Das Kieler Standesamt © NDR Foto: Dortje Harders

Standesamt Kiel: Das lange Warten auf die Geburtsurkunde

Stand: 01.08.2022 22:00 Uhr

In Kiel warten Eltern wochenlang auf Geburtsurkunden für ihre Babys. Die Stadt verweist auf Personalprobleme, doch offenbar ist das nicht das einzige Problem.

von Sebastian Parzanny

Seit sieben Wochen ist die kleine Hedda bereits auf der Welt, doch weder bei der Krankenkasse noch bei der Elterngeldkasse ist das Kind bisher registriert. Auch ein Ausweisdokument, das laut Bundesgesetz jedes Kind braucht, konnten ihre Eltern bisher nicht beantragen. "Eigentlich wollten wir einen Familienbesuch in Dänemark machen, ohne Ausweis für das Baby können wir aber nicht über die Grenze fahren. Im Zweifel könnte ich nicht einmal nachweisen, dass es mein Kind ist", erzählt Heddas Vater.

Personalprobleme im Standesamt Kiel

Bei der Stadt Kiel ist das Problem bekannt: Rund 200 beantragte Geburtsurkunden wurden bisher nicht ausgestellt, meldet die Pressestelle. "Grund ist, dass zurzeit leider viele Mitarbeiter zeitgleich erkrankt und im Urlaub sind und auch dass die Anzahl der Geburten in Kiel stark gestiegen ist, da die Geburtenstation in Eckernförde geschlossen wurde", sagt Stadtrat Christian Zierau auf Nachfrage von NDR Schleswig-Holstein.

Die Stadt will das Problem angehen: Es wurden drei neue Stellen geschaffen. Bis zum Ende des Jahres will die Verwaltung der Landeshauptstadt das "Stadtamtprogramm 2022" umsetzen. Bedeutet: Die Geburtsurkunden sollen Eltern bereits direkt nach der Geburt ihres Kindes im Krankenhaus beantragen können. Andere Verwaltungen in Schleswig-Holstein setzen das bereits um, zum Beispiel die Stadt Schleswig - offenbar erfolgreich: "Wir stellen Geburtsurkunden in der Regel innerhalb von einer Woche aus“, meldet das Rathaus dort auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein.

Verzögerungen auch in anderen Kreisen

Auch in der Stadt Pinneberg kommt es bei der Ausstellung von Geburtsurkunden zu erheblichen Wartezeiten. Nach Angaben eines Sprechers brauchen Eltern etwa 10 Wochen Geduld. Es fehle an Personal und durch den erheblichen Anstieg von Fällen mit Auslandsberührung, egal um welche Bearbeitungen es im Standesamt geht, erhöhe sich die Bearbeitungszeit der einzelnen Fälle. 

Standesbeamte werden zum Teil schlecht bezahlt

Beim Landesverband der Standesbeamten und Standesbeamtinnen Schleswig-Holstein mit Sitz in Groß Rönnau (Kreis Segeberg) sieht man ganz generelle Probleme: "Leider ist die Bezahlung in vielen Standesämtern nicht so, wie sie sein sollte. Junge Leute, die die Chance bekommen eine besser bezahlte Stelle im öffentlichen Dienst zu bekommen, wandern ab", sagt die Vorsitzende Carola Hofbauer-Raup.

Außerdem ist die Ausbildung streng geregelt und kompliziert organisiert: Wer als Standesbeamtin oder Standesbeamter arbeiten will, muss ein 14-tägiges Seminar der Akademie für Personenstandswesen absolvieren. Die Schule sitzt im hessischen Dorf Bad Salzschlirf im Landkreis Fulda. "Gerade Menschen, die Kinder haben, können nicht mal eben für zwei Wochen nach Hessen. Sie versuchen in Schleswig-Holstein einen Platz zu bekommen. Aber an der Verwaltungsakademie Bordesholm gibt es nur zwei Seminare pro Jahr. Die sind immer sehr gut gebucht“, berichtet Hofbauer-Raup.

Fachkräftemangel in den Ämtern droht

Ihr zufolge, könnte Kiel nur der Anfang sein: "Viele Verwaltungen planen nicht im Voraus. Es müssten rechtzeitig mehr Menschen eingestellt und ausgebildet werden, da ja klar ist, dass in den kommenden Jahren viele Standesbeamte in Rente gehen werden", so die Landesvorsitzende.

Niemand reagiert auf Mails und Anrufe

Rund 200 junge Eltern, die für ihre Babys jetzt sofort eine Urkunde bräuchten, bleibt nur, abzuwarten und jeden Tag wieder mit großen Erwartungen in den Briefkasten zu schauen.

Zwar rät die Stadt Kiel ihnen dazu, in dringenden Fällen eine E-Mail direkt an das Standesamt zu schreiben. Doch auch das hat der Vater der kleinen Hedda bereits probiert. Seine Erfahrung: "Leider reagiert das Standesamt Kiel weder auf Anrufe noch auf E-Mails."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 02.08.2022 | 08:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Bagger auf Schienen arbeitet in einem Gleisbett. © NDR Foto: Johannes Tran

Bauarbeiten der Bahn sorgen für Zugausfälle zwischen Kiel - Hamburg

Mitten in der Urlaubszeit wird die Strecke Neumünster - Elmshorn vier Tage lang gesperrt. Die Zugausfälle wirken sich auch auf Kreuzfahrer aus. mehr

Videos