt, sagt er heute. "Was greifst du Menschen an, die dir Gutes tun wollten?" bekam er damals zu hören. Etwas, das er sich heutzutage nur schwer vorstellen kann.

Aufmerksam durch Berichterstattung

Wenige Kilometer weiter war auch Stefan Braunisch im Heim, im Haus Köhlbrand - das heute leer steht. Auch er hat einen Großteil seines Lebens versucht, die Geschehnisse von damals zu verdrängen. Durch die Berichterstattung, auch durch den NDR, wurden immer mehr Betroffene auf das Thema Verschickung aufmerksam. Und meldeten sich als Betroffene. Stefan Braunisch berichtet: "Ich wurde da gemästet. Bis ich es wieder hochgewürgt habe. Und dann saß ich anschließend alleine da, beobachtet von den Tanten, dass ich das Erbrochene wieder aufesse." Auf die Idee gekommen, darüber zu sprechen, wäre er nach eigenen Angaben nie.

"Dir glaubt ja keiner. Man ist als Kind in einer schwachen Position." Opfer Jörg Römer

Fünf Tage besuchen die Betroffenen verschiedene Orte in ganz St. Peter-Ording, mal nur für sich und mal alle miteinander. Ganz alleine sei aber niemand gewesen, berichten mehrere Betroffene - per SMS wurde sich nach dem Befinden erkundigt. Im Museum, in Archiven, vor Ort in Gesprächen mit den Einwohnern wollen die Betroffenen ihre persönliches Puzzle zusammensetzen. Und vor allem auch in der Trauma-Verarbeitung neue Meilensteine setzen. Denn auch wenn der Aufenthalt mit einigen Wochen im Verhältnis zum Alter der Betroffenen kurz war - die Spuren in der Seele wirken nach. Bindungsängste, Alkoholismus und auch Suizidgedanken.

Ausstellung zu Verschickungen in Planung

Die Bandbreite dessen, was der Sommer in St. Peter-Ording mit den Kindern gemacht hat, ist groß. Fünf Tage spricht die Gruppe mit vielen verschiedenen Akteuren vor Ort und auch immer wieder untereinander. Nicht nur über die Zeit damals, sondern immer öfter auch über die Zukunft. So beschließt Stefan Braunisch, im Anschluss an die Reise eine Therapie beginnen zu wollen. Jörg Römer hat sich seiner Angst gestellt, das ehemalige Heimgebäude zu betrachten. Und die gesamte Gruppe hat sich zusammen mit dem Museum der Landschaft Eiderstedt dazu entschlossen, das Thema in einer Ausstellung zu widmen. Die Arbeit dafür wird für die Betroffenen ein weiteres Puzzleteil in ihrer Trauma-Aufarbeitung sein.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 19.06.2021 | 19:30 Uhr

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