Ein Arzt macht Notizen, während er telefoniert. © Imago/Westend61 Foto: Westend61

UKSH: Weiterbildung hilft gegen Ärztemangel - auch auf dem Land

Stand: 14.09.2022 05:00 Uhr

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck bietet ein spezielles Weiterbildungsprogramm für studierte Medizinerinnen und Mediziner, die nicht in ihrem Job arbeiten. Darunter sind Ärztinnen, die nach Erziehungszeiten wieder in ihren Beruf einsteigen wollen sowie Mediziner aus dem Ausland, die sich für ihre Arbeit in Deutschland vorbereiten. Ziel ist es, die Fachkräfte möglichst schnell fit für die Krankenhäuser und Arztpraxen zu machen - vor allem auf dem Land werden sie gebraucht.

von Astrid Wulf

Der Arzt Briyank Gosai macht sich Notizen. Der Mann, der ihm gegenübersitzt, atmet schwer, hält sich die Brust. Seit diesem Morgen habe er starke Schmerzen. Der Arzt fragt nach: "Wie stark ist der Schmerz auf einer Skala, wenn eins niedrig ist und zehn sehr stark?" Der Patient stöhnt: "Acht vielleicht." Briyank Gosai tastet ihn auf der Liege ab. "Sie haben ein bisschen Herzrasen, stimmt’s?" Ein Blick auf das EKG, dann die Verdachtsdiagnose: ein Herzinfarkt.

Wissenstests mit simulierten Patientengesprächen

Dies ist kein echter medizinischer Notfall, sondern ein Test. Der vermeintliche Herzpatient ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am UKSH, Arzt Briyank Gosai Teilnehmer der Weiterbildung "LandärztInnen Nord 2.0". Hier soll er zeigen, was er in den Seminaren der vergangenen zwei Wochen gelernt hat. "Die Patientenführung haben Sie sehr gut gemacht", urteilt Prüfer Ruben Zwierlein zufrieden. "Mit der Diagnose haben Sie ihren Patienten ein bisschen überfordert, haben aber alles gut erklärt."

Dringend gebraucht: Nachfolger für Landärztinnen und -Ärzte

Ein Mann hört eine liegnede Person ab, mit einem Stethoskop. © NDR Foto: Astrid Wulf
In der Lübecker Uniklinik läuft gerade ein spezielles Weiterbildungsprogramm: Das UKSH bildet gezielt Menschen weiter, die Medizin studiert haben, aber aktuell nicht in ihrem Job arbeiten.

Die meisten der zwölf Kursteilnehmenden kommen nicht aus Deutschland - wie der 27-jährige Briyank Gosai. Er wurde in Indien geboren, hat dort Medizin studiert und lebt seit anderthalb Jahren hier. Er nutze die Weiterbildung, um seine Kenntnisse aufzufrischen. Mit dabei sind auch drei deutsche Ärztinnen, die nach längeren Pausen wieder in ihren Job einsteigen wollen. Ziel der Weiterbildung ist es, die Teilnehmenden schnell fit für die Arbeit in den Krankenhäusern und Arztpraxen und ihnen nebenbei auch Lust aufs Landleben zu machen. "Ein Drittel der Kolleginnen und Kollegen im Bereich Allgemeinmedizin ist über 60 Jahre alt", sagt Prof. Jost Steinhäuser, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin. "Von daher ist das Thema Ärztebedarf im ländlichen Raum relevant - aber nicht nur. Trotzdem richten wir uns auf den ländlichen Raum aus, weil man hier auch am breitesten qualifiziert sein muss."

Gerade Wiedereinsteigerinnen zweifeln oft an ihren Fähigkeiten

Schon zum Auftakt der Weiterbildung mussten sich die Teilnehmenden bei simulierten Patientengesprächen beweisen. Auch, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo sie stehen, wo sie noch Wissenslücken haben. Angesichts dieser Prüfungssituationen werden viele der Teilnehmenden sehr nervös. Sie seien aber sehr wichtig, sagt Institutsleiter Prof. Jost Steinhäuser. Nicht nur, um ein Gefühl für den Wissenstand der Teilnehmenden zu bekommen - auch, um ihr Selbstvertrauen zu stärken. "Da lernen viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer früh, dass sie gar nicht so viel vergessen haben." Dazu machen ihnen die Seminarleiterinnen und Seminarleiter Mut und bestärken gerade die Frauen, die sich nach häufig langjährigen Pausen trauen, wieder in ihren Job einzusteigen.

Kursteilnehmer Gosai: "Patienten erwarten von Landärzten, dass sie viel wissen"

Zuhörer sitzen einem medizinischen Erstgespräch bei. © NDR Foto: Astrid Wulf
Ein Ziel dieser Weiterbildung ist es, diese Fachkräfte möglichst schnell fit für die Krankenhäuser und Arztpraxen zu machen.

Nach der Prüfung und dem wohlwollenden Urteil seines Prüfers ist Briyank Gosai zufrieden mit sich - auch wenn er in seiner Nervosität vergessen hat, seinem Patienten einige wichtige Fragen zu stellen. Nun stehen für ihn und die anderen Teilnehmenden bis zu dreimonatige Praktika in Arztpraxen und Krankenhäusern auf dem Programm. Briyank Gosai plant, zunächst in einer Klinik zu arbeiten und dort Erfahrungen zu sammeln. Irgendwann hätte er gern eine eigene Praxis - möglicherweise sogar auf dem Land. "Die Luft ist besser", sagt er grinsend. Dazu gefällt ihm die Vorstellung, seine Patientinnen und Patienten gut zu kennen, sie länger zu begleiten - und die Abwechslung. "Als Arzt im Dorf muss man schon ein bisschen Kenntnis von allem haben, weil es keinen anderen Facharzt gibt. Der Patient erwartet das auch."

Mehr als die Hälfte der ehemaligen Teilnehmenden arbeiten in Praxen und Krankenhäusern

Die auf maximal drei Jahre angelegte Förderung des Landes läuft aus, deshalb wird es die Weiterbildung "Landärzt*innen Nord 2.0" am UKSH Lübeck voraussichtlich nicht mehr geben. Das Konzept wollen die Projektleitenden jedoch Ärztekammern zur Verfügung stellen, damit beispielsweise andere Kliniken den Kurs anbieten können. Projektleiter Ruben Zwierlein vom UKSH zieht eine positive Bilanz: "Ich bin stolz, wie sich die Teilnehmenden geschlagen haben." Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte aus den vergangenen beiden Projekt-Durchgängen würden mittlerweile in einer Praxis oder einem Krankenhaus arbeiten - einige von ihnen auf dem Land.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 13.09.2022 | 19:40 Uhr

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