Stand: 28.01.2019 17:01 Uhr

Streit um das Abwasser aus dem AKW Brunsbüttel

von Nikolai Hotsch, Jörn Schaar und Jörg Jacobsen

Als erstes der drei Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein wird das AKW in Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) abgebaut. Atomkraftgegner begrüßen das grundsätzlich, sehen aber auch Risiken. Betreiber Vattenfall will größere Mengen radioaktiv belastetes Abwasser in die Elbe einleiten. Während des Rückbaus braucht Vattenfall vor allem Wasser, um nicht mehr benötigte Teile aus dem Kraftwerk zu dekontaminieren. Der vom Umweltministerium festgelegte Wert liegt zwar unterhalb der gesetzlichen Höchstgrenze, ist aus Sicht der Kritiker aber trotzdem zu hoch. "Wir haben die Befürchtung, dass durch die Einleitungsmengen eine Gefahr für die Gesundheit von Menschen besteht", sagt Harald Zahrte (parteilos), Bürgermeister der niedersächsischen Samtgemeinde Land Hadeln bei Cuxhaven. Er und Atomkraftgegner kritisieren das Verfahren und die Kommunikation von Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne).

Beantragte Werte zum Teil exakt übernommen

Schon während des jahrelangen Genehmigungsverfahrens hatten Atomkraftgegner, Umweltverbände und Kommunalpolitiker die Pläne von Vattenfall kritisiert und darauf gehofft, dass die Atomaufsicht die Werte absenkt. Kurz vor Weihnachten überreichte der grüne Umweltminister Jan Philipp Albrecht, zu dessen Ressort die Atomaufsicht gehört, die Genehmigung an Vattenfall. Während der Pressekonferenz sprach Albrecht von einer "vollständigen Neuregelung der zulässigen radioaktiven Ableitungen", von einer "teilweise deutlichen Reduzierung" und davon, dass das Ministerium die gewünschten Werte von Vattenfall für die Luft und das Wasser "keineswegs blindlings übernommen" habe.

Wer sich den 700 Seiten starken Genehmigungsbescheid durchliest, stellt fest: Bei der Ableitung radioaktiver Stoffe in die Luft hat das Ministerium die zulässigen Werte tatsächlich reduziert. Beim Wasser hingegen wurden die Werte von Vattenfall exakt übernommen. Es heißt sogar explizit im Bescheid: "Die zulässige Ableitung radioaktiver Stoffe mit dem Wasser bleibt unverändert."

Bürgermeister: "Das ist Schönfärberei"

Mit gemischten Gefühlen reagiert Atomkraftgegner Karsten Hinrichsen aus Brokdorf (Kreis Steinburg) auf die Entscheidung in Kiel. Er sagt, es mache ihn traurig, dass die Genehmigungsbehörde die beantragten radioaktiven Ableitungen in die Elbe gar nicht reduziert habe. Bürgermeister Harald Zahrte aus Niedersachsen findet: "Das ist Schönfärberei. Ein klares Interesse des Umweltschutzes müsste man gerade von einem grünen Minister eigentlich erwarten können."

Grüne in Niedersachsen üben Kritik

Das Thema beschäftigt auch Albrechts Parteikollegen in Niedersachsen. Die Grünen sitzen im Landtag in Hannover allerdings in der Opposition und sagen, sie hätten sich von der niedersächsischen Landesregierung mehr Engagement in der Frage gewünscht. "Hier hat es die Landesregierung versäumt, auf niedrigere Einleitungen zu drängen", sagt die grüne Landtagsabgeordnete aus dem Landkreis Cuxhaven, Eva Viehoff. Die Grünen südlich der Elbe schauen noch aus einem anderen Grund gespannt nach Norden. Der neue Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung ist nämlich einer von ihnen: Albrecht stammt aus Niedersachsen und war dort nach eigenen Angaben auch in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv.

