Stand: 15.03.2019 11:00 Uhr

Ostsee: Streit um Sprengversuche geht weiter

von Julia Weigelt

Eine ausgemusterte Fregatte der Bundeswehr soll beschossen werden, um Erkenntnisse zur Schiffssicherheit zu gewinnen. Die Versuche vor der schleswig-holsteinischen Ostseeküste mussten - auch wegen Protesten von Anwohnern - schon zwei Mal verschoben werden.

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Die ausgemusterte Fregatte "Karlsruhe" wird für die Sprengversuche genutzt.

Ingo Ludwichowski vom NABU Schleswig-Holstein ist sauer. Der Umweltschützer ist verärgert über die Bundeswehr. Er wollte mit den Verantwortlichen im Verteidigungsministerium über die geplanten Ansprengungen in der Ostsee sprechen. Die Bemühungen waren jedoch vergeblich. "Wir kennen den Umgang mit staatlichen Behörden, wo man doch im Allgemeinen einen sehr offenen Austausch darüber pflegt", sagt Ingo Ludwichowski. "Die Geheimnistuerei und die Ablehnung einer öffentlichen Auseinandersetzung dieser Thematik ist heutzutage nicht nachvollziehbar."

Schiffssicherheit soll verbessert werden

Die Bundeswehr will die ausgemusterte Fregatte "Karlsruhe" Unterwasserdetonationen aussetzen. Offenbar werden dabei auch bis zu 500 Kilogramm schwere Minen zur Explosion gebracht. Genaue Angaben zur Sprengkraft will die Bundeswehr nicht machen. Sie beruft sich dabei auf die Geheimhaltung. Getestet werden soll, welche Schäden bei Material und Besatzung entstehen, wenn an einem Marineschiff etwa eine Seemine explodieren würde. Ziel ist es, Messdaten zu gewinnen, um letztlich die Sicherheit der Soldaten an Bord von Schiffen zu erhöhen.

Nach Angaben der Bundeswehr werden bis zu sechs Ansprengungen mit steigender Stärke durchgeführt. Die ausgemusterte Fregatte werde nicht von anderen Schiffen oder von Flugzeugen unter Beschuss genommen, bekräftigt die Bundeswehr schriftlich auf Anfrage von NDR Info. Allerdings wird eingeräumt:

"Im Rahmen einer anschließenden zweiten Versuchsreihe soll das Schiff in ausgewählten Bereichen oberhalb der Wasserlinie beschossen werden. Dabei geht es ausschließlich um Waffen, die von einzelnen Personen getragen bzw. eingesetzt werden können." Stellungnahme der Bundeswehr

 

Wasserfontäne unmittelbar vor der Korvette Braunschweig. © Bundeswehr Foto: Mueller/Struck

Streit um Sprengversuche in der Ostsee

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Die Themen der Sendung: Streit um Sprengversuche in Ostsee | Bundesregierung will Richtlinien für Rüstungsexporte überarbeiten | Französische Marine will neuen Flugzeugträger.

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Kritik an den Versuchen

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Auch moderne Schiffe - wie hier die Korvette "Braunschweig" - sind durch Seeminen gefährdet.

Zwei Mal sind die Versuche bereits verschoben worden. Im Mai vergangenen Jahres gab es technische Probleme. Und im Herbst 2018 wurden die Versuche verschoben, weil sich die Bundeswehr noch mit anderen Stellen abstimmen wollte. Es hatte Kritik an den geplanten Versuchen gegeben - auch von der Landesregierung in Kiel.

Der NABU Schleswig-Holstein sieht die Tests vor Schönhagen im Kreis Rendsburg-Eckernförde kritisch. Die Umweltschützer befürchten Schäden für Tiere an Land und im Wasser. Unter anderem Uferschwalben an der Steilküste, Laichgebiete des Ostseedorsches und Schweinswale seien gefährdet.

