Trendsport Schach: Damengambit in Elmshorn

Stand: 23.01.2021 13:43 Uhr

Seit fünf Jahren trainiert Natasa Strizak im Elmshorner Schachclub vor allem Mädchen und Frauen. Eine wichtige Arbeit für die Jugendweltmeisterin von 1991, denn gerade hier hat die Schachlandschaft in Schleswig-Holstein und auch bundesweit Nachholbedarf.

von Hannah Böhme

Schachtrainerin Natasa Strizak hat es sich auf einem Stuhl im Elmshorner Haus der Begegnung bequem gemacht. Vor ihr auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop. Darauf zu sehen ist ein digitales Schachbrett. Beim Elmshorner Schachclub läuft das Training im Moment Corona-bedingt nur online. "Kannst du mir etwas über diesen Zug sagen?", fragt die 47-Jährige in die Laptop-Kamera und rückt mit der Maus einen ihrer Bauern aus der Mitte zwei Felder vor. "D4 ist ein normaler Entwicklungszug und nimmt das kleine Zentrum ein", lautet die Antwort der 15 Jahre alten Schülerin, die über den geteilten Bildschirm sieht, was passiert.

Männerdominierte Schachlandschaft in SH und Deutschland

Im Elmshorner Schachclub ist etwa ein Drittel der knapp 220 Mitglieder weiblich. Das ist eine vergleichsweise gute Quote, die nicht viele Vereine erreichen. Nach Angaben des Schleswig-Holsteinischen Schachverbandes (SHSV) ist von den etwa 2.600 Vereinsmitgliedern im Land nur etwas mehr als jedes zehnte ein Mädchen - beziehungsweise eine Frau. Bundesweit liegt die Quote sogar noch darunter.

Paradox vor dem Hintergrund, dass das Brettspiel eigentlich eine ziemlich emanzipierte Spielidee verfolgt: Schließlich ist die Dame eine der stärksten Figuren auf dem Feld. Gründe sehen der SHSV und andere Experten unter anderem in der Geschichte der Sportart: Früher sei Schach vor allem von Akademikern und Wissenschaftlern gespielt worden, fast ausnahmslos also von Männern. Frauen dagegen hätten kaum Zugang zu der Sportart gehabt.

Mädchenabteilung mit stetigem Zuwachs in den vergangenen Jahren

Um die Geschlechterlücke in der Sportart zumindest zu verkleinern, haben Natasa Strizak und der Elmshorner Schachclub vor fünf Jahren eine eigene Mädchen- und Frauenabteilung gegründet. Anders als in vielen anderen Vereinen trainieren die Mädchen und Frauen hier alleine, Jungs oder Männer sind in den Einheiten nicht dabei - auch in den momentan stattfindenden Online-Einheiten nicht. Ein offenbar funktionierender Ansatz: "Unsere Frauenzahl steigt weiterhin", berichtet Heiko Spaan, Leiter der Schachabteilung, mit Blick auf die Mitgliedszahlen im Frauenbereich. Trotz Lockdown sei die Zahl im vergangenen Jahr erneut gestiegen, wenn auch nur leicht.

Schachsport erlebt Boom in Corona-Zeiten

Aber nicht nur Frauen und Mädchen haben 2020 ihren Weg zum Elmshorner Schachclub gefunden. Geschlechterübergreifend habe man einen echten Boom nach dem ersten Lockdown erlebt, so Spaan. Als kaum andere Aktivitäten möglich waren, hätten viele angefangen im Internet Schach zu spielen, erklärt er. Und er erzählt von einem Anfänger, der mehr als 20.000 Partien im Netz absolviert hatte, bevor er in sein allererstes Training kam. Vielen Neulingen sei es darum gegangen, dann auch mal gegen "echte, wahre Menschen" zu spielen, erzählt er - also von Angesicht zu Angesicht.  

Schachverband hofft auf Zuwachs in Vereinen durch Netflix-Serie  

Für den Schleswig-Holsteinischen Landesverband waren nicht nur die Corona-Monate im vergangenen Jahr ausschlaggebend für das große Interesse an dem Sport. Dazu beigetragen habe vor allem auch die Netflix-Überraschung "Das Damengambit". Eine Serie über eine junge Schachspielerin aus den USA, die sich in der männerdominierten Schachwelt bis an die Spitze spielt. Ein "riesiger Erfolg" erklärt Ullrich Krause, Vizepräsident des Schachverbandes in Schleswig-Holstein und gleichzeitig Präsident des Bundesverbandes. Schachhändler meldeten seinen Angaben zufolge zehn Mal so viele Bestellungen und hätten zum Teil Lieferprobleme. Er ist optimistisch, dass die Serie dazu führt, dass viele Spielerinnen und Spieler Online-Schach gegen Vereinsschach tauschen, sobald das möglich ist.

Schach ist mehr als nur Sport

Auch Natasa Strizak vom Elmshorner Schachclub würde sich freuen, wenn die Online-Einheiten gegen Präsenztraining eingetauscht würden. In ihren Trainingseinheiten vor allem mit den Mädchengruppen geht es um mehr als "nur" Schach. "Wir arbeiten auch am Selbstbewusstsein der Mädchen: Ich kann was, ich möchte was bewegen. Es ist uns sehr wichtig, die Persönlichkeit der Mädchen zu entwickeln", so die 47-Jährige. Und das geht vis-à-vis doch ein bisschen besser als über den Laptop.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.01.2021 | 19:30 Uhr

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