Albrecht: "Vielleicht missverständlich ausgedrückt"

Auf Nachfrage von NDR Schleswig-Holstein räumt der Minister ein, dass nicht sämtliche Werte neu seien. "Wenn die Aussage 'komplette Neuregelung' suggeriert, dass alles anders ist, dass alle Werte anders sind, dann war das vielleicht missverständlich ausgedrückt", sagt Albrecht im Interview mit dem NDR. "Das tut mir Leid. Den Eindruck wollte ich nicht erwecken. Wir haben strengste Anforderungen angelegt. Genau das wollte ich auch wiedergeben."

Atomaufsicht: Werte müssen so niedrig wie möglich sein

In dem Abwasser darf zukünftig pro Jahr genau so viel Radioaktivität enthalten sein wie während des Betriebs, als sich noch Brennstäbe im Reaktor befunden haben. Der Leiter der Atomaufsicht im Kieler Umweltministerium, Jan Backmann, spricht von einer "aufgeregt geführten Debatte". Er sagte NDR Schleswig-Holstein, es gebe beim Abwasser kein Kriterium, nach dem man die Grenzwerte für Radioaktivität hätte herabsetzen können. "An einer bestimmten Stelle müssen alle ein Stück auch damit leben, dass es gesetzliche Vorschriften gibt", sagt Umweltminister Albrecht. Er und Backmann setzen vor allem auf das Strahlenminimierungsgebot. "Der Betreiber muss alles unternehmen, um diese Werte maximal möglich zu unterschreiten", sagt Backmann. "Wir rechnen damit, dass die Größenordnung maximal so bleibt wie im Leistungsbetrieb. Würde sie höher werden, würden wir aufsichtlich eingreifen."

Vattenfall: Abwasser wird gereinigt

Vattenfall will nach Angaben einer Sprecherin bei der Dekontamination zum Beispiel Wasser sparen, indem einige Bauteile aus dem Kraftwerk abgeschliffen oder abgerieben werden. Sollte das Unternehmen die beantragten und genehmigten Werte langfristig nicht benötigen, könnte das Ministerium sie nach eigenen Angaben herabsetzen.

Die entstehende Abwassermenge kann laut Vattenfall bis zu 12.000 Kubikmeter pro Jahr betragen. Außerdem befinden sich im Reaktor noch etwa 4.000 Kubikmeter Wasser. "Dieses wird zur Zeit noch als 'Abschirmung' für Arbeiten unter Wasser benötigt, zum Beispiel beim Zerschneiden von aktivierten Teilen", teilt Vattenfall-Sprecherin Barbara Meyer-Bukow auf Nachfrage mit. "Wenn es nicht mehr benötigt wird, wird auch dieses Wasser gereinigt und an die Elbe abgegeben." Medienberichte und Beiträge in sozialen Netzwerken, wonach Vattenfall kontaminiertes Wasser ungereinigt in die Elbe leiten würde, bezeichnete sie als falsch.

Wie groß ist das Risiko?

Höhere Ableitungswerte erlauben Vattenfall unter Umständen einen schnelleren Rückbau und können drohende Zwangspausen vermeiden. "Es steht nicht geschrieben, wie viele Jahre sie die Einleitung planen. Wenn Brunsbüttel plant, deutlich schneller fertig zu werden, können sie pro Jahr deutlich mehr einleiten", sagt Jens Dischinger vom Norddeutschen Seminar für Strahlenschutz an der Uni Kiel. Der Experte hält das Strahlungsrisiko für "vernachlässigbar gering". "Jede Einwirkung von Strahlung bedeutet ein Risiko. Diese Zahlenwerte sehen erst einmal sehr hoch aus, es sind aber auch riesige Wassermengen, die da durchgehen", so Dischinger im Interview mit NDR Schleswig-Holstein.

Atomkraftgegner prüfen Klage

Die Kritiker überzeugt das nicht. "Vattenfall unterliegt wirtschaftlichen Gesetzen", sagt Bürgermeister Harald Zahrte aus Niedersachsen. "Ich habe Unternehmen so kennengelernt, dass sie schon manchmal das ausnutzen, was möglich ist - einfach, weil es wirtschaftlicher ist." Atomkraftgegner Karsten Hinrichsen überlegt sogar, zusammen mit dem BUND gegen den Bescheid aus dem Kieler Umweltministerium zu klagen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.01.2019 | 19:30 Uhr

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