Jens Greinert vom Kieler Forschungszentrum Geomar befürchtet, dass Teile des krebserregenden Sprengstoffs TNT über Fische in die Nahrungskette gelangen. Zugleich interessiert sich der Wissenschaftler für die Auswirkungen der Sprengungen auf die Wasserqualität. Diese Ergebnisse wären auch für den Kampfmittelräumdienst interessant. Denn in der Ostsee liegt noch tonnenweise versenkte Altmunition aus dem Zweiten Weltkrieg, mit der die Kampfmittelräumer noch lange beschäftigt sein werden.

Schutzmaßnahmen der Bundeswehr

Nach Angaben der Bundeswehr sind Schutzmaßnahmen für Fische und Meeressäuger geplant. So werde ein Schutzkordon mit akustischen Signalgebern ausgebracht. Außerdem werde es vor der eigentlichen Sprengung zum Einsatz von kleinen Scheuchladungen kommen. Zudem wird das Seegebiet während des Tests beobachtet. Es werde nicht gesprengt, solange Meeressäuger im Umkreis von zwei Seemeilen festgestellt würden, heißt es.

Kieler Landesregierung wusste von nichts

In der Öffentlichkeit ist von Transparenz der Streitkräfte bei diesem Projekt nicht viel zu spüren. Nicht nur die Umweltschützer sind über die Informationspolitik der Bundeswehr verärgert. Verwundert ist auch die schleswig-holsteinische Umweltstaatssekretärin Anke Erdmann. Von dem geplanten Ansprengversuch habe man aus der Presse erfahren. "Darauf hat sich der damalige Minister, Robert Habeck (Die Grünen), an die Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) gewandt und gesagt, dass wir da gerne eingebunden werden wollen." Das Land habe auch seine Expertise angeboten. Die Landesregierung wollte sicherstellen, dass der Naturschutz bei den Versuchen beachtet werde. Darauf sei das Verteidigungsministerium anfangs jedoch nicht eingegangen. Das habe sich nun allerdings geändert. Inzwischen spricht das Verteidigungsministerium mit der Kieler Landesregierung.

Gelernt aus dem Moorbrand im Emsland

Eine mögliche Erklärung für den Sinneswandel des Verteidigungsministeriums ist offenbar auch der verheerende Moorbrand auf dem Testgelände der Bundeswehr im Emsland im September. Danach sei die Gesprächsbereitschaft des Bendlerblocks sprunghaft angestiegen. Durch einen Waffentest ausgelöst hatte das Feuer wochenlang Anwohner und eine ganze Region in Atem gehalten. Auch damals wurde die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums scharf kritisiert.

Tests notwendig

Dass die Tests für die Bundeswehr grundsätzlich wichtig sind, davon ist Johannes Peters vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel überzeugt. Computersimulationen allein reichten nicht aus. Gleichzeitig steige für die Marine die Bedrohung durch Seeminen. Diese seien vergleichsweise günstig und einfach auszubringen, sagt Peters: "Ein gutes Beispiel dafür ist das Vorgehen der Huthi-Rebellen im Golf von Aden, die in den letzten Jahren sehr gezielt einfache Seeminen verbracht haben, um das Küstenvorfeld zu verminen. Insofern ist das ein Szenario, das eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher wird."

Auch den Ort für die Probesprengungen in der Ostsee vor Schönhagen, vergleichsweise nahe an der Küste, hält Peters für richtig. Denn dort hat die Wehrtechnische Dienststelle 71 der Bundeswehr die notwendigen Messinstrumente. "Die Besonderheit ist dort, dass am Meeresgrund jede Menge Sensorik verlegt und verbaut ist. Diese Infrastruktur kann man eben nicht überall einfach auf- und abbauen. Und das macht dieses Testgebiet für die Zwecke ideal", sagt Peters.

Weitere Informationen

Ostsee: Fregatte wird vorerst nicht beschossen

Die Marine will vorerst darauf verzichten, Waffentests in der Ostsee vor Schönhagen durchzuführen. In dem Gebiet sollte ab Oktober die Fregatte "Karlsruhe" beschossen werden. mehr

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Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 09.03.2019 | 19:20 Uhr

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