Stand: 05.12.2019 20:22 Uhr

Traumatisierte Flüchtlinge finden Ruhe in SH

von Frauke Hain und Christian Schepsmeier

Menschen, die aus Syrien und afrikanischen Ländern wie Somalia, Eritrea und dem Sudan fliehen, haben zum Teil extreme Schicksale erlebt. Viele Frauen sind vergewaltigt worden oder haben auf der Flucht ihre Kinder verloren. Neben psychischen Erkrankungen gibt es auch Krebskranke und unterernährte Kinder.

Schleswig-Holstein nimmt in einem Landesaufnahmeprogramm besonders gefährdete Menschen auf. Bis Mitte 2021 sollen es insgesamt 500 sein - vor allem Frauen und Kinder. In den vergangenen Monaten hatten Vertreter des Innenministeriums in Kiel zusammen mit dem UNHCR, dem Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen, die Personen in einem Flüchtlingslager in der ägyptischen Hauptstadt Kairo ausgewählt. Dort waren die Menschen nach ihrer Flucht gestrandet.

Psychiaterin stellt sich auf Überstunden ein

Im Dezember kommen 32 Frauen, 9 Männer sowie 44 Kinder und Jugendliche. Die ersten 22 erreichten Schleswig-Holstein am Donnerstagabend. Nach einem Flug von Kairo nach Berlin wurden sie zunächst in die Landeserstaufnahmeunterkunft in Boostedt (Kreis Segeberg) gebracht. Eine Delegation aus Boostedt reiste in die Hautpstadt, um die Menschen abzuholen. Mit dabei war eine Ärztin, die sich um die medizinische Betreuung kümmert. In Boostedt wurde für die Neuankömmlinge ein ganzes Gebäude vorbereitet. Hier sollen die Menschen erst einmal zur Ruhe zu kommen.

Das Ärzteteam in Boostedt ist es gewohnt, sich auf besondere Fälle einzustellen. Die Ärzte und eine Psychiaterin stellen sich auf Mehrarbeit und Überstunden ein. Sie kennen von den Vereinten Nationen bereits medizinische Details der Ankommenden. "Gerade zum Thema sexuelle Gewalt sind wir sehr sensibel geworden, weil wir festgestellt haben, dass das während der Flucht sehr oft der Fall ist", erzählt der Leiter der Arztpraxis, Dr. André Kröncke. Und dann werde geschaut, ob eine langfristige Therapie nötig ist.

Sozialsenator Schindler: Lübeck muss Kredit aufnehmen

Boostedt soll nur ein kurzer Zwischenstopp sein für die Flüchtlinge. Nach Angaben des Innenministeriums sollen sie im Januar auf Städte und Kommunen verteilt werden. Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, dass Kliniken in der Nähe sind, damit sich Spezialisten um die Erkrankungen kümmern können. Lübeck zum Beispiel will 15 der ersten 85 Ankömmlinge aufnehmen. Der Lübecker Sozialsenator Sven Schindler (SPD) befürwortet das neue Landesaufnahmeprogramm. Es sei eine Pflicht und Verantwortung, die gerne übernommen werde.

Die Aufnahme sei allerdings nur der erste, kleine Schritt - danach komme die jahrelange Integrationsarbeit, die in den Kommunen passiert. Bund und Land würden sich aus der finanziellen Verantwortung ziehen, ärgert sich Schindler. Für die Integrationsarbeit sei nicht genügend Geld da -  das müsse durch Kredite ausgeglichen werden, so Schindler. "Wir sind gerne bereit, die Menschen aufzunehmen. Im nächsten Jahr ist es aber eine Million weniger, die vom Land kommt. Da erwarten wir deutlich mehr, dass wir diese Aufgabe auch professionell meistern können."

EU zahlt 10.000 Euro pro Flüchtling

Nach Angaben des Innenministeriums laufen zurzeit Verhandlungen zwischen Land und Kommunen, um unter anderem die finanzielle Ausstattung im Bereich der Flüchtlingskosten zu erörtern. Sowohl die Aufnahme als auch die Integrationskosten will das Land aber kostendeckend mitfinanzieren - zusammen mit dem Bund, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Das Land sei dabei bereits aber an die Grenzen seiner Möglichkeiten gegangen.

Die Anschubfinanzierung zahlt die Europäische Union. Pro Flüchtling gibt es 10.000 Euro für das Land. 6.000 Euro davon gehen an die Kommunen, die die Menschen aufnehmen.

Flüchtlinge dürfen für immer bleiben

Es wird einige Jahre dauern, bis die Menschen so weit integriert und gesund sind, dass sie ins Erwerbsleben eintreten können, meint Norbert Scharbach, der Leiter der Abteilung Integration und Zuwanderung im Innenministerium. Geplant ist aber, dass die ausgewählten Menschen für immer in Schleswig-Holstein bleiben werden. "Die Bleibeperspektive ist eine sehr gute. Sie kommen als Flüchtlinge hier her - alle Papiere sind attestiert. Und deswegen dürfen sie für unbegrenzte Zeit bleiben. Das ist eine Perspektive auf Dauer, die hier eingeräumt wird", so Scharbach. Der Verfassungsschutz hat durch Sicherheitsbefragungen im Voraus die Identität der Menschen überprüft. "Sonst würden sie gar nicht zu uns kommen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 05.12.2019 | 12:00 Uhr

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